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USAMega-Blackout: Warum Texas im neuen Jahr das Schlimmste befürchtet

Texas ist Amerikas Energiegigant. Trotzdem warnen Experten vor einem Horror-Szenario: dem Kollaps der Stromversorgung. Risikofaktor ist nicht nur das marode Netz.Katharina Kort, Axel Postinett 30.12.2023 - 15:54 Uhr

New York, San Francisco. Die Texanerin Amanda Stoffels hat mit ihrem Mann 40 Hektar Land gekauft und lässt dort unter Solarpaneelen 250 Schafe grasen. Dem Farmer Louis Brooks gehört eine Ranch, die größer ist als der New Yorker Stadtteil Manhattan. Seine Rinder ruhen sich im Schatten von Windrädern aus.

„Wenn Leute mich fragen, wie eine Windturbine klingt, dann sage ich: Sie klingt nach Geld“, sagt Brooks. Stoffels und Brooks gehören zu den vielen Ranchern im republikanischen Texas, die die saubere Energie als zusätzliche Einnahmequelle entdeckt haben.

Innerhalb der USA gewinnt nicht Kalifornien, sondern der Ölstaat Texas am meisten Energie aus Windkraft- und Solaranlagen. Im vergangenen Jahr hat Texas laut der Energy Information Agency (Eia) insgesamt 136.000 Gigawattstunden Wind- und Solarenergie produziert, Kalifornien kam gerade einmal auf 55.000 Gigawattstunden.

Im Sommer hat Texas dank der alternativen Energien Stromausfälle verhindern können. Doch nun ist Winter und die Bewohner fragen sich, ob das System einem Kälteeinbruch wie im Jahr 2021 gewachsen ist. Damals waren beim Wintersturm „Uri“ 250 Menschen gestorben, als Hunderttausende bei Minustemperaturen tagelang ohne Strom blieben.

Schlecht oder gar nicht isolierte Leitungen und Schalter von Öl- und Gaskraftwerken waren eingefroren, Isolatoren an Überlandleitungen platzten, und die schiere Nachfrage nach Energie hatte die Infrastruktur an ihre Belastungsgrenze gebracht.

Auch dieses Jahr bleibt die Lage prekär. Die North American Electric Reliability Corp (Nerc) warnte im November, in Teilen der USA und Kanadas seien insgesamt 180 Millionen Menschen von potenziellen Stromausfällen bedroht, da es an Gaskraftwerken mangele.

Gefahr von Ausfällen „inakzeptabel groß“

Die texanische Netzagentur Ercot hatte bereits im Oktober gewarnt, die Gefahr von Ausfällen sei „inakzeptabel groß“. Deshalb hat Ercot bei mehreren Kraftwerksbetreibern angefragt, ob man zusätzliche Kapazitäten bereithalten könne. Doch bis Dezember gab es kaum Angebote.

In den vergangenen Wochen hat Ercot seine Inspektoren ausgesandt, um Kraftwerke, Generatoren und Verteilnetzwerke im Bundesstaat auf Winterfestigkeit zu überprüfen. Bei einem Treffen des Vorstands kurz vor Weihnachten versuchte die Behörde, Zuversicht zu vermitteln: „Wir sind so gut vorbereitet wie noch nie“, sagte Ercot-Chef Pablo Vegas.

Aber seine Zuversicht gründet vor allem auf den Wetterprognosen für einen milden Dezember. Auch Vegas räumt ein, dass niedrige Temperaturen vor allem am frühen Morgen, wenn die Menschen aufstehen und ihre Heizungen anschalten, das Netz an seine Grenzen bringen können. „Um diese Uhrzeit haben wir noch nicht Ressourcen wie Solar im System“, erklärt er die Problematik. Mehr als 60 Prozent der Heizungen wurden in Texas im Jahr 2021 laut Volkszählungsamt der Vereinigten Staaten elektrisch betrieben.

Auch der Ercot-Chefmeteorologe Chris Coleman warnt: Die Monate Januar und Februar brächten ein höheres Risiko für Polarstürme mit sich und könnten so das Netz vor Probleme stellen. Die Wahrscheinlichkeit von großflächigen Ausfällen liegt bei starken Winterstürmen laut Ercot bei 20 Prozent.

Stromnetz in Texas vom Rest des Landes komplett isoliert

Texas, dessen Fläche fast doppelt so groß ist wie Deutschland, ist nicht nur wegen seiner zahlreichen, oft veralteten Überlandkabel so anfällig für Stromausfälle. Das Netz ist auch komplett isoliert.

Es gibt drei Verbundstromnetze in den USA: eines für die westlichen Bundesstaaten und eines für die östlichen. Und dann gibt es Texas, ganz allein für sich. Dadurch vermeidet Texas Verpflichtungen zu gegenseitiger Hilfe in Notfällen, die man lange nicht zu benötigen glaubte.

Das endete in der Katastrophe der Winterstürme 2021 und auch 2022, weil das texanische Netz schon rein technisch isoliert dastand. Es konnte daher gar kein Strom eingeführt werden, weil es keine Stromleitungen gab, die das texanische Netz mit Netzen in anderen Bundesstaaten verbinden. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Damit ist Texas praktisch in einem ganzjährigen Krisenzustand. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen nach Texas ziehen und damit das Netz beanspruchen. Laut dem jüngsten Zensus hat die Bevölkerung allein 2023 um fast eine halbe Million zugelegt auf 30,5 Millionen Menschen.

Lange Jahre hat Texas seinen Energiebedarf vor allem durch Öl und Gas gedeckt, zuletzt aber ist insbesondere die Produktion erneuerbarer Energien rasant gewachsen. Viele Windfarmen und immer mehr Solarfelder stehen auf Farmland, häufig grasen Kühe unter den Windrädern.

Die Farmen eignen sich auch aufgrund ihrer Größe für ausgedehnte Windparks oder Solaranlagen: Die texanische Farm besitzt im Schnitt laut US-Landwirtschaftsministerium 206 Hektar Land, mehr als dreimal so viel wie der durchschnittliche Bauernhof in Deutschland.

„Texas hat riesige Flächen nutzbares Land und ein regulatorisches Umfeld, das gegenüber Projekten für erneuerbare Energien sehr freundlich ist“, erklärt Eric Gimon, Senior Fellow der Denkfabrik Energy Innovation in San Francisco.

In diesem Jahr hat Texas mit seinen 15.300 Windturbinen laut Angaben der Regierung des Bundesstaats 28,6 Prozent seiner gesamten Energieproduktion aus Windkraft gewonnen.  

„Wäre Texas ein eigenes Land, dann wäre es weltweit die Nummer fünf oder sechs unter den Windenergieproduzenten“, sagt Jon Elkind von der renommierten Columbia-Universität.

28,6
Prozent
Anteil der Windkraft an der Energieproduktion in Texas

Dass ausgerechnet Texas bei der Nutzung neuer Energien zum Vorreiter wird, überrascht auf den ersten Blick. Denn Texas ist traditionell ein Staat der Erdölförderung – und einer, in dem die konservativen Republikaner den Ton angeben. Und die gelten nicht unbedingt als Verfechter des Klimaschutzes.

Doch auch sie haben erkannt, dass in Zeiten des Klimawandels die Erneuerbaren eine Schlüsselrolle bei der Stromversorgung übernehmen.

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