Israel-Krieg: Hamas-Vizechef Al-Aruri in Beirut getötet
Beirut. Bei einer Explosion in Beirut ist der stellvertretende Leiter des Politbüros der islamistischen Hamas, Saleh al-Aruri, ums Leben gekommen. Die Hamas gab Israel am Dienstagabend die Schuld an der mutmaßlichen Tötung. Al-Aruri sei am Dienstag bei einer Attacke „der zionistischen Besatzung“ ums Leben gekommen, teilte die Islamistenorganisation mit.
Israels Militär wollte die Berichte über den Tod Al-Aruris auf Anfrage nicht kommentieren. Der Angriff beweist nach Darstellung der Hamas das „katastrophale Versagen“ Israel, seine Kriegsziele im Gazastreifen zu erreichen. Israel greift nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober derzeit mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive Ziele in dem Küstengebiet an.
Der bewaffnete Arm der Fatah-Partei des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas im Westjordanland teilte mit, die Al-Aksa-Brigaden trauerten um den Getöteten. Sie drohten, auf „alle Verbrechen des Feindes gegen unser Volk zu reagieren“ - ohne Israel namentlich zu erwähnen. Aus Kreisen der Hamas hieß es, es habe in Beirut ein Treffen der palästinensischen Fraktionen gegeben.
Insgesamt wurden sechs Menschen getötet, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete. Darunter seien auch die Kommandeure der Kassam-Brigaden, Samir Findi Abu Amer und Assam Al-Akraa Abu Ammar, meldete der Hamas-Sender Al-Aksa TV im Kurznachrichtendienst Telegram.
Al-Aruri, den Israel als Drahtzieher von Anschlägen im Westjordanland sah, galt schon länger als mögliches Ziel für einen Anschlag. Er galt als zuständig für die Aktivitäten des militärischen Hamas-Arms im Westjordanland.
Die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtete am Dienstagabend unter Berufung auf arabische Diplomatenkreise, dass die Verhandlungen über ein mögliches neues Geisel-Abkommen zwischen Israel und der Hamas wegen der Ereignisse in Beirut zum Stillstand gekommen seien. Die Gespräche konzentrierten sich nun darauf, eine Eskalation zwischen Israel und dem Libanon zu verhindern. Das „Attentat“ habe die Situation verändert, hieß es dem Bericht zufolge. Fortschritte, um einen weiteren Geisel-Deal zu erreichen, seien derzeit nicht mehr möglich.
Libanesische Premierminister spricht von „israelischen Verbrechen“
Israel und die Hamas hatten im Sommer - schon vor Beginn ihres laufenden Kriegs - Drohungen ausgetauscht. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte dabei, Al-Aruri wisse „sehr genau, warum er und seine Freunde sich versteckt halten“.
Augenzeugen sagten, zunächst sei ein Gebäude vom Angriff einer Drohne getroffen worden und dann ein Auto, aus dem Zivilschützer nach dem Brand eine verkohlte Leiche zogen. Libanesische Medien berichteten, Al-Aruri sei in einer Wohnung getötet worden.
Videos nach der Explosion in Beirut zeigten mindestens ein brennendes Auto nahe einer belebten Straße. Auch Sirenen von Krankenwagen waren zu hören.
Über der Gegend stieg weißer Rauch auf, auf der Straße lagen Glassplitter. Bald darauf versammelten sich Hunderte Anhänger der Hisbollah in der Gegend.
Danny Danon, ranghohes Mitglied der Likud-Partei, der auch Israels Regierungschef Netanjahu angehört, gratulierte Israels Militär, Geheimdiensten und Sicherheitskräften auf X zur Tötung Al-Aruris in Beirut. Alle am Massaker am 7. Oktober Beteiligten sollten wissen, dass Israel sie erreichen werde, schrieb er.
Israelischen Medienberichten zufolge hat der israelische Kabinettssekretär den Ministern untersagt, sich zu dem Vorfall zu äußern. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich schrieb auf X: „Alle deine Feinde werden umkommen, Israel.“
Der geschäftsführende libanesische Premierminister Nadschib Mikati sprach von einem „israelischen Verbrechen, das den Libanon auf jeden Fall in eine neue Phase der Konfrontationen führen will“. Zwischen Israels Armee und der Hisbollah kommt es seit Beginn des Gaza-Kriegs vor bald drei Monaten zunehmend zu mitunter tödlichen Konfrontationen nahe der gemeinsamen Grenze.
Irans Außenamtssprecher Nasser Kanaani machte Israel für den Tod des Hamas-Vertreters verantwortlich und verurteilte die mutmaßliche Attacke. Sie sei „Ergebnis der Verzweiflung und einer schweren und irreparablen Niederlage gegen palästinensische Widerstandsgruppen“, sagte Kanaani laut einer Mitteilung seines Ministeriums. Kanaani forderte zudem eine Reaktion durch den UN-Sicherheitsrat.
Al-Aruri war Berichten zufolge 58 Jahre alt und verbrachte insgesamt zwölf Jahre in israelischen Gefängnissen vor seiner Freilassung 2010. Er genoss Privilegien als Gesprächspartner von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, der sich kaum öffentlich zeigt.
Al-Aruri soll auch einer der Unterhändler gewesen sein für die Freilassung von Geiseln aus Gewalt der Hamas vergangenen Monat. Israels Armee hatte Al-Aruris Haus im Westjordanland Ende Oktober zerstört.
Langer Machtkampf zwischen Fatah und Hamas
Die Fatah und die Hamas sind die beiden größten Palästinenserorganisationen - und erbitterte Rivalen. Die Hamas hatte 2006 bei Parlamentswahlen gegen die gemäßigtere Fatah von Abbas gesiegt. Ein Jahr später riss die Hamas die alleinige Kontrolle des Gazastreifens an sich und vertrieb die Fatah gewaltsam von dort. Seit einigen Jahren gab es Versöhnungsgespräche zwischen den beiden Gruppen. Einige Vertreter der Fatah-Partei hatten auch Verständnis für den Terrorangriff der Hamas in Israel geäußert.
Der palästinensische Ministerpräsident Mohammed Schtaje verurteilte „die Ermordung Aruris“. Sie sei ein Verbrechen und werde Konsequenzen haben. Schtaje hatte kürzlich in einem Interview der Nachrichtenagentur Bloomberg gesagt, in dem von ihm bevorzugten Szenario werde die Hamas nach Ende des Gaza-Kriegs Juniorpartner der von der Palästinenserorganisation Fatah dominierte Palästinensische Autonomiebehörde (PA).
Die USA wollen, dass die PA nach Ende des Kriegs wieder die Kontrolle im Gazastreifen übernimmt. In Al-Aruris Heimatdorf Arura nördlich von Ramallah sowie in Ramallah selbst gab es am Abend Demonstrationen. Im Westjordanland wurde zudem am Mittwoch zu einem Generalstreik aufgerufen.