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Jennifer MorganVon der Aktivistin zur Klimastrategin: So stieg die Greenpeace-Chefin ins Auswärtige Amt auf

Die bisherige Umweltlobbyistin wird Chefverhandlerin von Außenministerin Baerbock. Die Personalie ist umstritten – und dürfte vor allem in einem Land auf Interesse stoßen.Silke Kersting, Dana Heide 09.02.2022 - 20:06 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Erfahrene Klimaverhandlerin, deren Berufung Lob wie Kritik auslöst.

Foto: Getty Images

Berlin. Dass die US-Amerikanerin Jennifer Morgan Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik im Auswärtigen Amt wird, ist für Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) eine „Traumbesetzung”: „Die Welt ist global und deswegen ist auch unser Personal global“, sagte die Ministerin bei der Vorstellung der Personalie am Mittwoch.

Ab dem 1. März wird die bisherige Chefin der Umweltorganisation Greenpeace International Deutschlands Gesicht in der internationalen Klimapolitik.

In den vergangenen Jahren hatte Morgan die Bundesregierung wiederholt als „mutlos“ kritisiert. „Deutschland hat zuletzt reichlich politisches Kapital verspielt“, kritisierte die seit 2003 in Deutschland lebende Amerikanerin in einem Gastbeitrag im Handelsblatt.

Die immer größere Lücke, die in der deutschen Klimapolitik zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe, habe dem ehemaligen Vorreiter-Land beim Klimaschutz ein massives Glaubwürdigkeitsproblem eingebrockt. Die Vertreter führender Volksparteien machten ihrem Namen keine Ehre, wenn sie noch immer Angst davor zeigten, in der Klimapolitik mutige Entscheidungen zu treffen, die über die nächste Legislaturperiode hinaus Bestand haben sollten.

Nun wird Morgan Außenministerin Baerbock bei ihrem Kurs in der Klimapolitik unterstützen, zunächst als Sonderbeauftragte, später als Staatssekretärin. Dazu muss Morgan die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Einen Einbürgerungsantrag hatte sie im vergangenen Jahr gestellt. Die beiden Frauen kennen sich von zahlreichen Klimakonferenzen, die Baerbock noch als Grünen-Umweltpolitikerin besucht hatte.

Bei den anderen Parteien rief die Berufung der 55-Jährigen gemischte Reaktionen hervor. CSU-Generalsekretär Markus Blume kritisierte auf Twitter: „Kein Platz für Bayern im Kabinett, aber viel Geld für Aktivisten aus der grünen Blase im Regierungsapparat“.

FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler sagte dem Handelsblatt, er habe Verständnis dafür, „dass der Wechsel einer Lobbyistin, die in der Vergangenheit mit durchaus radikalen Ansichten in Erscheinung getreten ist, in der Öffentlichkeit auf eine gewisse Verwunderung stößt“.

Dennoch sollte jeder eine faire Chance bekommen, sich nach einem Rollenwechsel in neuen Strukturen zurechtzufinden „und sich künftig für die im Koalitionsvertrag vereinbarte marktwirtschaftliche Ausrichtung der deutschen Klima-Außenpolitik einzusetzen“.

„Ideale Grundbedingung für die deutsche Klimadiplomatie“

Der menschenrechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Frank Schwabe, sagte, Morgan werde als „höchste deutsche Klimabeamtin“ „ebenso spektakulär wie gut“. Sie verstehe die internationale Klimapolitik wie keine andere. „Eine ideale Grundbedingung für die deutsche Klimadiplomatie.“

Timo Lange vom Verein Lobbycontrol sieht kein Problem. „Als Lobbycontrol haben wir auch in der Vergangenheit betont, dass es möglich sein muss, Fachleute von außen in die Ministerien zu holen“, sagte er. Klar sei aber auch, dass Morgan künftig die Positionen der Bundesregierung vertreten muss und nicht die von Greenpeace. Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International hält die Berufung Morgans ebenfalls für unproblematisch.

Jennifer Morgan ist seit mehr als 30 Jahren im Klima- und Umweltbereich aktiv. Die studierte Politikwissenschaftlerin arbeitete beim WWF, später bei der Denkfabrik E3G sowie dem Washingtoner Thinktank World Resources Institute (WRI).

Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 arbeitete sie im Beratergremium der Bundesregierung unter der Leitung des deutschen Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber. Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel berief sie 2013 in den Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE).

Außerdem wirkte sie am fünften Sachstandsbericht des UN-Klimarats IPCC mit. 2016 rückte Morgan zusammen mit der Neuseeländerin Bunny McDiarmid an die Spitze von Greenpeace International auf.

In China bekannt

Die Personalie dürfte besonders auch bei der chinesischen Staatsführung auf großes Interesse stoßen. Jennifer Morgan gilt in Pekinger Diplomaten- und Umweltschützerkreisen als ausgesprochene Chinakennerin und -kritikerin.

In ihrem Berufsleben war sie mehrfach in die Volksrepublik gereist. Als Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping Ende 2020 neue Klimaschutzziele verkündete, begrüßte Morgan das, äußerte sich aber zugleich kritisch, wie die Führung diese Ziele erreichen wolle.

Tatsächlich ist China in den vergangenen Monaten nach anfänglichem großem Engagement bei den Plänen zur Implementierung seiner Klimaschutzziele hinter die Erwartungen zurückgefallen. Erst in dieser Woche wurden neue Ziele zur Emissionsreduzierung im Stahlsektor, der für rund 15 Prozent von Chinas klimaschädlichen Gasen verantwortlich ist, bekannt. Im Vergleich mit vorherigen Vorhaben hat die chinesische Führung die Ambitionen dort wieder zurückgefahren.

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Morgan lebt bereits seit langem in der deutschen Hauptstadt. 1989, kurz vor der Wende, studierte sie in Berlin. Den Mauerfall habe sie dann aber verpasst, um in den USA mit ihrer Doktorarbeit über europäische Politik zu beginnen. „Das war kein gutes Timing.“

Laut Greenpeace ist Morgan oft als „Antibürokratin“ beschrieben worden, die flexible Teams innerhalb großer Strukturen aufbauen könne. Sie selbst sagt es so: „Es geht darum, die richtigen Leute für die richtigen Ziele einzusetzen, und nicht um Strukturen oder Organigramme.“

Spektakuläre Aktionen wie bei der Umweltorganisation üblich fielen ihr offenbar nicht leicht. Der Schweizer SonntagsZeitung sagte sie 2017, sie habe sich überwinden müssen, auf Demos zu gehen, bei denen sie wusste, dass die Polizei eingreifen würde. Als Morgan Greenpeace-Chefin wurde, nahm sie an speziellen Aktivistentrainings teil, um zu lernen, besser zu klettern oder Banner zu befestigen.

Politisiert in der Schweiz

Erstmals politisiert wurde sie während eines zweimonatigen Austauschprogramms in Niedererlinsbach, einer kleinen Gemeinde im Schweizer Kanton Solothurn. Damals unterstützte die US-Regierung den Guerillakrieg gegen die linke Regierung in Nicaragua, erinnerte sich Morgan viele Jahre später. Sie habe keine Ahnung von Politik gehabt.

Freunde und Gastfamilie hätten sie gefragt, was ihre Regierung da mache. Das habe sie beschäftigt und sie habe begonnen, mit mehr Menschen über die Rolle der USA in anderen Ländern zu sprechen. „So wurde ich für Politik sensibilisiert, vor allem für Außenpolitik.“

„Um Hoffnung kämpfen“, ein Buch der Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly, habe dann dazu geführt, dass ihr außen- und ihr umweltpolitisches Interesse zusammenkamen. Da war sie 21 Jahre. „Ich las das ganze Buch in einem Rutsch“, erzählte sie einst.

„Es war, als hätte jemand all das niedergeschrieben, was ich in meinem Herzen empfand, aber nicht fähig war, in Worte zu fassen“, sagte Morgan. Sie habe Kelly als unglaublich mutig empfunden – „und so wurde sie zu einem Vorbild für mich – in einer Weise, die mein Leben veränderte“.

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Ihr Job bei Greenpeace war für sie „wie nach Hause zu kommen“. Sie habe die Welt gesehen, sich unter Führungskräften und in den oberen Etagen der Geschäftswelt bewegt.

Greenpeace sei aber viel näher an ihren Wurzeln und habe durch die Unabhängigkeit einen riesigen Vorteil: „Durch den Grundsatz, weder von Regierungen noch von Unternehmen Spenden anzunehmen, besteht keine Notwendigkeit, sich zurückzunehmen oder sich davor zu fürchten, jemanden vor den Kopf zu stoßen.“

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