Kernkraft: Schweden findet Atommüll-Endlager – und es gibt kaum Proteste
Stockholm. In Deutschland sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) weiterhin nach passenden Regionen für ein Atommüll-Endlager, die schwedische Regierung hat jetzt einen Standort gefunden: Ein Gericht hat den Bau des Endlagers für Atommüll in Forsmark, knapp 150 Kilometer nördlich von Stockholm, genehmigt. Laut dem Beschluss kann das Endlager zunächst 70 Jahre betrieben werden, Verlängerung möglich und wahrscheinlich.
Die Gerichtsentscheidung sei „ein Meilenstein und wichtig für Schweden und die fossilfreie Stromerzeugung“, sagt Stefan Engdahl, der Chef von SKB, dem Unternehmen, das für die Endlagerung von Atommüll verantwortlich ist. „Wir haben jetzt die Voraussetzungen und Umweltbedingungen für den Bau eines sicheren und nachhaltigen Endlagers für abgebrannte Brennelemente.“
Sollte es beim Bau keine Verzögerungen geben, könnte ab 2037 in der Nähe des Kernkraftwerks Forsmark der erste Atommüll gelagert werden. In dem fast zwei Milliarden Jahre alten Granitgestein sollen in 500 Meter tiefen Tunneln etwa 12.000 Tonnen Atomabfall in 6000 speziell entwickelten kupferummantelten Kapseln für die nächsten 100.000 Jahre deponiert werden.
Schweden orientiert sich am finnischen Endlager
Nach Finnland ist Schweden damit das zweite Land weltweit, das sich nun für eine Endlagerstätte entschieden hat. Allerdings hat es in Schweden lange bis zu einer Entscheidung gedauert. 1973 begann die Suche nach einem geeigneten Endlagerplatz für den Atomabfall der damals zehn Reaktoren.
Mittlerweile sind nur noch sechs Reaktoren an drei Standorten in Betrieb, die knapp ein Drittel des Strombedarfs liefern. Allerdings hat die Mitte-rechts-Regierung den Bau von mindestens zwei neuen Atomreaktoren angekündigt. Der Bedarf für ein Endlager ist also noch einmal größer geworden.
Politisch gab es Proteste gegen den Standort. Vor allem die schwedischen Grünen, die zeitweise zusammen mit den Sozialdemokraten in der Regierung saßen, stoppten die Genehmigungsverfahren. Nach dem Regierungswechsel vor zwei Jahren wurde das Genehmigungsverfahren wieder beschleunigt.
Die Bevölkerung scheint wenig gegen den Standort einzuwenden zu haben. Anders als in Deutschland ist in dem dünn besiedelten Gebiet bei Forsmark die Hoffnung auf neue Arbeitsplätze größer als die Sorge vor radioaktiver Strahlung. Zudem ist die Bevölkerung dort schon seit Jahrzehnten gewohnt, neben einem Atomkraftwerk zu leben.
Wie sicher sind die Kupferkapseln, in denen der Atommüll gelagert wird?
Proteste gibt es derzeit so vor allem von der Umweltorganisation MKG. Sie hat die Baugenehmigung durch das Umweltgericht kritisiert. „Die Bedingungen für den Bau sind zu schwach, das Endlager sollte nicht gebaut werden“, sagte die MKG-Vorsitzende Linda Birkedal.
Sie befürchtet, dass die Kupferkapseln schon in einigen Hundert Jahren Lecks bekommen könnten, da die Technologie noch nicht ausreichend erforscht sei. Auch Wissenschaftler der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm haben sich skeptisch über die langfristige Haltbarkeit der Kapseln geäußert. An dem grundsätzlichen Gerichtsbeschluss wird die Kritik allerdings nichts ändern.
Schweden wird dabei ein ähnliches Lagerungsverfahren wie Finnland verwenden. Dort sollen bereits im kommenden Jahr die ersten Brennstäbe in einem Stollen in über 400 Meter Tiefe verschwinden.
In Onkalo (finnisch; „Höhle“) ist das weltweit erste Endlager für Atomabfall so gut wie fertig. Die Endlagerstätte liegt neben den drei Atomreaktoren von Olkiluoto. Der neueste Reaktor Olkiluoto 3 ist mit einer Kapazität von 1600 Megawatt der größte Atomreaktor in Europa. Auch an der Westküste Finnlands beschweren sich die Menschen nicht. Die Leute haben sich an die Nähe zu den Atomreaktoren gewöhnt. Schließlich arbeiten die ersten beiden Reaktoren schon seit fast 50 Jahren.
Schweden: Mehrheit der Bevölkerung ist für Atomkraft
Wie in Finnland ist auch in Schweden eine Mehrheit der Bevölkerung für die Atomkraft. Ein Grund: In den vergangenen zwei Jahren sind die Strompreise in Schweden deutlich gestiegen. Russlands Angriff auf die Ukraine sowie die immer stärkere Vernetzung der europäischen Stromleitungen haben in Schweden mit seinen traditionell extrem niedrigen Strompreisen zu einer deutlichen Verteuerung geführt.
Das Versprechen, durch den Ausbau der Atomenergie die Preise wieder senken zu können, hat offenbar viele Menschen überzeugt. Außerdem sind die mächtigen Gewerkschaften in Schweden klare Atombefürworter. Die Frage nach einer Endlagerstätte für den atomaren Abfall scheint zudem gelöst.
Doch noch kann die Entscheidung des Gerichts angefochten werden. Auch müssen noch seltene Frösche am Standort umgesiedelt werden. Allerdings glauben selbst die Kritiker des Endlagers in Forsmark nicht, dass sie das Projekt noch stoppen können.