Krieg im Nahen Osten: Tausende Menschen fliehen im Libanon vor israelischen Bomben
München. Die Kämpfe zwischen Israel und der proiranischen Hisbollah werden immer verbissener: Auch am Dienstag flogen israelische Kampfjets großflächige Angriffe gegen mutmaßliche Stellungen der schiitischen Terrormiliz im Südlibanon. Dabei seien Raketenabschussrampen, „terroristische Infrastruktur“ und Waffenlager der Hisbollah getroffen worden, teilten die israelischen Streitkräfte mit. Die proiranische Miliz feuerte ihrerseits nach israelischen Angaben mehr als hundert Raketen auf Gebiete im Norden Israels ab.
Die schwersten Bombardements der israelischen Luftwaffe seit vielen Jahren haben seit dem Wochenende bereits Hunderte von Toten gefordert. Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden bisher 558 Personen getötet, unter ihnen 50 Kinder. Mehr als 1800 Menschen wurden verletzt.
Der Beschuss sei so stark und intensiv wie noch nie gewesen, sagte der Libanese Abu Hassan Kahlul der Nachrichtenagentur Reuters. „Kleine Kinder wissen nicht, was passiert, aber in ihren Augen ist die Furcht zu sehen.“
Tausende Familien haben angesichts der Angriffe die Flucht ergriffen. Sie packten Matratzen, Decken und Teppiche sowie Wertgegenstände wie Gold ein, beluden damit ihre Autos und machten sich so schnell wie möglich auf den Weg. Auf der wichtigsten Verbindungsstraße zwischen dem Süden des Landes und der Hauptstadt Beirut staute sich über Kilometer hinweg der Verkehr.
Der Verkehr war so dicht, dass viele die Nacht auf der Straße verbringen mussten. Nach Angaben der libanesischen Regierung sind mehr als 26.000 Staatsbürger aus dem Kriegsgebiet geflohen. Die Familien versuchen vor allem bei Verwandten im Inneren oder Norden des Landes unterzukommen.
Die Regierung richtete 89 Notunterkünfte ein. Damit wächst die Zahl der Vertriebenen weiter. Mehr als 90.000 Libanesen waren bereits vor den jüngsten Luftangriffen aus dem Süden geflohen.
Auf israelischer Seite mussten 60.000 Menschen aus der Grenzregion vor den Angriffen der Hisbollah mit Raketen und Drohnen fliehen. Israels Verteidigungsminister Joaw Galant hatte vergangene Woche eine „neue Phase“ im Krieg gegen die vom Iran unterstützte libanesische Miliz angekündigt. „Vor ein paar Wochen haben wir beschlossen, das ‚Gravitationszentrum‛ unserer Operationen vom südlichen auf den nördlichen Schauplatz zu verlegen“, sagte Galant am Montagabend während eines Treffens mit Kommandanten. Ziel sei die sichere Rückkehr israelischer Bürger in ihre Gemeinden im Norden. Vertreter der US-Regierung und Experten bezweifeln jedoch, dass dies gelingen wird.
Israel wendet sich direkt an die Libanesen
Die Hisbollah und Israel haben schon mehrfach verlustreiche Kriege gegeneinander geführt, zuletzt im Jahr 2006. Die permanenten Angriffe auf Israel seit Oktober rechtfertigt die Miliz mit dem Krieg in Gaza. In der vergangenen Woche musste die Hisbollah aber einen schweren Rückschlag verkraften, als es vermutlich dem israelischen Geheimdienst gelang, einen Teil der Hisbollah-Offiziere mit explodierenden Pagern und Walkie-Talkies zu töten oder schwer zu verletzen.
Der israelische Armeechef, Generalleutnant Herzi Halewi, kündigte am Dienstag eine Verstärkung der Angriffe an. „Die Hisbollah darf keine Atempause erhalten“, sagte Halewi. „Wir werden die Offensivoperationen intensivieren und alle unsere Einheiten verstärken.“ Den höchsten Preis zahlt jedoch wie so oft die Zivilbevölkerung. „Wir haben sofort unsere Papiere und Wertgegenstände zusammengeräumt und uns auf den Weg gemacht“, sagte ein Familienvater dem panarabischen Sender Al Dschasira. „Wann wir zurückkehren können, wissen wir nicht.“
Mit Textnachrichten hat die israelische Armee die Libanesen am Dienstag wie schon am Montag zur Massenflucht aufgerufen. Die Armee verschickte Tausende Text- und Audionachrichten an Mobiltelefone und Festnetzanschlüsse. Die Bewohner müssten „Hisbollah-Gebäude oder Gebäude, in denen Waffen gelagert werden, sofort verlassen“, forderten die auf Arabisch verschickten Botschaften. Eine ähnliche Nachricht war am Montag auch im Radio zu hören. Die Dörfer müssten in einem Radius von einem Kilometer geräumt werden, erklärte der arabische Sprecher der Streitkräfte am Dienstag.
Unter den Libanesen haben die Nachrichten die Angst und Nervosität noch verstärkt. Wie Israel an ihre Telefonnummern kam, ist unklar. Bei dem Angriff sei eine „betrügerische elektronische Anwendung“ zum Einsatz gekommen, teilte der libanesische Minister für Telekommunikation, Johnny Corm, mit. Dafür brauche es keine hochentwickelte Technologie.