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MileiMilei hat Argentinien zu einem der teuersten Länder gemacht

Mit dem harten Peso will die Regierung in Buenos Aires die Inflation in Schach halten. Kritiker warnen vor einer Scheinblüte – und einem Absturz der Wirtschaft.Alexander Busch 16.02.2025 - 10:47 Uhr Artikel anhören
Javier Milei: Der argentinische Präsident will wenig Staat und wenig Inflation. Foto: REUTERS

Salvador. Javier Milei konnte noch nie gut mit Kritik umgehen. In Fernsehshows machte sich der Ökonom mit Schimpftiraden einen Namen. Als Präsident hat er sich nicht geändert. Selbst einst hochgelobte Vorbilder sind vor seinem Zorn nicht sicher – wenn sie Milei widersprechen.

So geschehen bei Domingo Cavallo, dem legendären Wirtschaftsminister unter Präsident Carlos Menem (1989 bis 1999). Er führte erstmals die Bindung des Pesos an den Dollar ein und gilt in Argentinien als visionärer Ökonom. Auch Milei pries den Harvard-Ökonomen immer wieder als „besten Wirtschaftsminister in der Geschichte Argentiniens“ und als „Nationalhelden“, dem er nacheifern wolle.

Doch seit Anfang dieser Woche ist alles anders: „Er ist eine Zumutung“, beschimpfte Milei den 78-jährigen Ökonomen, der ihn im Wahlkampf und in der Regierung stets verteidigt hatte.

Der Grund für die Frontalkritik an Cavallo: Dieser hatte in seinem Blog vor der Geldpolitik gewarnt, die zu einer exzessiven Aufwertung des Pesos führe. Bereits jetzt sei der Peso um rund 20 Prozent überbewertet. „Die Gefahr ist, dass dies zu einer Deflation führt, die sich irgendwann zu einer echten Wirtschaftskrise ausweiten könnte“, warnte Cavallo.

Seitdem wettert Milei in täglichen Radiointerviews gegen die „Ecochantas“ (etwa: „Ökonomen-Scharlatane“), die seine Geldpolitik absichtlich falsch interpretieren würden.

Wirtschaft wächst, Geldmenge nicht

Milei war angetreten, um den Staat zu verkleinern und die Inflation zu bekämpfen. So ist der Staatshaushalt unter Milei erstmals seit Langem ausgeglichen. Die Regierung kann mit den Einnahmen ihre Ausgaben bestreiten. Dadurch muss sie keine Peso mehr drucken, wie in den Jahrzehnten zuvor. Allerdings wird die einheimische Währung knapp, denn die Wirtschaft wächst wieder.

Gleichzeitig kontrolliert die Regierung den Devisenmarkt und legt den Dollarkurs fest. Pro Monat wertet sie den Peso um nur noch ein Prozent gegenüber dem Dollar ab. Die Inflation beträgt aber immer noch mehr als zwei Prozent im Monat. Das führt zu einer schrittweisen Aufwertung der Landeswährung. 2024 stieg der reale Wert des Peso inflationsbereinigt um 44,2 Prozent gegenüber einem Währungskorb der Handelspartner.

Offensichtlich hat Cavallos Kritik bei Milei einen Nerv getroffen. Denn Argentinien ist durch den starken Peso das teuerste Land Südamerikas geworden. Der „Economist“ kommt zu dem Schluss, dass der Peso um 20 Prozent überbewertet ist. Ein Big-Mac etwa ist nur in der Schweiz teurer – wie der „Economist“ feststellt, der regelmäßig die Burger-Preise weltweit vergleicht, um einen Anhaltspunkt für die Lebenshaltungskosten zu geben.

Was der Big-Mac-Index verrät

Umgerechnet acht Dollar kostet der Big Mac in Buenos Aires. Das ist angesichts des niedrigen Einkommensniveaus extrem teuer. Wer mehr als 130 Dollar im Monat zur Verfügung hat, gilt nach dem Statistikamt der Hauptstadt (Idecba) nicht mehr als arm. Eine solche Person könnte sich aber gerade einmal 16 Burger im Monat leisten.

Markt in Buenos Aires: Importwaren werden wegen des starken Pesos billiger, viele inländische Angebote aber teurer. Foto: AFP

Die Regierung will einen starken Peso, um die Inflation im Griff zu halten. Dabei ist Milei erfolgreich: Die Inflation ist auf unter drei Prozent im Monat gesunken. Vor einem Jahr lag sie noch bei 20 Prozent. Im Januar betrug die Inflationsrate der letzten zwölf Monate 85 Prozent, ein Jahr zuvor waren es noch 211 Prozent Geldentwertung.

Die Absicht der Regierung: Mit dem starken Peso werden Importwaren billiger. Zudem hat die Regierung Online-Einkäufe bis 400 Dollar von Steuern und Zöllen befreit. Importe bis 3000 Dollar sind legal. Das drückt die Preise für alle handelbaren Güter – nicht aber für lokale Dienstleistungen wie Friseurbesuche, Tourismus oder Privatschulen.

Urlaub im Ausland ist billiger als zu Hause

Allerdings wird der Urlaub im Ausland wegen des starken Pesos billiger: Die Strände in Brasilien, Chile und Uruguay sind in diesen Sommerferien voll von Argentiniern. In den sozialen Medien überbieten sich die Touristen mit Posts, wie unglaublich billig alles sei. Die Einkaufszentren in Paraguay und Chile erleben täglich einen Ansturm von Argentiniern, die vor allem Elektronikartikel und Textilien kaufen.

Milei knüpft dabei an der populistischen Politik des „Plata dulce“, des „süßen Geldes“, seiner Vorgänger an: In der Militärdiktatur schraubte Finanzminister Martínez de Hoz ab 1978 den Leitzins auf Rekordhöhe, um die Inflation zu bändigen. Das zog ausländische Finanzinvestoren an, die ihre Dollar in Peso tauschten, um von den hohen Zinsen zu profitieren. Dadurch stieg die Nachfrage nach Peso und damit sein Wert.

Bei den Argentiniern von der Mittelschicht aufwärts führte der harte Peso (und billige Dollar) zu Einkaufsorgien im Ausland. Damals waren die Argentinier in Miami, Paris und Mailand für „Dáme dos!“ bekannt: „Pack mir zwei davon ein!“ – weil für sie alles so billig war.

Auch Minister Cavallo setzte unter Präsident Menem auf den Zaubertrick der Dollar-Bindung: Der an den Dollar gekoppelte Peso stoppte die Inflation und gab der Gesellschaft die Illusion von Wohlstand – bis sie Anfang 2002 mit der Abwertung des Pesos brutal in die Rezession gestoßen wurde. Keine Bank wollte Argentinien mehr Kredit in Dollar geben.

Milei hofft auf Sieg seiner Partei bei den Parlamentswahlen

Eine Abwertung ist in den nächsten Monaten nicht zu erwarten. „Die Regierung will ihre bisher erfolgreiche Strategie nicht aufs Spiel setzen“, sagt die Ökonomin Milagros Gismondi vom Finanzdienstleister Cohen in Buenos Aires. Solange die Inflation weiter sinke und das Wachstum anziehe, werde sie den Kurs nicht ändern. Denn im Oktober sind Parlamentswahlen. Milei hofft wegen der Preisstabilität auf einen Erdrutschsieg seiner Partei „La Libertad Avanza“. Bisher hat sie im Kongress nur eine Minderheit der Abgeordneten- und Senatorensitze.

Deshalb muss es Milei besonders geärgert haben, dass Cavallo ein Ende der Devisenkontrollen „in spätestens drei Monaten“ forderte. Argentinier und Unternehmen können nur sehr beschränkt Peso gegen Dollar tauschen, ins Ausland überweisen oder dort Dollar-Kredite aufnehmen. Bisher hat Milei nur vage davon gesprochen, das strenge Wechselkursregime seiner Vorgänger gegen Ende des Jahres zu beenden.

Noch hat die Zentralbank zu wenig Dollar in der Devisenkasse, um eine Liberalisierung zu riskieren. Rechnet man die Devisenbestände mit den ausstehenden Verpflichtungen zusammen, sind die Dollarreserven noch negativ. Ein Run auf den Dollar würde sofort die Inflationsraten in die Höhe treiben.

Für Investoren sind der harte Peso ebenso wie die Devisenkontrollen ein Hindernis: Wenn sie Kapital nach Argentinien schicken, wollen sie nicht riskieren, dass es über Nacht an Wert verliert, wie schon so oft zuvor. Sie wollen irgendwann auch Dividenden oder Gewinne von dort zurück überweisen.

Deshalb verhandelt die Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen zusätzlichen Kredit von zwölf Milliarden Dollar, um die Nettoreserven zu erhöhen. Argentinien ist mit einem bestehenden Hilfsprogramm von über 40 Milliarden Dollar der mit Abstand größte Schuldner Washingtons. Doch der Fonds zögere, heißt es in Buenos Aires.

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Milei betont, dass Argentinien den neuen Kredit nicht braucht, um die Kapitalverkehrskontrollen aufzuheben. Es würde nur schneller gehen, sagt er immer wieder. Diego Pereira von JP Morgan sagt: „Wir glauben, dass die laufenden Verhandlungen mit dem IWF den Weg für eine schrittweise Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen ebnen können.“

Gegenüber Cavallo zeigt sich Milei unversöhnlich: Per Dekret hat er Cavallos Tochter von ihrem Posten bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Washington enthoben. Der Grund: Ihr Vater sabotiere das Wirtschaftsprogramm, sagte Milei. „Entweder ist man auf unserer Seite oder auf der anderen.“

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