Naher Osten: Vergeltungsangriff gegen Huthi-Rebellen – USA greifen stärker in den Nahostkonflikt ein
Washington, Sanaa. Es sind die größten Angriffe der USA gegen die Huthi-Rebellen seit zehn Jahren – und sie könnten Konsequenzen nach sich ziehen: In der Nacht zum Freitag haben amerikanische Streitkräfte gemeinsam mit Großbritannien die im Jemen ansässige Bewegung im großen Umfang attackiert.
Kampfjets bombardierten Ziele im Jemen, die mit der Huthi-Miliz in Verbindung stehen, teilte das Weiße Haus mit. Darunter seien Radaranlagen, Raketen- und Drohnenabschussrampen sowie Waffenlager gewesen.
Die Angriffe seien von amerikanischen Stützpunkten in der Region und vom Flugzeugträger „Dwight D. Eisenhower“ aus gestartet worden, hieß es weiter. Ein U-Boot der US-Marine feuerte Tomahawk-Marschflugkörper ab. Er werde nicht zögern, bei Bedarf weitere Maßnahmen anzuordnen, teilte US-Präsident Joe Biden in einer Stellungnahme mit.
Logistisch und geheimdienstlich waren zudem die Niederlande, Australien, Kanada und Bahrain beteiligt. Deutschland, Dänemark, Neuseeland und Südkorea brachten in einer schriftlichen Erklärung ihre Unterstützung zum Ausdruck. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte am Freitag während eines Aufenthalts in Malaysia: „Die Reaktion hat unsere politische Unterstützung.“
Seit Ausbruch des Gazakrieges zwischen Israel und der islamistischen Hamas greifen die Huthis immer wieder Schiffe mit angeblich israelischer Verbindung im Roten Meer an. Große Reedereien meiden zunehmend die Route. Etwa zehn Prozent des gesamten Welthandels sind auf die Wasserstraße angewiesen. Die Huthis attackieren auch Israel immer wieder direkt mit Drohnen und Raketen.
Die Huthis sind eine von mehreren bewaffneten Gruppen in der Region, die es seit Ausbruch des Gazakriegs auf israelische, US-amerikanische oder andere Ziele abgesehen haben. Die Rebellen würden „noch nie da gewesene Angriffe auf den globalen Handel“ verüben, erklärte ein hochrangiger US-Regierungsbeamter in der Nacht zum Freitag. Deshalb habe man die zahlreichen Attacken auf internationale Frachter in den vergangenen Wochen, zuletzt auf ein dänisches Schiff, vergolten.
Dilemma für Biden
Über Monate hatte die US-Regierung gezögert, mit militärischen Mitteln in der politisch instabilen Region zu reagieren. Zunächst gründete man eine multinationale Marine-Einsatzgruppe zum Schutz der Wasserstraßen, die Operation „Prosperity Guardian“, an der Großbritannien, Kanada, Frankreich und Bahrain beteiligt sind. Regierungsbeamte äußerten die Befürchtung, dass der Gazakrieg zu einem noch größeren regionalen Konflikt eskalieren könnte.
Mit den Attacken gegen die Huthis könnten die Spannungen zwischen den USA und dem Iran nun weiter zunehmen. Der Iran finanziert unter anderem die Hamas und die libanesische Hisbollah, dazu Stellvertretergruppen in Syrien und im Irak. Hochrangige US-Beamte werfen dem Iran vor, auch die Huthis zu unterstützen und die Krise im Roten Meer provoziert zu haben.
Biden muss schwierige Entscheidungen abwägen: Sein wichtigstes Ziel besteht erklärtermaßen darin, den Krieg zwischen Israel und der Hamas einzudämmen und einen Flächenbrand im Nahen Osten zu verhindern. Gleichzeitig steht er gerade im Präsidentschaftswahlkampf unter Druck, auf die Angriffe der Huthis zu reagieren. Die US-Republikaner, allen voran Donald Trump, werfen Biden außenpolitisches Versagen vor angesichts des Ukrainekriegs und der Krise im Nahen Osten.
Biden: Bereits 27 Angriffe auf Handelsschiffe
Laut dem hochrangigen Regierungsbeamten war eine schwere Huthi-Attacke auf ein US-Schiff am Donnerstagmorgen der letzte Auslöser für die militärische Reaktion. „Die Vereinigten Staaten halten ihr Recht auf Selbstverteidigung aufrecht“, hieß es in einer Stellungnahme des Pentagons. „Falls erforderlich, werden wir Folgemaßnahmen zum Schutz der US-Streitkräfte ergreifen.“ US-Verteidigungsminister Lloyd Austin befindet sich derzeit im Krankenhaus, soll die Attacken aber mit befehligt haben, so der Beamte weiter.
Biden erklärte, es habe bereits 27 Angriffe auf internationale Handelsschiffe gegeben, erstmals hätten die Huthi-Rebellen dabei auch eine ballistische Antischiffsrakete eingesetzt. Mehr als 2000 Schiffe seien gezwungen worden, einen Umweg von Tausenden Meilen zu nehmen.
Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer und bietet damit die kürzeste Verbindung auf dem Seeweg zwischen Asien und Europa. Die Alternativstrecke um das südafrikanische Kap der Guten Hoffnung verlängert die Transporte um mehrere Tage.
Eine Reaktion der USA und ihrer Verbündeten hatte sich zuletzt immer stärker angedeutet. Großbritanniens Verteidigungsminister Grant Shapps hatte in den vergangenen Tagen immer wieder vor Konsequenzen gewarnt, sollten die Angriffe nicht aufhören. Premierminister Rishi Sunak hatte deshalb am Donnerstagabend Medienberichten zufolge sein Kabinett kurzfristig zu telefonischen Beratungen einberufen.
Huthi-Großangriff vor wenigen Tagen
Die schiitischen Huthi-Rebellen haben im Jemen in ihrem seit 2014 laufenden Aufstand weite Teile im Norden des Landes eingenommen, und sie kontrollieren auch die Hauptstadt Sanaa. Die Rebellen werden vom mehrheitlich schiitischen Iran unterstützt.
Erst vor wenigen Tagen hatten die Huthis einen Großangriff mit Drohnen und Raketen auf Schiffe im Roten Meer durchgeführt. Der Anführer der jemenitischen Rebellen, Abdul-Malik al-Huthi, äußerte sich am Donnerstag laut dem Huthi-Fernsehsender Al Massirah deutlich: „Keine amerikanische Aggression wird ohne eine Antwort bleiben“, sagte er. Die Antwort auf jeden amerikanischen Angriff werde „größer“ ausfallen als der Großangriff der Rebellen vor Kurzem. Der Rebellen-Anführer rief sein Volk dazu auf, am Freitag in der Hauptstadt Sanaa zu Millionen auf den Straßen zu demonstrieren.