Nahost: Iran unter Schock – doch langfristig droht ein Abnutzungskrieg
München, Brüssel. Die Antwort des Irans auf die jüngsten militärischen Erfolge Israels klingt entschlossen: Die „Schläge der Widerstandsfront“ würden nun „noch vernichtender“ ausfallen, drohte Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei. Allerdings stellt sich die Frage, wann: Parallel sagte der iranische Vizepräsident Javad Zarif, die Vergeltung werde „zu angemessener Zeit“ kommen.
Es ist die gleiche Aussage, die das Regime schon gemacht hatte, als Ende Juli Hamas-Chef Ismail Hanija in Teheran getötet wurde. Nur blieb dieser Gegenschlag bisher aus.
Experten halten es für möglich, dass der Iran auch jetzt nicht massiv reagieren wird. Und das, obwohl die Pager-Attacke auf die Hisbollah, die Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, die Zerstörung von wichtigen Hisbollah-Zentren und nun der Beschuss von Huthi-Stellungen im Jemen aus Sicht des Irans Demütigungen bedeuten. Mit einer nun gestarteten Bodenoffensive Israels gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon erreicht die Lage in Nahost die nächste neue Eskalationsstufe.
„Der Iran steht total unter Schock“, sagt Nahost-Experte Kawa Hassan vom Stimson Center, einem auf Sicherheitsfragen spezialisierten Thinktank. Und es sei sehr unwahrscheinlich, dass er reagieren werde: „Die iranische Führung wird den Schlag, die Demütigung irgendwie hinnehmen.“
Ein Grund dafür ist, dass es hohen Aufwand bedeuten würde, Israel zu schaden. Im Frühjahr hatte der Iran 300 Raketen und Drohnen gestartet, damit aber nicht die erhoffte Zerstörung angerichtet. 99 Prozent der Geschosse wurden von Israel und seinen Verbündeten abgefangen.
Israel bleibt auf einen Angriff vorbereitet
Der Iran sei nicht bereit, einen Krieg gegen Israel zu führen, sagte Ahmed Al-Khuzaie vom Gulf-Israel Center in Bahrain bei einer Veranstaltung in Brüssel: „Sie könnten einen Krieg nicht finanzieren.“ Auch die Bevölkerung sei gegen einen Krieg. Deshalb werde das iranische Regime nun versuchen, die Lage zu beruhigen.
Seit der Tötung ihres Anführers Qassem Suleimani vor vier Jahren seien die iranischen Revolutionsgarden „nicht mehr dieselben“, sagte Al-Khuzaie. Das Land sei seither nicht mehr stabil. Die Revolutionsgarden unterhalten eigene Streitkräfte, stehen in mehreren Staaten und womöglich auch bald in der EU auf der Terrorliste und sind ein bedeutender Machtfaktor.
Revolutionsführer Khamenei selbst lebe in Angst, dass Israel ihn als Nächsten tötet, sagte Gaith Al Omari vom Washington Institute. Der Iran werde zwar irgendwie reagieren müssen, um nicht als schwach wahrgenommen zu werden. Die Antwort werde aber so zurückhaltend ausfallen, dass eine größere Eskalation vermieden wird.
Israel sei dennoch auf einen Angriff vorbereitet, sagte Yaakov Amidrod, Israels ehemaliger nationaler Sicherheitsberater und Ex-General. Es gebe auch Stimmen in Israel, die nach dem Libanon nun gegen Iran vorgehen wollen. Diese Entscheidung sei in der israelischen Regierung aber noch nicht gefallen, betonte Amidrod. Aber er sagt: „Viele meiner Freunde wären sehr glücklich, wenn Iran angreifen würde.“ Dann könne Israel eine passende Antwort geben.
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Dafür wiederum wäre der Iran nicht gerüstet. Das Land verfügt weder über eine nennenswerte Luftwaffe noch über eine wirklich funktionsbereite Luftabwehr. Hinsichtlich Militär und Aufklärung sei Israel überlegen, zumal es von den USA und anderen westlichen Ländern enorme Unterstützung erhalte, erläuterte Kawa Hassan.
Für den Abgesang auf den Iran ist es zu früh
Netanjahu sieht sich in seiner militärischen Strategie bestätigt und feierte sich am Wochenende selbst für seine Erfolge: Die Tötung von Hisbollah-Chef Nasrallah werde das „Machtgleichgewicht in der Region auf Jahre hinaus verändern.“
„Israel, genauer gesagt Netanjahu, schreibt die Spielregeln für den Kampf zwischen sich und seinen Gegnern buchstäblich neu“, sagt Experte Hassan. „Es gibt so gut wie keine roten Linien mehr. Wir befinden uns auf völlig neuem Terrain.“
Das Ende des Irans und seines Systems aus loyalen Milizen hält er jedoch noch nicht für gekommen. „Angesichts der Folgen der Tötung von Nasrallah ist die Schlussfolgerung verlockend“, sagt der Experte. „Aber die Lage ist komplizierter.“
Die Hisbollah sei zwar massiv geschwächt, aber sie verfüge noch immer über ihre Lenkwaffen, die sie bisher auf Geheiß Irans nicht eingesetzt habe. Darunter sind iranische Fateh-110-Raketen mit einer Reichweite 250 bis 300 Kilometern. Kurzfristig habe Israel die Oberhand gewonnen. Es sei jedoch nicht klar, ob es einen Mehrfrontenkrieg auch auf lange Sicht durchhalten könne.
„Dieser Krieg ist noch lange nicht vorbei“, sagt Hassan. „Dies wird zu einem Abnutzungskrieg. Wir müssen uns auf eine lange Sicht einstellen.“ Das Schlimme sei, so der Experte, dass dabei niemand mehr nach den Palästinensern frage. „Israel hat die Hamas großteils zerschlagen, Gaza ist faktisch unbewohnbar, und rund 100 israelische Geiseln befinden sich noch immer in Gefangenschaft. Aber das interessiert kaum noch jemanden.“