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NahostZweifel am Erfolg von Israels Schlag in Doha wachsen

Der Angriff auf die Hamas-Führung in Katar sorgt international für große Empörung. Beobachter warnen, die Attacke könne Israels diplomatische Glaubwürdigkeit dauerhaft untergraben.Pierre Heumann 10.09.2025 - 17:16 Uhr Artikel anhören
Rauchschwaden ziehen nach Explosionen in Doha auf: Israel hatte am Dienstag Hamas-Ziele in Katar angegriffen. Foto: REUTERS

Tel Aviv. Nach dem israelischen Angriff auf die Hamas-Spitze in Doha mehren sich die Zweifel, ob Premier Benjamin Netanjahu damit die erhofften Ziele erreicht hat. Israelische Medien berichteten am Mittwoch unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass die Führungsriege des Hamas-Politbüros offenbar unversehrt geblieben ist.

Immerhin habe der Schlag den politischen Anführern der Hamas deutlich gemacht, dass sie nirgends sicher seien. Damit habe der Angriff zumindest eine psychologische Wirkung entfaltet, sagte ein Insider.

Die Hamas erklärte, ihre obersten Funktionäre hätten den Angriff überlebt. Zugleich bestätigte sie den Tod von fünf rangniedrigeren Mitgliedern, darunter des Sohnes von Hamas-Führer Khalil al-Hayya, des Hamas-Chefs für den Gazastreifen und wichtiger Unterhändler sowie von drei Leibwächtern und des Leiters des Büros von Khalil al-Hayya.

Der Angriff hatte die Hamas überrascht. In Doha, wo Mitglieder der radikalen islamistischen Organisation Gastrecht genießen, hatten sie sich in Sicherheit gewähnt.

Die Hamas-Mitglieder sollen sich am Dienstagnachmittag in einem Gebäude in Doha versammelt haben, um über den jüngsten US-Vorschlag für eine Waffenruhe im Gazakrieg zu beraten. Mehrere hochrangige Hamas-Kader waren aus der Türkei angereist, um an der Sitzung teilzunehmen.

Bemerkenswert ist das Timing des Angriffs: Nur wenige Stunden zuvor hatte Israels Außenminister Gideon Sa’ar öffentlich erklärt, Israel sei grundsätzlich bereit, auf Basis des neuen US-Plans einem Waffenstillstand zuzustimmen – allerdings unter der Bedingung, dass die noch in der Gewalt der Organisation befindlichen Geiseln freikommen und die Hamas entwaffnet wird.

Dass just während einer Beratung über diesen Vorschlag israelische Raketen in Doha einschlugen, untergräbt nach Ansicht des US-Politologen und Nahostexperten Paul Poast die Glaubwürdigkeit der israelischen Diplomatie: „Das weckt Zweifel an der Nachhaltigkeit einer Waffenruhe, sollte sie überhaupt zustande kommen.“

Katar unterstützt Hamas mit Milliardenbeträgen

Der ehemalige Marinegeheimdienst-Offizier Eyal Pinko, heute Forscher am Begin-Sadat Center for Strategic Studies, hält es allerdings für möglich, dass die Ankündigung Sa’ars eine Finte war – mit dem Ziel, die Hamas-Spitze in Doha zusammenzubringen.

In Katar leben nicht nur die Hamas-Führer, die für das Massaker in Israel vom 7. Oktober 2023 verantwortlich sind. Der Golfstaat unterstützt die Organisation seit Jahren mit Milliardenbeträgen. Trotzdem setzte Israel lange auf Doha als Verhandlungsplattform – sehr zum Missfallen des Inlandsgeheimdiensts Shin Bet, der früh für ein härteres Vorgehen plädiert hatte. Aus Gründen, die unklar bleiben, hielten Politiker dennoch am katarischen Kanal fest.

Vor einigen Wochen war bekannt geworden, dass Katars Einfluss bis ins Büro von Premierminister Netanyahu reicht. Dort sollen Beamte daran gearbeitet haben, die Position Ägyptens zu schwächen und die Beziehungen zu Kairo zu untergraben – um zu verhindern, dass die Geiselverhandlungen unter ägyptische Regie geraten.

Trump äußert sich kritisch

Der Angriff stößt international auf breite Verurteilung. US-Präsident Trump zeigte sich kritisch, bezeichnete die Ausschaltung der Hamas-Führung gleichzeitig aber als „würdiges Ziel“. Er habe versucht, den „starken Verbündeten“ Katar vorab zu warnen, doch seine Botschaft sei nicht rechtzeitig angekommen, erklärte er.

Auch habe er mit Netanyahu telefoniert, der ihm versichert habe, er wolle „Frieden“. Zugleich warnte Trump die Hamas erneut und stellte einmal mehr einen möglichen Durchbruch in den Geiselgesprächen in Aussicht.

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Überraschungsattacke am Nachmittag – Israel greift Hamas-Führung in Katar an

Beobachter gehen davon aus, dass mit dem Angriff auf die Hamas in Doha die Chancen auf eine tragfähige Waffenruhe im Gazastreifen weiter gesunken sind. Sie sehen Israel entschlossen, die politische Führung der Hamas systematisch zu schwächen und womöglich auf eine militärische Entscheidung statt auf Verhandlungen zu setzen.

Der amerikanische Experte Steven A. Cook vom Council on Foreign Relations warnt, Israel riskiere mit der Operation nicht nur eine Verschlechterung seiner Beziehungen zur arabischen Welt, sondern verhindere auch Fortschritte im ohnehin fragilen Waffenstillstandsprozess.

Katar will an der Vermittlerrolle festhalten, wohl auch, um nicht von Ägypten verdrängt zu werden. Das Emirat wirft Israel zwar einen „massiven Bruch“ der Souveränität des Emirats vor, will aber weiterhin zwischen Israel und der Hamas schlichten, wie Premierminister Mohammed bin Abdulrahman al-Thani versicherte.

Mohammed bin Abdulrahman al-Thani: Katars Premierminister will weiterhin zwischen Israel und der Hamas schlichten. Foto: AFP

In Israel wurde der Angriff auf das Politbüro der Hamas fast euphorisch aufgenommen. Der Sprecher des israelischen Parlaments, Amir Ohana, nannte den Luftschlag eine „Botschaft an den gesamten Nahen Osten“ und hob dessen symbolischen Charakter hervor.

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Auch der Katar-Experte Ariel Admoni vom Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS) rechnet mit einer „positiven Dynamik“. Zwar werde das Vertrauen Katars in Israel erschüttert sein, doch bleibe das Emirat ein unverzichtbarer Akteur für Verhandlungen über Geiseln und Waffenruhe.

Besonders brisant ist der Angriff auch, weil sich in Katar der größte US-Stützpunkt der Region befindet. Auf der Luftwaffenbasis Al-Udeid sind 8000 bis 10.000 amerikanische Soldaten stationiert, dazu etwa 90 Flugzeuge, darunter B-52-Bomber und F-22-Jets. Dort befindet sich auch das Combined Air Operations Center von CENTCOM, das sämtliche US-Luftoperationen im Nahen Osten, in Zentralasien und Teilen Südasienst steuert.

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