Nearshoring: Westliche Unternehmen investieren kaum in Lateinamerika
Salvador. US-Finanzministerin Janet Yellen hat vor lateinamerikanischen Staatsoberhäuptern ihre Vision des Friendshorings angepriesen, der Verlagerung von Lieferketten in Länder, denen die USA vertrauen. Das Potenzial sei außergewöhnlich. Saubere Energien, Medizintechnik – von Feuerland bis Alaska.
Mit ihrer Begeisterung stand sie allerdings ziemlich allein. Von den 27 lateinamerikanischen Staatsoberhäuptern, die sie im November eingeladen hatte, waren lediglich sechs Präsidenten nach Washington gekommen.
Die Euphorie über das Potenzial von Friendshoring ist verpufft. Dabei schien es bis vor Kurzem groß zu sein: Umweltbedenken, die Folgen der Coronapandemie, die Verarbeitungsketten unterbrochen hatte, Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China, der Krieg in der Ukraine, geopolitische Spannungen – all das würde dazu führen, dass Unternehmen ihre Liefer- und Produktionsketten verlagern, wurde prognostiziert.
Und zwar in Länder, denen sie vertrauen (Friendshoring), oder in Länder in unmittelbarer Nähe (Nearshoring).
Einen Investitionsboom versprachen sich vor allem Staaten in Lateinamerika und Afrika. Doch ihre Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, im Gegenteil: Konzerne aus der westlichen Welt zögern.
Kein Nearshoring-Boom in Lateinamerika
Das McKinsey Global Institute kommt in einer umfangreichen Analyse zum Nearshoring in diesen Regionen seit 2022 zu folgendem Schluss: „Mittelgroße Volkswirtschaften mit weniger etablierten globalen Lieferbeziehungen, wie die in Afrika oder Lateinamerika, haben kaum wesentliche Handelssteigerungen erfahren.“ Das schreiben die Berater in ihrer Untersuchung „Geopolitics and the geometry of global trade“.
Auch bei den Investitionen von US-Konzernen in Lateinamerika fallen die Zahlen enttäuschend aus. „Die jüngsten US-Investitionsankündigungen deuten noch nicht auf einen anhaltenden Nearshoring-Boom in Kanada, Mexiko oder gar Lateinamerika hin“, heißt es weiter in der McKinsey-Analyse.
Die Prognose, die die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) vor zwei Jahren aufstellte, hat sich damit als zu euphorisch erwiesen: Lateinamerika sollte mittelfristig zusätzliche Waren- und Dienstleistungen in Höhe von 78 Milliarden Dollar pro Jahr exportieren. Das wäre ein Plus von rund sechs Prozent gewesen.
Die Region bietet sich aus verschiedenen Gründen eigentlich dafür an: Lateinamerika sei friedlicher als Osteuropa, weniger korrupt als Afrika und demokratischer als Asien – zumindest Experten des Finanzdienstleisters Latam Investor fassen die Standortvorteile so zusammen.
Tatsächlich gibt es Investitionen. Von einer Neuverteilung der Produktionsketten scheinen bisher vor allem Mexiko und Zentralamerika zu profitieren. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA und das milliardenschwere Subventionsprogramm der Regierung von Joe Biden (Inflation Reduction Act, IRA) haben die Investitionen in Mexikos Industrie gesteigert. Die Folge: 2023 war Mexiko wieder der größte Exporteur in die USA – vor China.
Eine Reihe von Investitionsankündigungen von US-Konzernen scheint den Trend in der Region zu belegen. Tesla baut in Nordmexiko eine Fabrik für fünf Milliarden Dollar, heißt es. Microsoft hat in Costa Rica eine neue Lateinamerikazentrale mit eigener Forschung eröffnet. Der Chiphersteller Intel investiert dort 1,2 Milliarden Dollar in eine Halbleiterfertigung.
Allerdings: Im historischen Vergleich der ausländischen Direktinvestitionen in Mexiko fällt der Neuansiedlungseffekt enttäuschend gering aus.
Arnulfo Rodríguez, Chefökonom bei BBVA Research, beobachtet, dass die jährlichen Direktinvestitionen ausländischer Konzerne immer noch unter dem Vor-Pandemie-Niveau liegen. Der Anteil der zweitgrößten Ökonomie Lateinamerikas an den weltweiten Direktinvestitionen liegt weiter unter drei Prozent.
In Brasilien ist das Resultat noch schwächer: Dort sind die Auslandsinvestitionen vergangenes Jahr um 18 Prozent gesunken. Auch in Chile, Kolumbien, Peru und Argentinien haben politische Unsicherheiten das Interesse der Investoren gebremst. Südamerika zieht weniger als drei Prozent der weltweiten Direktinvestitionen an.
William Maloney, Weltbank-Chefökonom für Lateinamerika und die Karibik, sagt: „Es ist nicht zu erkennen, dass die Länder Lateinamerikas und der Karibik auf das Nearshoring-Boot aufgesprungen sind.“
Konzerne aus Europa und den USA gehen lieber nach Fernost
In Fernost dagegen sieht es anders aus: Dort sind Onshoring-Effekte sichtbar. Westliche Konzerne siedeln ihre neuen Unternehmen dabei seltener in China und vermehrt in den umliegenden Staaten wie Vietnam, Singapur und Indonesien an. Auf Südostasien entfallen inzwischen mehr als zehn Prozent der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen, heißt es von der IDB.
Nach Schätzungen von BBVA Research konnten vom Abfluss der 5,5 Prozentpunkte der ausländischen Investitionen aus China besonders die Nachbarstaaten profitieren.
„Vietnam und Taiwan gewannen 2,3 und 1,2 Prozentpunkte an ausländischen Direktinvestitionen hinzu“, sagt Chefökonom Rodríguez. „In Mexiko gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass Nearshoring-Investitionen zu wirtschaftlichen Spillover-Effekten geführt haben.“ Heißt: Noch wurden keine neuen Wertschöpfungsketten in Mexiko aufgebaut.
Zu den Gründen für Lateinamerikas geringe Anziehungskraft zählen beispielsweise die fehlende Qualifikation der Arbeitskräfte und die schlechte Infrastruktur.
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Selbst 30 Jahre nach dem Inkrafttreten der nordamerikanischen Freihandelsabkommen – erst Nafta, jetzt USMCA – klagen Industrieparks im Norden Mexikos über Strom- und Wassermangel. Ein großes Hindernis.
Für Maloney von der Weltbank haben sogar teure Standorte wie Kanada, Korea, die Vereinigten Staaten und auch Deutschland einen Vorteil gegenüber Brasilien, wenn man Sekundärkosten wie Infrastruktur, Logistik, Qualität der Arbeitskräfte und politische Stabilität mit einbeziehe in die Investitionsentscheidungen der Konzerne.
Für die Experten von Global Finance sind es vor allem die politischen Risiken in Lateinamerika, welche die Investoren abschrecken. „Angesichts der regulatorischen Risiken, der politischen Unruhen und der Unterschiede in der logistischen Infrastruktur in diesen Ländern zögern die Unternehmen und Financiers bei riskanten Nearshoring-Projekten.“
Lateinamerika hat ein Infrastruktur-Problem
Ein weiterer Grund, warum Lateinamerika nur wenig von der Neuverteilung der Wertschöpfungsketten profitiert, ist die geringe Integration innerhalb der Region. Nur 15 Prozent des Außenhandels wickeln die Staaten untereinander ab, beobachten die Experten der IDB. In Fernost sind es fast zwei Drittel.
Für die Staaten ist auch das problematisch, denn Unternehmen zögern, ihre Produktionsanlagen in Ländern aufzubauen, die nicht in der Region integriert sind. Die Märkte sind allein betrachtet zu klein für sie. Das gilt derweil auch für große Märkte wie Brasilien oder Mexiko: Hightech-Produzenten oder Hersteller von hochwertigen Konsumgütern brauchen einen möglichst großen Absatz, damit sich die hohen Investitionen rechnen.
Es wird sich so schnell nichts ändern in Lateinamerika. „Unter den Entwicklungsregionen investieren Lateinamerika und die Karibik im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung BIP mit am wenigsten in die Infrastruktur – etwa ein Drittel von Ostasien“, beobachtet Maloney von der Weltbank.
Aus Unternehmensumfragen der Weltbank geht hervor, dass 29 Prozent der Unternehmen in Lateinamerika einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als Wachstumshemmnis bezeichnen, verglichen mit 15 Prozent in Asien.
„Klare Nearshoring-Strategie“ – China drängt nach Lateinamerika
Länder aus der westlichen Welt tun sich daher schwer – dafür nutzt China strategisch die Onshoring-Chancen in Lateinamerika. „Ein zunehmender Anteil der Investitionen in Mexiko kommt nun aus China“, heißt es in der Analyse von McKinsey. Die angekündigten Investitionen aus der Volksrepublik haben sich im Vergleich zu den Durchschnittswerten vor der Pandemie mehr als verdoppelt.
Margaret Myers, Leiterin des Asien- und Lateinamerika-Programms beim US-Thinktank Inter-American Dialogue, beobachtet: „In Mexiko investieren chinesische Unternehmen in die hochwertige Industrieproduktion – zum Teil als klare Nearshoring-Strategie.“ Das gelte in geringerem Maße auch für Kolumbien, Ecuador und Chile.
In Mexiko hat der Zustrom chinesischer Investoren bereits 2018 begonnen, als Ex-Präsident Donald Trump Importzölle auf chinesische Produkte erhöhte. Mexiko ist heute zum wichtigen Brückenkopf für die Exporte chinesischer Firmen in die USA geworden.
Und in Brasilien investierten chinesische Konzerne in grünen Wasserstoff, nachhaltige Stromgewinnung, E-Mobilität, Konsumunternehmen sowie gemeinsame Forschung und Entwicklung – also überall dort, wo sich Wertschöpfungsketten aufbauen ließen und sich Exportchancen böten, sagt Myers.
Es sieht also doch so aus, als könnte die Vision des Onshorings in Lateinamerika Wirklichkeit werden – allerdings durch andere Akteure, als US-Finanzministerin Yellen sich das gewünscht hat.