Kokainschmuggel: In den Häfen Guayaquils beginnt der Highway nach Europa
Guayaquil. Seit 50 Jahren lebt Wilfried Meinlschmidt in Guayaquil und hat dort eines der größten Logistikunternehmen Ecuadors aufgebaut. Sein Unternehmen fliegt Rosen nach Europa, verschifft Bananen und Shrimps in die ganze Welt, importiert Autos und bringt sie zu den Händlern im ganzen Land. „Wir bewegen Waren zu Wasser, zu Land und in der Luft“, sagt der gebürtige Bremer stolz.
Der Blick aus seinem Büro ist beeindruckend: Der Fluss Guayas ist hier so breit wie der Amazonas. 75 Kilometer sind es von hier bis zur Mündung in den Pazifik. Früher legten die Bananenfrachter direkt vor seinem Büro an. Jetzt liegen die fünf Überseehäfen der führenden Wirtschaftsmetropole Ecuadors weiter flussabwärts, wo das Bett des Guayas tiefer ist.
Die Kaianlagen wurden zu einer Flaniermeile. Weiter flussaufwärts folgen moderne Hotel-Hochhäuser mit Restaurants am Wasser. Eine Seilbahn verbindet das gegenüberliegende Ufer über Kilometer mit dem Stadtzentrum.
Doch der Malecón, also die Promenade am Fluss, die Seilbahn und die Restaurants sind auch am Tag weitgehend leer. Die Menschen vermeiden es, sich auf den Straßen zu bewegen. Und das liegt nicht an der feucht-tropischen Hitze, die das ganze Jahr über der Stadt liegt.
Guayaquil hat sich seit Kurzem in einen Hotspot der Gewalt verwandelt. Im vergangenen Jahr war es eine der Städte mit der höchsten Mordrate in Lateinamerika. 3600 Menschen wurden 2023 in der Stadt und der umliegenden Provinz mit insgesamt 4,4 Millionen Einwohnern ermordet.
Große Kartelle: Entführt, überfallen, beschossen
Die großen Kartelle aus Mexiko, Albanien und Italien treiben ihr Unwesen, daneben aber auch regionale, also südamerikanische Gruppen. „Hier war es immer ruhig, ein Paradies“, sagt Meinlschmidt. „Das ist es heute nicht mehr.“
Er hat den Wandel selbst hautnah mitbekommen: Meinlschmidt wurde entführt, zweimal überfallen. Kürzlich beschossen Kriminelle den Eingang seines Containerdepots – als Warnung, um Erpressungen Nachdruck zu verschaffen.
Zum Depot am anderen Flussufer fahren die Mitarbeiter seines Unternehmens nur vormittags. Gegen Mittag kehren sie von dort schon wieder zurück. Trotz der siebzig dort angebrachten Kameras und dem eigenen Sicherheitsdienst gebe es immer das Risiko, dass Mitarbeiter erpresst würden, sagt Meinlschmidt.
Immer wieder komme es in den Häfen der Stadt zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Kürzlich sei ein Containerschiff von Maersk im Fluss gekapert worden. Die Banditen nahmen die Kommunikationsinstrumente von der Brücke mit und verlangten eine hohe Summe, um die Teile wieder zurückzugeben.
Maersk fährt seitdem den südlich gelegenen Bananenhafen Puerto Bolívar bei der Stadt Machala nicht mehr an. Auch bei Hapag-Lloyd in Hamburg heißt es, dass es zunehmend Probleme in Guayaquil gebe: Korruption, Gewalt und Mord seien an der Tagesordnung.
Interviews erweisen sich als schwierig: Nicht nur, dass niemand die Sicherheit in den Häfen garantieren will. Kaum jemand ist bereit, mit der Presse zu sprechen. Beim neuen DP World Posorja, dem einzigen Tiefseehafen Guayaquils direkt am Pazifik, kommt die Pressevertreterin aber zum Gespräch und berichtet von den Gefahren am Hafen. Der Geschäftsführer möchte aus Sorge über Entführungen nicht erscheinen.
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Auch einen Hafenbesuch lehnt das Unternehmen ab: Nicht nur die Umgebung des Hafens und das dortige Fischerdorf seien höchst gewalttätig geworden. Auch die rund 100 Kilometer lange Straße dorthin sei zu unsicher.
Die Verbrennungsöfen für Kokain sind überlastet
In den Häfen herrscht Krieg: Die Drogengangs kämpfen dort um die Exportkanäle für ihr Kokain. Sie verstecken es in Containerschiffen, die täglich von Ecuador mit Bananen und Shrimps ablegen. Die Häfen der Metropole sind zur wichtigsten Schaltstelle für den weltweiten Kokainhandel geworden – obwohl Ecuador selbst kaum Kokablätter anbaut oder Kokain produziert.
Doch das Andenland ist zum wichtigsten Durchgangskorridor für Kokain aus Kolumbien, Bolivien und Peru geworden. Ein Drittel des „weißen Goldes“, welches auf dem Weg zu den Konsumenten in Europa und den USA beschlagnahmt wird, wurde über Ecuador ausgeführt.
Allein in Ecuador haben die Behörden in drei Jahren rund 350 Tonnen Kokain sichergestellt. Die Verbrennungsöfen sind bei diesen Mengen überlastet. Das Kokain wird mit Sand, Ölresten und Chemikalien zu einem Baumaterial verarbeitet, das wie Beton für Arbeiten in öffentlichen Gebäuden benutzt wird. Die Behörden halten die Konstruktionen geheim, bei denen der „Kokainzement“ eingesetzt wird.
Das meiste Kokain für Europa werde von Guayaquil aus geschmuggelt, so die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) – und zwar in immer größeren Mengen. Im zweiten Halbjahr 2023 beschlagnahmten die Zollbehörden in Europas Häfen Rekordladungen. In Hamburg stellten die Behörden im Juli vergangenen Jahres zehn Tonnen Kokain aus Ecuador sicher, die wohl aus Guayaquil stammten. 121 Tonnen Kokain wurden 2023 insgesamt am Hafen von Antwerpen abgefangen.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) ist deshalb Anfang März nach Brasilien, Peru, Ecuador und Kolumbien gereist. Die Zusammenarbeit der Polizei zwischen Europa und Südamerika soll intensiviert werden.
Die Kooperation ist wenig fortgeschritten. In Südamerika klagen Drogenermittler darüber, dass in Europa ein heilloses Durcheinander herrsche bei den Institutionen für den Kampf gegen den Drogenhandel. Gleichzeitig wächst der Kokain-Strom nach Europa immer wieder an.
Fast immer steckt das weiße Pulver in Kühlcontainern zwischen Bananen. 2000 dieser sogenannten Reefers verlassen die ecuadorianische Hafenstadt wöchentlich. „Die bilden einen Super-Highway für Kokain nach Europa“, sagt Manuel Laniado. Seine Familie produziert in dritter Generation Bananen. Man sei ein Produzent mittlerer Größe. Wöchentlich schickt das Unternehmen fünf oder sechs Container nach Europa.
Die Geschwindigkeit, mit der die Drogenmafia das Bananengeschäft infiltriert habe, sei ein Albtraum für die Branche.
Laniado sieht die Produzenten als Opfer. Die „contaminación“ („Verseuchung“) – also die Beimischung der Drogen – finde kaum auf den Plantagen statt, sagt er. In der Branche kenne man sich. Die Mehrheit der rund 8000 Produzenten in Ecuador sei mittelständisch.
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Vielmehr geschehe dies beim Transport, in den Sammellagern für die Früchte, den Häfen und auf den Containerschiffen selbst. Die Frage, warum Ecuador in so kurzer Zeit der weltweit führende Hub für Kokain werden konnte, erklärt er ökonomisch: „Es ist eine Frage des Preises“, sagt Laniado. Die Mafia exportiere von dort, wo die Kosten am niedrigsten seien – also der Widerstand durch den Staat am geringsten sei.
Agreements mit den Drogengangs?
Und dafür ist Ecuador prädestiniert. Der linke Populist Rafael Correa, der Ecuador von 2007 bis 2017 als Präsident regierte, hat die Voraussetzungen geschaffen, dass die Mafia aus den Nachbarländern einfach zum Zuge kommen konnte.
Er erneuerte den Vertrag mit den USA nicht, der ihnen erlaubte, die Luftwaffenbasis Manta am Pazifik zu nutzen. Von dort kontrollierten die Amerikaner den Drogenhandel an der Küste. Er schuf die Visa-Pflicht für viele Staaten ab, was der Grund sein soll, warum sich albanische Gangs im Drogengeschäft in Ecuador ausbreiten konnten. Viele Menschen in Ecuador glauben, dass Correa mit den Drogengangs aus Kolumbien und Mexiko Vereinbarungen geschlossen hat.
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Im Hafen Contecon lässt sich ahnen, wie einfach es sein muss, von Ecuador aus Kokain zu schmuggeln. Die Konzession gehört dem philippinischen Betreiberkonzern ICTSI, einem der weltgrößten Unternehmen der Branche. Am Mittwoch ist im Hafen wenig los. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Die zwei Kräne stehen still. Ein russischer Frachter liegt am Pier. Ecuador exportiert ein Drittel seiner Bananen nach Europa, aber auch ein Viertel nach Russland.
Bis Mitte der Woche würden die Lagerhäuser der Umgebung mit Bananen gefüllt. Richtung Wochenende herrsche Hochbetrieb auf den Kais, erklärt der ICTSI-Direktor. Bis zu sieben Schiffe würden dann auf einmal beladen.
Eine Kontrolle der Container durch Scanner ist seit 2021 Vorschrift. Zwei von ihnen stehen etwas verloren auf dem Gelände. Sie ähneln großen Autowaschanlagen. Durch sie fahren die Trucks im Schritttempo. Versteckte Kokainladungen können so zuverlässig festgestellt werden.
Kokainschmuggel: Es gibt Drogenscanner – aber sie werden nicht genutzt
Doch das Problem im Hafen von Contecon – wie auch in fast allen anderen Häfen Guayaquils: Die Scanner stehen dort, sind aber nicht im Einsatz. Sie seien in der Testphase, erklärt der Direktor. Denn nicht der Hafenbetreiber oder die Polizei seien für die Kontrollen verantwortlich, sondern die Zollbehörden. Deren Chef habe mehrfach gewechselt. Bisher konnte man sich angeblich nicht darauf einigen, wie das Prozedere aussehen soll.
Es heißt, dass die Kontrolleure künftig außerhalb des Hafens an einem unbekannten Ort sitzen sollen, damit sie weniger erpressbar oder korrumpierbar seien. Doch wann das so weit ist, das ist offen.
Offensichtlich scheint das staatliche Interesse an einer effizienten Kontrolle nicht besonders groß. Alle Interviewpartner ziehen die Schultern hoch bei dieser Frage und wollen sich selbst mit den zögerlichen Antworten nicht zitieren lassen. Einen Scanner zu kaufen, sei das geringste Problem, sagt ein Hafenbetreiber. Die Behörden dazu zu bewegen, ihn auch zu benutzen – das sei viel schwieriger.
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Auch im Contecon-Hafen sieht man die Schuldigen außerhalb der eigenen Verantwortungssphäre: 95 Prozent der „Verseuchungen“ fänden auf dem Fluss und dem Pazifik statt, also bevor die Schiffe ihren Kurs über den Seeweg nach Norden in Richtung Panamakanal einschlagen. Offizielle Angaben gibt es nicht.
Schutzboote der Marine begleiten Containerschiffe im Fluss und noch eine Stunde aufs offene Meer hinaus, bis diese volle Fahrt aufnehmen können. Die Drogengangs kapern sie trotzdem immer wieder mit Schnellbooten. Die Piraten schließen die Crew auf der Brücke ein, während sie Drogen in den Containern verstecken. Die Plomben an den Schlössern kopieren sie. Die Kokainladungen rüsten sie mit batteriegetriebenen Satellitenmeldern aus, damit ihre Partner diese in den europäischen Zielhäfen finden können.
Mit dem Einsatz des Militärs und verschärften Kontrollen habe die Regierung begonnen, „die Geschäfte der Mafia zu stören“, erklärt der Bananenexporteur Laniado den Grund für die Gewaltwelle in Ecuador. Das habe die derzeitige Gewaltwelle ausgelöst. Die Täter stammten aus der zweiten Riege der Drogenarbeiter, also das Fußvolk der Kartelle. Sie hätten erstmals die Chance, kurzfristig reich zu werden – und seien besonders gewalttätig.
Die Stadt Guayaquil ist sich selbst überlassen
Nahe dem Zentrum haben die Gangs vor Kurzem einen TV-Sender überfallen. „Mit der Mafia legt man sich nicht an!“, riefen die bezahlten Kleinganoven bei laufendem Programm. Gerade wurde der Staatsanwalt erschossen, der die Vorgänge untersuchte
Aus der lebensfrohen, bunten Hafenmetropole Guayaquil ist eine Stadt im nervösen Ausnahmezustand geworden. Die Mittelschicht aufwärts haben sich die Einwohner auf der Flussinsel Samborondón eingekapselt. Mit den Shoppingmalls und Gated Communitys sieht es dort aus wie in Miami. Der Rest der Stadt scheint seinem Schicksal überlassen.
Erstpublikation: 31.03.2024, 11:50 Uhr.