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RaumfahrtOHB – von einer kleinen Werkstatt zum Weltraumkonzern

Die unwahrscheinliche Geschichte eines Familienunternehmens, das einst hydraulische Wagenheber reparierte und heute Satelliten fertigt. Mittendrin: Christa Fuchs und ihre Familie.Thomas Jahn 14.01.2026 - 22:00 Uhr Artikel anhören
Christa und Marco Fuchs: Die Weltraumabenteurer. Foto: Tristan Vankann, OHB [M]

Bremen. Anfang der Achtzigerjahre war Christa Fuchs ein „Empty Nester“, wie man heute sagen würde. Ihre beiden Kinder waren ausgezogen, der Ehemann war vollauf beschäftigt mit seinem Job als Ingenieur. Also suchte sich die damals 42-Jährige eine Beschäftigung, um dem leeren Einfamilienhaus zu entfliehen.

Eine so weit gewöhnliche Geschichte, die aber mehr als ungewöhnlich weiterging. Fuchs übernahm 1981 eine kleine Firma, die für die Bundeswehr hydraulische Wagenheber reparierte und Standheizungen in Militärfahrzeuge einbaute. Das Unternehmertum lag in der Familie: Ihr Vater hatte eine Schlosserei in Pinneberg. Das Kaufmännische hatte sie vor der Ehe im Stahlhandel bei Klöckner in Hamburg gelernt.

Aber der Kauf von OHB war ein „Himmelfahrtskommando“, wie Christa Fuchs einmal einer Lokalzeitung sagte. In der Tat: Ohne Führungserfahrung und Branchenwissen übernahm sie die „Otto Hydraulik Bremen“. Ihre Tage waren auf einmal mehr als ausgefüllt: Gespräche mit Kunden, Anweisungen an die damals fünf Mitarbeiter, Abarbeiten der Aufträge – mithilfe eines erfahrenen Meisters und viel Hilfe von allen Seiten schaffte es Fuchs, alle Probleme zu lösen.

Zwei Jahrzehnte führte die heute 87-Jährige das Unternehmen, erst allein, später mit ihrem Mann, Hobbypilot und Raumfahrtingenieur Manfred Fuchs. Mitte der Neunziger kam ihr Sohn Marco Fuchs hinzu. Zusammen bauten sie eines der wichtigsten Raumfahrtunternehmen Deutschlands auf.

Ein Hightech-Konzern in Bremen

Was für ein Wandel, was für eine Geschichte. Und mittendrin die frühere Hausfrau und Teilzeitkraft eines Kaffeeladens, die als Firmenchefin ein Unternehmen groß machte – was nicht immer einfach war: „Wenn Sie sich Sorgen machen, wie Sie am Ende des Monats die Gehälter zahlen, dann schläft man nicht mehr gut“, antwortet sie auf die Fragen des Handelsblatts schriftlich. Ein Interview war nicht möglich, ganz offen geht sie mit ihrem Schlaganfall um, der ihr das Sprechen erschwert.

Die schlaflosen Nächte haben sich gelohnt: OHB ist mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz keine kleine Werkstatt mehr, sondern ein Hightech-Konzern mit Sitz in Bremen. Mit seinen rund 3300 Beschäftigten baut OHB Hightech-Satelliten, etwa für die Bundeswehr, oder entwickelt für die europäische Raumfahrtagentur Esa eine Asteroidenabwehr – die mithilfe einer Sonde solche astronomischen Kleinkörper bei Bedarf vom Kurs Richtung Erde abbringen soll.

Antennenmontage von OHB auf Galileo-Satelliten: Die Zeichen stehen auf Wachstum. Foto: dpa

Esa-Chef Josef Aschbacher sagte dem Handelsblatt: „Mit der Esa verbindet OHB eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit.“ Die Kooperation reicht von Galileo-Navigationssatelliten und den Meteosat-Wettersatelliten der dritten Generation über die Erforschung von Exoplaneten bis hin zur Messung von Gravitationswellen oder künftigen europäischen Trägerraketen. „Dieses familiengeführte Engagement mit klarer Zukunftsvision stärkt Europas Raumfahrt und Industrie und wird von der Esa sehr geschätzt.“

Die Zeichen stehen auf Wachstum: Die Bundeswehr will 35 Milliarden Euro bis 2030 in die Weltraumverteidigung investieren, Deutschland stellt für die nächsten drei Jahre mit 5,4 Milliarden Euro so viel Geld für die Esa bereit wie kein anderes Land in Europa.

„Es gab keine komischen Sprüche“

Allerdings hätte es die heutige OHB um ein Haar nie gegeben. Als sich Christa Fuchs 1981 nach einer Beschäftigung umschaute, gab es ein Angebot für ein Wollgeschäft im Einkaufscenter Roland. Damals waren Stricken und Häkeln ein neuer, vielversprechender Trend.

Eher zufällig kam Christa Fuchs auf einer Veranstaltung ins Gespräch mit der Familie Otto, die keinen Nachfolger für ihre Reparaturwerkstatt fand. Der Rest ist Geschichte. Die Entscheidung sei auch menschlich richtig gewesen: „Ich habe mich da immer ziemlich gut behandelt gefühlt“, erinnert sich Fuchs. „Die haben mir auch viel beigebracht, und obwohl ich als junge Frau ohne besonders viel Erfahrung auf einmal die neue Chefin war, gab es keine komischen Sprüche.“

Ehemann Manfred Fuchs arbeitete damals bei Erno Raumfahrttechnik, einem deutschen Luft- und Raumfahrtunternehmen – das heute Teil von Airbus ist. Der Raumfahrtingenieur liebäugelte ebenfalls mit der Selbstständigkeit: Er kam aus einer Unternehmerfamilie mit Brennereien, Sägewerken und einem Weinhandel in Südtirol. Bis heute ist die Brauerei Forst in Meran in Familienbesitz – und noch immer die größte familiengeführte Brauerei Italiens.

Die Zeit des Spaceshuttles

1985, vier Jahre nach dem Kauf von OHB, kündigte Manfred Fuchs bei Erno und wagte ebenfalls den Sprung in die Selbstständigkeit. Er sah Geschäftschancen: Damals gab es einen ersten Raumfahrtboom in Deutschland. Es gab immer mehr europäische Projekte, auch gab es Aufträge aus den USA. So errichtete Europa in Zusammenarbeit mit der Nasa das wiederverwendbare Raumlabor „Spacelab“, das in den Achtziger- und Neunzigerjahren insgesamt 22 Mal mit dem Spaceshuttle zum Einsatz kam. Damals flog Ulf Merbold als erster westdeutscher Astronaut und Nicht-US-Bürger in einem Spaceshuttle mit, um sich um das Spacelab zu kümmern.

OHB fertigte für Erno sogenannte Fallkapseln: So brachte das Unternehmen die „Mikroba“ mit einem Höhenballon in den Himmel, um beim Fall für eine kurze Zeit Schwerelosigkeit zu erreichen. Später errichtete die Firma auch einen „Fallturm“. Dahinter steckte eine Idee, die mit dem Bau der Internationalen Raumstation ISS aufkam und die auch heute wieder Konjunktur hat: die „Microgravity“ im All für industrielle Produkte wie Halbleiter oder Medikamente oder für wissenschaftliche Experimente zu nutzen.

Raumstation ISS: Inspiration für OHB. Foto: -/Roscosmos State Space Corporat

Mit dem Fall der Mauer änderte sich allerdings vieles in der Raumfahrt. Der Kalte Krieg war vorbei, viele militärische und auch zivile Projekte wie das Spaceshuttle wurden eingestellt. OHB musste reagieren – und stieg in das Satellitengeschäft ein. 1994 brachte OHB für die Universität Bremen seinen ersten Satelliten, den „Bremsat“, in den Orbit. Das 60 Kilogramm schwere Hightech-Teil ziert heute die Empfangshalle von OHB.

Vom Juristen zum Raumfahrtmanager

Die Zusammenarbeit war richtungsweisend. Projektleiter war ein gewisser Hans Königsmann, den Elon Musk 2002 als vierten Mitarbeiter für SpaceX anwarb. Der deutsche Raumfahrtingenieur prägte fast zwei Jahrzehnte das Raumfahrtprogramm von SpaceX, das heute mit 800 Milliarden Dollar das wertvollste private Unternehmen der Welt ist. 2021 verließ Königsmann SpaceX und wurde ein Jahr später in den Aufsichtsrat von OHB gewählt.

Mitte der Neunziger gab es noch einen weiteren wichtigen Wechsel: Marco Fuchs kam – eher widerwillig – an Bord. Der damals 33-Jährige arbeitete bei der amerikanischen Kanzlei Jones Day in New York, genoss den „Glamour“ der Weltstadt, wie er sich heute erinnert. Damit war aber im Herbst 1994 Schluss, als er nach Frankfurt versetzt wurde. Auch musste er aufgrund der Zeitverschiebung fast rund um die Uhr für die amerikanische Kanzlei arbeiten. „Die erwarten, dass man bis ein Uhr morgens für sie da ist“, sagte er.

Also kündigte Marco Fuchs – und gründete eine Kanzlei in Hamburg. Bei OHB fing er auch an, aber nur in Teilzeit, zwei Drittel seiner Zeit steckte er in die Kanzlei. Aber bald wurde klar: „Als Anwalt arbeitet man immer für andere, man verfolgt immer nur die Träume von anderen.“

Damals war OHB mit 40 Mitarbeitern und rund zehn Millionen Mark Umsatz immer noch ein kleines Unternehmen. Der Jurist war mit Raumfahrt von Kindesbeinen an vertraut. Als Rechtsanwalt konnte er nach eigener Aussage einiges einbringen: „Da lernt man, strukturiert und strategisch zu denken“, erinnerte sich Marco Fuchs, der die Geschicke von OHB bereits seit dem Jahr 2000 als Vorstandschef lenkt. Er hat einige Übernahmen wie 2005 die von MT Aerospace in Augsburg eingefädelt: „Ich habe im Grunde die Entwicklung der Gruppe außerhalb der Raumfahrtsysteme wie Satelliten aufgebaut.“

Die Dynamik eines Familientrios

Wie der Wandel gelang, ist auf eine Menge Arbeit, technologische Begeisterung und ein Führungstrio zurückzuführen, das vor allem in Familienunternehmen zu finden ist. „Mein Vater war der Business Developer, meine Mutter die Finanzchefin, und ich habe im Grunde die Struktur der Firma verändert und ausgebaut“, sagt Marco Fuchs.

Dabei entwickelte sich laut dem 63-Jährigen ein System gegenseitiger Kontrolle: „Es war meistens so, dass meine Mutter gegen meinen Vater und mich argumentiert hat.“ Christa Fuchs erinnert sich daran nur zu gut: „Die hatten Tag und Nacht Ideen, die alle teuer waren und bei denen man nicht so genau wusste, ob sie überhaupt umsetzbar waren – und wenn ja, ob sie jemand kaufen will.“ Ihr Fazit: „Wenn Sie Ingenieure einfach machen lassen, dann wird das schnell ein Fass ohne Boden.“ Bei jedem Raketenstart fieberte sie mit – und dachte auch an das Geld, das ihr Satellit an Bord gekostet hatte.

Das habe vielleicht auch „mal eine gute Idee gekillt, aber es hat uns wirtschaftlich stabil gehalten“, so Christa Fuchs. „Das gilt für jedes Unternehmen, egal ob man Raumfahrt macht oder Wagenheber: Man muss eine solide Basis haben und gut und klug wirtschaften, sonst verlieren die Kunden das Vertrauen.“

Ein Börsengang und amerikanische Raider

Vor fast einem Vierteljahrhundert kam es zur Zäsur bei OHB. Das Unternehmen brachte 2001 im Rahmen der Euphorie um den Neuen Markt Teile des Unternehmens an die Börse. Bis heute hält die Familie aber mit 65 Prozent die Mehrheit an dem Konzern. Damals beschaffte sich Marco Fuchs Kapital für eine Expansion in neue Geschäftsfelder wie den Digitalbereich oder im Jahr 2005 für die Übernahme von MT Aerospace in Augsburg.

Mit dem Börsengang zog sich Christa Fuchs aus dem operativen Geschäft zurück. Sie wechselte in den Aufsichtsrat, dem sie bis 2018 vorstand. Damals kaufte sich der US-Investor Guy Wyser-Pratte bei OHB ein. Der kritisierte, dass der CEO von seiner Mutter kontrolliert werde. Die Zeit empfand Marco Fuchs als „komisch“, erinnert er sich: „Das war die einzige Phase, in der wir wirklich hart von Aktionären kritisiert wurden.“ Allerdings habe der Amerikaner zum Teil recht mit seiner Kritik gehabt. Wyser-Pratte stieg später mit Gewinn aus.

Start einer Ariane-5-Rakete mit OHB-Satellit: Florierende Geschäfte im All. Foto: OHB

Bis heute prägen die Börse und Amerika OHB. „Die Börse hat uns gutgetan, weil sie einen diszipliniert“, sagt Marco Fuchs. Man müsse die Firma strukturieren, um beispielsweise den Corporate-Governance-Anforderungen zu genügen. „Viele Firmen, die wachsen, haben oft das Problem, dass sie von den Strukturen irgendwie durcheinanderkommen.“

Kooperation mit KKR

Noch heute ist OHB börsennotiert, allerdings ist nur noch ein Anteil von sechs Prozent gelistet. Mithilfe des US-Private-Equity-Riesen KKR gab die Firma 2023 ein Übernahmeangebot für 44 Euro je Aktie ab. Damit wurde OHB insgesamt mit 768 Millionen Euro bewertet. Seitdem gehören KKR rund 28 Prozent an OHB. Kein schlechtes Geschäft, denn der Raumfahrtboom in Deutschland begeistert die Anleger, die Marktkapitalisierung liegt mittlerweile bei mehr als zwei Milliarden Euro.

Die Familie Fuchs legte ihre Anteile 2022 in eine Familienstiftung. Beim Interview mit Marco Fuchs ist sein Sohn Konstantin dabei, der Luft- und Raumfahrttechnik in München studiert und eine Zeit bei einem Berliner Satelliten-Start-up gearbeitet hat. Derzeit überlegt er, in die Firma einzusteigen. Auch die Schwester von Marco Fuchs, Romana Fuchs Mayrhofer, sitzt im Aufsichtsrat. Die Juristin führt seit 1993 eine eigene Anwaltskanzlei in München.

Die Zukunft ist voller Chancen. Laut Marco Fuchs, heute CEO von OHB, steht das Familienunternehmen vor einem Schub: „Wenn wir jetzt bei dem Boom nicht wachsen, wann sonst?“ Derzeit habe OHB einen Auftragseingang im Wert von drei Milliarden Euro, daher sollte „unser Umsatz in den nächsten Jahren auch auf drei Milliarden Euro steigen“.

Deutschland wird eine Raumfahrtnation

Im Fokus steht die Bundeswehr, die eigene Satellitenkonstellationen aufbauen will. OHB ist als deutscher Raumfahrtkonzern der natürliche Partner. „Wir kennen die Bundeswehr ja schon sehr gut und haben mit einigen Satellitenaufträgen Erfahrung gesammelt“, sagt Sabine von der Recke, die sich im OHB-Vorstand um „Kunden in der Politik und in den raumfahrtrelevanten Institutionen“ kümmert. „Aber so große Konstellationen hat in Europa noch nie jemand gemacht. Das wird eine große Umstellung.“ Doch die Vorständin, die seit 2014 bei OHB arbeitet, ist zuversichtlich: „Ehrlicherweise habe ich es bei OHB noch nie erlebt, dass wir gesagt haben, wir können uns zurücklehnen, jetzt passiert mal nichts Neues.“

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Auch investiert OHB in New Space in Deutschland. So gehört dem Unternehmen rund die Hälfte des Unternehmens Rocket Factory Augsburg (RFA), das 2018 gegründet wurde. RFA ist neben Isar Aerospace aus München eines der zwei deutschen Start-ups, die 2025 beim Raketenwettbewerb der Esa in die engere Auswahl genommen wurden. Derzeit liefern sich RFA und Isar Aerospace einen Zweikampf: Wer bringt die erste private deutsche Rakete in den Weltraum?

Über die Zukunft des Unternehmens macht sich Christa Fuchs jedenfalls keine Sorgen: „Ich weiß zwar nicht, was in zehn Jahren in der Raumfahrt gefragt sein wird, aber man wird es mit Sicherheit bei OHB bestellen können.“

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