Hall of Fame: Wie ACO zum Weltmarktführer für Entwässerung wurde
Büdelsdorf. Olympiastadion München, Formel-1-Rennstrecke Miami und Hauptbahnhof Stuttgart – das Familienunternehmen ACO ist bei vielen Großprojekten auf der ganzen Welt im Einsatz. Der Bauzulieferer sorgt dafür, dass die Rennbahn auch bei Regen befahrbar bleibt und das Wasser in Stadien und auf Plätzen gut abfließen kann.
„We care for Water“ lautet der Slogan der Unternehmensgruppe. Aus dem Werk im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf, wo nach dem Zweiten Weltkrieg Betonbauteile gefertigt wurden, ist im Laufe von acht Jahrzehnten ein globaler Spezialist für Regenwassermanagement entstanden. Heute zählt ACO zu den weltweiten Marktführern im Segment der Entwässerungsbauelemente, ein Aufstieg, den das aktuelle Ranking des Informationsnetzwerks „Die deutsche Wirtschaft“ bestätigt.
Rund 1,2 Milliarden Euro Netto-Umsatz will das Unternehmen in diesem Jahr erwirtschaften – nach fast 1,07 Milliarden Euro 2025. Das jedenfalls planen die geschäftsführenden Gesellschafter, Hans-Julius Ahlmann (73) und sein Sohn Iver (43).
Als Vertreter der zweiten und dritten Generation haben sie den Aufstieg des Familienunternehmens maßgeblich gestaltet – dank innovativer Produkte, der Expansion in neue Märkte und der Verbreiterung der Angebotspalette – unterstützt durch zahlreiche Übernahmen. Heute produziert die ACO-Gruppe an 43 Standorten weltweit, liefert in mehr als 50 Länder und hat etwa 5500 Beschäftigte, davon 1800 in Deutschland.
Dass der Markenname in der breiten Öffentlichkeit dennoch wenig bekannt ist, liegt vor allem daran, dass ACO-Produkte meist im Boden verschwinden: Entwässerungsrinnen in Innenstädten, Lichtschächte an Wohnhäusern oder Bodenabläufe auf Bahnsteigen. Fast jeder hat sie schon betreten, ohne sie bewusst wahrzunehmen.
Den größten Teil des Umsatzes macht die ACO-Gruppe im Bereich Regenwassermanagement. Hier wird neben dem Abfließen von Wasser zunehmend auch das Reinigen und die Wiederverwendung der lebenswichtigen Ressource ein Thema. So entstehen mit ACO-Produkten immer mehr Wohnviertel und Innenstadtplätze nach dem Vorbild von sogenannten Schwammstädten, wo das aufgefangene Wasser wieder zur Bewässerung der Bäume genutzt werden kann. Weitere Geschäftsbereiche sind Gebäudeentwässerung und Baumaterialien. Hinzu kommen einige Spezialaktivitäten.
Seit mehr als vier Jahrzehnten sorgt Hans-Julius Ahlmann dafür, dass das Familienunternehmen kontinuierlich wächst und sich neuen Märkten öffnet. Für seine Leistungen als Unternehmer hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft ihn 2022 mit dem Weltwirtschaftlichen Preis ausgezeichnet. ACO sei eine „großartige Erfolgsgeschichte“, die den Unternehmergeist, die Innovationskraft und den unternehmerischen Mut von Hans-Julius Ahlmann widerspiegele, sagte Institut-Vizepräsident Stefan Kooths damals.
2010 stieg Sohn Iver ins Unternehmen ein. Der Luft- und Raumfahrtingenieur war zuvor bei Airbus und Rolls-Royce (Triebwerke) tätig. Inzwischen hat sein Vater ihm den größten Teil der Firmenanteile übertragen, und er ist für große Teile des operativen Geschäfts bei ACO zuständig. Innerhalb der nächsten Jahre wird Hans-Julius Ahlmann den Vorsitz der Geschäftsführung an seinen Sohn Iver übergeben. Das Unternehmen sucht laut Gesellschafterfamilie derzeit weitere Führungskräfte für die künftige Teamstruktur. Der Prozess wurde bewusst frühzeitig begonnen, um Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten.
Gerade erst hat die Familie Ahlmann ihr Firmenleitbild, „ihren Spirit“, wie Hans-Julius Ahlmann es nennt, neu formuliert. Beschäftigte aus verschiedenen Ländern haben in Workshops erarbeitet, wofür das Familienunternehmen ihrer Meinung nach steht. Herausgekommen sind vier Kernwerte: Nähe, Begeisterung, Bodenhaftung und Mut.
Expandieren vom Esstisch aus
Mut braucht es für die internationale Expansion des Unternehmens. Begeisterung zeigen Vater und Sohn Ahlmann beim Entwickeln neuer Produkte: „Beide können sich ehrlich über Konstruktionsdetails freuen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Günter Bornhöft. Für Nähe und Bodenhaftung wiederum sorgt im Unternehmen besonders eine Person: Johanna Ahlmann (74).
Sie ist zwar keine geschäftsführende Gesellschafterin, aber „Herz und Seele“ von ACO, wie ihr Ehemann Hans-Julius Ahlmann sagt. Sie ist Sparringspartnerin bei vielen Managemententscheidungen und gestaltet als ehemalige Studienrätin das Wissensmanagement in der Gruppe. Zudem kümmert sich Johanna Ahlmann um die Auszubildenden, organisiert Veranstaltungen und empfängt internationale Geschäftspartner am heimischen Esstisch.
Alle 70 internationalen Geschäftsführer waren bereits bei Familie Ahlmann zu Gast. „Ich bin in einer Unternehmerfamilie groß geworden“, sagt Johanna Ahlmann, die aus der Lübecker Familie Dräger, Hersteller von Medizin- und Sicherheitstechnik, stammt. „Für mich ist es selbstverständlich, dass wir persönliche Gastgeber für unsere weltweite ACO-Familie sind.“
Als der Kauf des französischen Familienunternehmens Limatec nach jahrelangem Werben im vergangenen Jahr endlich gelang, führte die Familie den Erfolg auch darauf zurück, dass die französische Inhaberfamilie Johanna Ahlmanns Einladung nach Büdelsdorf folgte – und einen Eindruck gewinnen konnte, wie die Unternehmerfamilie im hohen Norden Deutschlands tickt.
„Die Ahlmanns sind wirklich total normal“, sagt Betriebsratschef Bornhöft. „Da gibt es keine protzige Unternehmervilla, keinen Dünkel. Die Familie ist bodenständig und sehr engagiert.“ Besonders schätzt Bornhöft, dass die Familie den Standort Büdelsdorf nicht infrage stellt. Rund 550 Beschäftigte arbeiten am Stammsitz. „Die Sicherheit, dass die Familie hier im Norden bleiben und investieren will, ist unheimlich viel wert“, sagt er.
Ein Standort mit wechselvoller Geschichte
Der Hauptsitz von ACO hat eine lange Geschichte. 1827 gründete der Jungunternehmer Marcus Hartwig Holler dort die erste Eisenhütte Schleswig-Holsteins. Ab 1883 führte Johannes Ahlmann die Geschäfte, später sein Sohn Julius. Nach dessen Tod übernahm seine Witwe Käte – eine der ersten bekannten Unternehmerinnen Deutschlands. Sie wandelte die Firma in ein Familienunternehmen um. 1954 gründete sie den Verband Deutscher Unternehmerinnen, dem sie lange als Präsidentin vorstand, und traf politische Größen wie Ludwig Erhard und Theodor Heuss.
„Meine Großmutter war eine starke Führungspersönlichkeit und eine frühe Feministin“, sagt Hans-Julius Ahlmann. „Sie wusste, welches Potenzial weibliche Führungskräfte haben.“ Von ihr ist der Satz überliefert: „Ob mir ein Mann seinen Sitz in der Straßenbahn anbietet, ist mir egal. Er soll mir einen Sitz in seinem Aufsichtsrat anbieten.“
Nach ihrem Tod 1963 geriet die Carlshütte in wirtschaftliche Schwierigkeiten und musste 1973 Insolvenz anmelden. Doch Käte Ahlmanns zweiter Sohn Severin hatte bereits 1946 auf dem Nachbargelände ein Betonwerk gegründet, das zunächst als Ahlmann & Co. firmierte – die Keimzelle der heutigen ACO. Die ersten Entwässerungsrinnen entstanden in den 1960er-Jahren, in den 1970er-Jahren begann die internationale Expansion mit neuen Entwässerungsprodukten aus Polymerbeton.
1981 trat Severins Neffe Hans-Julius ins Unternehmen ein. Der Maschinenbauingenieur hatte zuvor bei MAN gearbeitet. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte er ACO auch durch Übernahmen zu einer weltweit aufgestellten Unternehmensgruppe, die regionale Marktschwankungen der Baubranche ausgleichen konnte.
Der aus seiner Sicht bedeutendste Schritt war der Kauf der Entwässerungs- und Abscheidetechnik der Traditionsfirma Passavant im Jahr 2000. Kurz gesagt konnte ACO seine Kompetenzen aus dem Tiefbau um den Bereich der Gebäudeentwässerung erweitern und damit auch um den Einsatz neuer Materialien.
„Wir hatten als ACO zwar auch schon die Fühler in andere Felder wie Gebäudeentwässerung sowie neue Materialien wie Kunststoff und Edelstahl ausgestreckt. Aber ohne den Kauf von Passavant wären diese Bereiche vermutlich nicht weiterentwickelt worden“, sagt Hans-Julius Ahlmann rückblickend. Mit Passavant kamen damals rund 600 neue Beschäftigte und ein Umsatz von rund 150 Millionen D-Mark zur ACO-Gruppe. Der Umsatz stieg sprunghaft auf rund 800 Millionen D-Mark.
Die Finanzkrise 2008/09 traf ACO wie viele Bauzulieferer, doch das Unternehmen reagierte mit Kurzarbeit statt mit Kündigungen. „Natürlich gab es auch bei ACO immer mal Umstrukturierungen“, sagt Betriebsrat Bornhöft. „Aber wir konnten bisher betriebsbedingte Kündigungen immer vermeiden.“
Global denken, lokal produzieren
Dass ACO in vielen Ländern vor Ort produziert, schützt das Unternehmen auch vor geopolitischen Turbulenzen. Die größten Märkte des Unternehmens sind Deutschland, Großbritannien und die USA. „In der Bauzulieferindustrie gibt es bei uns nicht das eine Produkt, das zentral gefertigt und in die Welt verschickt wird“, sagt Iver Ahlmann. „Beim Bauen gibt es unterschiedliche regionale Gepflogenheiten, Bestimmungen und klimatische Bedingungen. Da ist es viel sinnvoller, lokal zu produzieren.“
ACO ist weiterhin in der Ukraine und in Russland mit Werken präsent, wenngleich der Russlandanteil am Umsatz laut Geschäftsbericht klein ist. Wie sich die Lage in den beiden Ländern entwickeln werde, sagt Hans-Julius Ahlmann, könne man nicht absehen.
Mit der Bekanntgabe von Unternehmenszahlen ist ACO wie viele Familienunternehmen sehr zurückhaltend. Der Geschäftsbericht 2024 weist einen kleinen Umsatzanstieg auf 1,07 Milliarden Euro aus. Gestiegene Vertriebs- und Verwaltungskosten drückten aber den Jahresüberschuss um 16 Prozent auf 45,7 Millionen Euro. Mit einer Eigenkapitalquote von 64 Prozent ist die Gruppe finanziell sehr stabil aufgestellt.
2016 erhielt Hans-Julius Ahlmann das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Gewürdigt wurde der Unternehmer damit auch für sein kulturelles und gesellschaftliches Engagement. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Johanna und dem Künstlerpaar Wolfgang Gramm und Inga Aru hatte er 1999 in Büdelsdorf die NordArt gegründet – heute eine der größten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa, die jährlich mehr als 110.000 Besucher anzieht.
Möglich wurde das Projekt unter anderem deshalb, weil Hans-Julius Ahlmann 1997 das Gelände der ehemaligen Carlshütte zurückkaufte, die die Unternehmerfamilie so viele Jahre geprägt hatte. Dort werden nun die jährlich wechselnden Ausstellungen gezeigt. Zudem haben die Musiker des Schleswig-Holstein-Musikfestivals dort ein Zuhause für Proben und Konzerte gefunden.
Aus Sicht der ACO-Beschäftigten hat Familie Ahlmann mit ihren vielfältigen Aktivitäten als Unternehmerfamilie den Standort klar aufgewertet und attraktiver gemacht. Der Betriebsratsvorsitzende Bornhöft sagt: „Ohne das Engagement der Familie Ahlmann wäre Büdelsdorf heute vermutlich eine sterbende Stadt.“