Ecuador: Streifzug durch ein terrorisiertes Land
Esmeraldas. Die Fahrt von Ecuadors Hauptstadt Quito an die Pazifikküste dauert sechs Stunden. Erst geht es steile Serpentinen durch staubige Anden-Straßen hinunter. Dann wird es tropisch. Bananenplantagen, Ölpalmen und Maniokfelder reihen sich aneinander. Landarbeiter machen sich auf den Heimweg, die Dörfer sind voller Menschen, die Läden quellen über vor Waren. Es wirkt idyllisch.
Je näher wir der Küste kommen, umso leerer wird es. Geschäftsleute haben ihre Läden vergittert. Kaum jemand ist mehr unterwegs. Als es zu dämmern beginnt, drückt der Fahrer aufs Gaspedal. Wegen der Überfälle, sagt er. Wer langsam fahre, werde eher überfallen.
Früher zählte Ecuador zu den sichersten Ländern der Region, heute gibt es höhere Mordraten als im chronisch gefährlichen Kolumbien oder Brasilien. Am Dienstag schien es, als würde die Regierung endgültig die Kontrolle über das Land verlieren. In einer beispiellosen Machtdemonstration drangen Bewaffnete während einer Live-Übertragung in die Räumlichkeiten des staatlichen Fernsehsenders TC Televisión ein und nahmen mehrere Journalisten und Mitarbeiter als Geiseln.
Es war der vorläufige Höhepunkt einer Gewaltserie, die Ecuador seit Monaten paralysiert. Im ganzen Land sorgen Mitglieder krimineller Banden mit Sprengstoffanschlägen für Angst und Schrecken, morden, setzen Fahrzeuge in Brand, erpressen Schutzgelder und greifen Sicherheitskräfte an.
Die kollektive Angst macht auch vor unserem Fahrer nicht halt. Angespannt sitzt er hinter dem Steuer, er fährt hektisch. Die letzten 100 Kilometer vor Esmeraldas, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ganz im Norden des Landes, werden zur Hetzjagd. Busse, Kleintransporter, Motorradfahrer und Autos rasen, meist in der Mitte der Straße, um die Schlaglöcher am Rand zu vermeiden.
Dann erreichen wir Esmeraldas. Das fahle Licht der Laternen taucht die Straßen in gespenstisches Licht. Die Stadt mit ihren 155.000 Einwohnern ist bekannt für ihre Fußballspieler. Die Bevölkerung hat größtenteils afrikanische Wurzeln. Ein Sklavenschiff war hier einst vor der Küste gekentert, und die befreiten Afrikaner gründeten damals eine Enklave innerhalb der spanischen Kolonie.
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Esmeraldas sei immer schon voller Gewalt gewesen, sagt der Priester Julio Cangá Garcia, der hier aufgewachsen ist und den alle Padre Julio nennen. Seit 20 Jahren betreut er Gemeinden in der Gegend. „Doch seit der Pandemie ist die Gewalt explodiert“, sagt er.
Das gilt inzwischen für ganz Ecuador. Das tödliche Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio vor zwei Monaten hat die prekäre Sicherheitslage des Landes mit seinen 17 Millionen Einwohnern weltweit in die Schlagzeilen gebracht. In Esmeraldas zeigt sich, wie Ecuador in eine Abwärtsspirale der Gewalt gelangen konnte.
Aus dieser wird das Land nur schwer wieder herausfinden, sagen viele politische Beobachter. Präsident Daniel Noboa versucht es trotzdem. Nach der schockierenden Geiselnahme von Dienstag erklärte er den kriminellen Banden den Krieg, ließ 22 kriminelle Gruppen per Dekret als terroristische Organisationen und nichtstaatliche Kriegsparteien einstufen. „Alle diese Gruppen sind jetzt militärische Ziele“, sagt Generalstabschef Jaime Vela.
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Doch kaum jemand glaubt noch daran, dass sich das Gewaltdiktat der Drogenbosse im Handumdrehen beenden lässt. Bis auf Weiteres herrscht hier an der Küste nach Einbruch der Dunkelheit de facto ein Ausgehverbot – auch wenn das niemand verhängt hat. Nachts sind die Drogenbanden mit Kokain unterwegs. Sie bekommen es aus Kolumbien, ein paar Kilometer weiter im Norden.
Direkt entlang der Grenze zieht sich über Hunderte von Kilometern eines der wichtigsten Koka-Anbaugebiete des Nachbarlandes, vermutlich das größte weltweit. Auf den Landkarten im Drogenbericht der nordamerikanischen Antidrogenbehörde DEA ist die ganze Grenzregion tiefrot gefärbt.
Über die gut ausgebaute Straße am Meer bringen Banden das Kokain ins Land. Die mexikanischen Kartelle verschiffen es von Ecuador in die USA und nach Europa. Im Fischerhafen von Esmeraldas liegen viele Holzboote mit überdimensionierten Außenbordmotoren. Im Pazifik übernehmen dann größere Transportschiffe oder selbstgebaute U-Boote die Drogen, um sie nach Zentralamerika und in die USA zu verschiffen.
Jahrelang habe die kolumbianische Guerilla die Strände der Gegend als Rückzugsort genutzt, um zu feiern, sich zu entspannen, sagt Padre Julio. Dadurch seien die Jugendlichen der Region mit Waffen vertraut geworden. Dann gab es die ersten Auftragsmorde: „Sie haben schnell gelernt zu töten.“
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Ein Priesterkollege von Padre Julio, der die kriminellen Jugendlichen im Gefängnis betreut, erklärt deren Motivation. Es seien die „fünf P“, die die Banden so attraktiv machten. „Plata, Putas, Poder, Pertenencia, Pistolas“ – Geld, Huren, Macht, Besitz und Pistolen. Die Waffen hätten perspektivlose Jugendliche in gefürchtete Machos verwandelt.
In der Pandemie hätten die Kriminellen begonnen, von lokalen Ladenbesitzern Schutzgelder zu verlangen, sagt er. Zwölfjährige, die nicht strafbar seien, würden mit dem Handy in die Geschäfte geschickt, um die Forderungen mitzuteilen. „Vacunadores“ heißen die Erpresser. „Vacuna“ für Schutzgeld (eigentlich „Impfung“) ist im Milieu ein stehender Begriff.
Die Händler hätten versucht, zum eigenen Schutz eine Miliz aufzustellen, sagt der Priester. Das sei aber gescheitert, wegen Verrats aus den eigenen Reihen. Den Kopf des Ladenbesitzers, der die bewaffnete Truppe organisieren wollte, fand man auf einem Spielplatz.
In San Lorenzo, zwei Stunden nördlich von Esmeraldas, kennen alle Padre Julio. Viele lassen sich von dem schmalen Mann im blütenweißen Hemd segnen. Die katholische Kirche sei die einzige Institution, die respektiert werde, sagt der 48-Jährige. Es sei aber nicht leicht, das Gleichgewicht zu halten. Auch Killer oder Mafiapaten gehörten zur Gemeinde, würden beichten oder gesegnet werden wollen.
Die Kirche ist eine wichtige Instanz. Sie unterhält mehrere Schulen und ein Krankenhaus in San Lorenzo, der Kleinstadt am Fluss in den Mangroven. Die Polizei, die Justiz, die Politiker – alle staatlichen Institutionen gelten als korrupt. Sie sind zudem weitgehend abwesend.
Im Pfarrhaus klagt der aus Togo stammende Priester Elias Afola, dass in der vergangenen Nacht wieder drei Menschen umgebracht worden seien. Bei einem hätten die Killer stellvertretend den Vater des Gesuchten erschossen, weil der Sohn nicht im Haus gewesen sei. „Meine Arbeit besteht fast nur noch aus Totenmessen“, sagt Afola und zieht sich die Soutane über. In der Regel trauerten die Menschen neun Tage um ihre Angehörigen. Vom Priester werde erwartet, dass er regelmäßig vorbeischaue.
Bei der Beerdigung selbst sei die Trauergemeinschaft aber abwesend, weil sich niemand auf den Friedhof traue: zu gefährlich. Immer wieder komme es dort zu Schießereien. Die verfeindeten Banden versuchten, die Leichen aus den Gräbern zu holen, um sie öffentlich zu schänden. Deswegen ließen die Familien, wenn sie es sich leisten könnten, den Sarg mit Zement zugießen. Eines der wenigen Unternehmen, in die in letzter Zeit in San Lorenzo investiert worden sei, sei ein privat betriebener Friedhof mit eigener Sicherheitstruppe.
In San Lorenzo sind viele Straßen gesperrt. Zwischen Bauruinen und Holzschuppen sitzen Angehörige der Verstorbenen, trinken Hochprozentiges und hören lauten Reggaeton. Die Luft flirrt, es ist heiß.
Plötzlich rennen Kinder los, laufen bis ans Ende der Straße. „Da wurde vermutlich gerade einer erschossen“, sagt Padre Julio ungerührt. „Noch mehr Arbeit für Priester Elias heute.“ Tatsächlich liegt dort ein Körper im Blut. Man kann nicht viel sehen, weil sich so viele kleine Kinder um ihn drängen. Seit ein, zwei Jahren sind die kriminellen Praktiken in Esmeraldas so umfassend im Alltag verwurzelt, dass es die Menschen selbst fassungslos macht.
Etwa Diego Jiménez. Er ist Rektor der katholischen Universität Poces in Esmeraldas. Der 39-Jährige hat Philosophie studiert. Auch im Ausland. Er kann etwas Schweizerdeutsch, weil ein Teil seiner Familie in Basel lebt. Vor einem Jahr ist er aus Quito nach Esmeraldas abberufen worden. Er stammt von dort.
Die katholischen Universitäten haben in Lateinamerika einen guten Ruf. Sie wurden oftmals von Jesuiten gegründet. Die Mittelschicht und Teile der Elite studieren dort. Doch statt Jura oder Betriebswirtschaft zu studieren wie in der Hauptstadt Quito, bilden sich die meisten in Esmeraldas für die Krankenpflege oder als Laborkräfte aus.
Jiménez hat Schwierigkeiten, Studierende und Lehrpersonal zu halten. Drei Viertel der Eingeschriebenen sind Frauen. „Männer interessiert Bildung hier nicht“, sagt er. Die wollten entweder Fußballer oder Politiker werden. Doch die meisten landen bei den Drogenbanden.
In Esmeraldas heißt es, dass man einen akademischen Titel an der staatlichen Uni für weniger als 2000 Dollar kaufen könne. Der Rektor dort gelte als bekannter Mafioso. Seit einem Attentatsversuch habe er Bodyguards.
Auch seine Professoren seien den Schutzgelderpressern ausgeliefert, sagt Jiménez. Er habe gerade heute einen seiner besten Pädagogik-Professoren verloren. Er verstehe, dass dieser wegwolle. Ihm hätten die Vacuneros, die Erpresser, ein Foto seiner dreijährigen Tochter geschickt. Er sei darauf hingewiesen worden, dass die kriminellen Organisationen längst ihre Spione in der Universität hätten. „Deren Kinder studieren zum Teil hier“, sagt er. Es herrsche ein Klima des totalen Misstrauens.
Beim Gespräch im Büro des Rektors ist auch eine Masterstudentin dabei, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will. Sie arbeitet nebenher als Pressesprecherin der Universität. Auch sie habe schon per WhatsApp Forderungen erhalten, dass sie 2000 Dollar Schutzgeld zahlen solle. Sie habe dann gedroht, einen der Familie bekannten Kriminellen auf die Erpresser anzusetzen. Seitdem ist Ruhe. Aber wie lange? Zu welchem Preis?
Gerade hat die Universität 200 Vollstipendien ausgeschrieben. Mit Glück würden am Ende 100 Studentinnen und Studenten zusammenkommen, schätzt Jiménez.
Die katholische Universität befindet sich auf einem Hügel im Zentrum Esmeraldas. Von dort oben hat man einen beeindruckenden Blick auf die Stadt, den Hafen und den Pazifik. Er habe lokalen Unternehmern angeboten, hier oben ein Restaurant mit Kulturzentrum zu eröffnen. Alle hätten abgewinkt. Zu gefährlich, wegen der Vacuneros. Der Fluch der Erpressungen sei auch der Grund, warum viele Läden und Restaurants in Esmeraldas in den letzten Monaten geschlossen hätten.
Oben, in der Universität, wird am Abend noch im Neonlicht studiert. Darunter liegt totenstill die Stadt. Esmeraldas sei wie ein Friedhof, seufzt Jiménez. Eine ganze Generation werde es dauern, bis man sich von der Herrschaft der Drogenbanden erholt habe. Der Schlüssel für einen Wandel zum Besseren sei Bildung, sagt er. „Ich ahnte, dass es hier schwierig wird – aber dass es so schwierig sein würde, das habe ich nicht erwartet.“