Global Challenges: Warum der globale Süden selbstbewusst nach vorne schaut
Es war ein besorgter, wenn nicht sogar pessimistischer Blick, den die Münchner Sicherheitskonferenz Mitte Februar ins neue Jahr warf. Der Tod des russischen Oppositionellen Alexei Nawalny, der Rückzug der ukrainischen Armee aus der hart umkämpften Stadt Awdijiwka und das Szenario eines erneuten Wahlsiegs von Donald Trump: Auf Europa sah man schwere Zeiten zukommen.
Ganz anders war die Stimmung eine Woche später in Neu-Delhi, wo sich Vertreterinnen und Vertreter des globalen Südens auf der jährlichen Sicherheitskonferenz „Raisina Dialogue“ austauschten. Sie gaben sich selbstbewusst auf der Konferenz, die die indische Denkfabrik „Observer Research Foundation“ seit 2016 jährlich ausrichtet. Deren Präsident Samir Saran betonte etwa, dass es die Pax Americana – eine von den USA geführte globale Ordnung – nie wirklich gegeben habe.
Und zu einer Pax Sinica – einem von China geführten System – werde es gar nicht erst kommen, prognostizierte er. Die Botschaft war klar: Indien, das sich als führende Kraft des globalen Südens sieht, steht bereit, um in der Welt von morgen eine wichtige Rolle zu spielen.
Der Krieg in der Ukraine, auf dem der Fokus in München lag, spielte in Neu-Delhi keine herausragende Rolle. In Indien sieht man ihn nicht als epochalen Konflikt mit entscheidenden Auswirkungen auf die Zukunft der globalen Ordnung.
Nach der russischen Invasion hatte der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar erklärt, Europa müsse aus der „Denkweise herauswachsen, dass die Probleme Europas die Probleme der Welt sind, die Probleme der Welt aber nicht die Probleme Europas“. So ist auch Indiens sogenannte „Multi Alignment“-Strategie zu verstehen: Die Regierung von Narendra Modi ist weiterhin ein wichtiger Partner Moskaus, sucht aber auch die Nähe des Westens.
Länder im Süden kooperieren mit vielen Partnern
Die Strategie mehrfacher Partnerschaften haben auch die Regierungschefs in Jakarta, Brasília und in vielen anderen Staaten des globalen Südens gewählt. So hat Brasilien zum Beispiel Resolutionen der UN-Generalversammlung unterstützt, die Russland für den Krieg verurteilen. Zugleich ist das südamerikanische Land mittlerweile aber auch der weltweit größte Importeur von russischem Diesel.
Waffenlieferungen in die Ukraine lehnt die brasilianische Regierung ab, und Präsident Lula plant, Wladimir Putin zum G20-Gipfel im November in Rio de Janeiro einzuladen. Er ignoriert dabei, dass Brasilien das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs unterzeichnet und ratifiziert hat und deswegen eigentlich verpflichtet wäre, Putin zu verhaften. So hat der Internationale Strafgerichtshof entschieden.
An der Konferenz in Indien hat zwar nicht Putin teilgenommen, wohl aber russische Politiker und regimetreue Forscher. Die Veranstalter der Sicherheitskonferenz in München hatten sich dazu entschlossen, regimetreue Russen gar nicht erst einzuladen. Für europäische Teilnehmer ergab sich in Neu-Delhi so das eine oder andere informelle Gespräch – was auf Konferenzen im Westen nicht mehr möglich ist.
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Die Kehrseite war, dass russische Teilnehmer in Neu-Delhi zum Teil haarsträubende Falschinformationen über die Geschichte Russlands und den Krieg in der Ukraine verbreiten konnten. Als ein russischer Politiker behauptete, dass Russland noch nie Europa angegriffen habe, brach im Publikum Gelächter aus. Kritik an solchen Äußerungen kam nicht nur aus dem Westen: Ein indischer Politiker reagierte prompt und beschrieb Russlands Gründe für den Angriff der Ukraine als nicht überzeugend.
Amerikanische Doppelmoral im Gazakrieg
Trotz solcher Nuancen war sowohl in München als auch in Neu-Delhi kaum zu übersehen, dass der globale Norden und der globale Süden sehr unterschiedlich über die Kriege in der Ukraine und in Gaza denken. Westliche Politiker und Analysten kritisieren oft, dass Staaten des Südens aus strategischen Interessen beide Augen zudrücken, wenn es um Russlands Angriffskrieg in der Ukraine gehe.
Ein Diplomat aus einem der BRICS-Staaten dagegen – dem einst aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika gebildeten Bund der Schwellenländer – beschwerte sich in Delhi. Er könne westliche Predigten über eine regelbasierte Ordnung nicht mehr ernst nehmen. Die USA belieferten Israel bis heute mit Waffen, obwohl die Regierung Netanjahu in Gaza eindeutig gegen internationales Recht verstoße.
Ein großer Teil des globalen Südens, Indien eingeschlossen, sieht den Übergang von der vom Westen geführten Unipolarität zur Multipolarität zudem nicht nur als unvermeidlich an. Man begrüßt ihn sogar. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der Wunsch nach mehr Mitspracherecht in einer multipolaren Welt Wirklichkeit werden kann.
Die Herausforderung wird sein, diese Multipolarität gemeinsam so zu gestalten, dass es kein Zurück mehr zu einer Welt der Einflusszonen gibt. Dafür könnte es zunächst einmal dienlich sein, jenen „Whataboutism“ zu überwinden, wie er im Verweis auf amerikanische Doppelmoral zum Ausdruck kommt.
Der Autor: Oliver Della Costa Stuenkel ist Politologe und Professor an der School of International Relations der Fundação Getulio Vargas (FGV) in São Paulo.