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PandemieDer britische Sonderweg in der Coronakrise – besonnen oder fahrlässig?

Ganz Europa macht wegen der Corona-Pandemie dicht, nur in Großbritannien geht alles seinen gewohnten Gang. Das stößt zunehmend auf Widerstand.Carsten Volkery 16.03.2020 - 11:43 Uhr

Die britische Regierung reagiert im Umgang mit dem Coronavirus verhältnismäßig defensiv.

Foto: dpa

London. Die Zahl der Corona-Toten in Großbritannien steigt rapide, bis zum Sonntag waren schon 35 Menschen auf der Insel dem Virus erlegen. Premierminister Boris Johnson spricht von der „schlimmsten Gesundheitskrise seit einer Generation“. Noch mehr Briten würden geliebte Angehörige verlieren, warnt er. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung würden im schlimmsten Fall infiziert.

Trotz dieser ernsten Diagnose verzichtet Johnson bislang aber darauf, größere Schutzmaßnahmen zu verkünden. Jetzt die Schulen zu schließen, würde mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen, argumentierte er noch vergangenen Donnerstag. Denn die Kinder würden dann bei den Großeltern landen und diese anstecken.

Augen zu und durch? Diese Herangehensweise stößt zunehmend auf Kritik. Es sei besorgniserregend, „dass wir nicht mehr tun, wenn wir vier Wochen von dem Punkt entfernt sind, an dem Italien ist“, sagte der frühere Gesundheitsminister Jeremy Hunt der BBC. Er sei zum Beispiel überrascht, dass man immer noch Altersheime besuchen dürfe.

Der ehemalige Entwicklungshilfeminister Rory Stewart nannte die Regierung „defätistisch“. „Sie sagen, es macht keinen Sinn, viel Geld auszugeben, um es zu unterdrücken.“ Das sei gefährlich, denn wenn sich das Virus schnell ausbreite, könne man es nicht mehr kontrollieren.

Die abwartende Haltung der britischen Regierung fällt besonders auf, weil die anderen europäischen Länder reihenweise Schulen schließen und Veranstaltungsverbote aussprechen. Und so bietet sich ein vertrautes Bild: Während im Rest Europas das öffentliche Leben zunehmend zum Stillstand kommt, schlägt Großbritannien wieder mal einen Sonderweg ein. 

Es sei weder möglich noch wünschenswert, jeden vor dem Virus zu schützen, hatte Johnsons wissenschaftlicher Berater Patrick Vallance vergangene Woche erklärt. Man wolle vor dem Winter eine Herdenimmunität erreichen, um vor einer weiteren Epidemie-Welle geschützt zu sein. 60 Prozent der Briten müssten sich anstecken, um die Herdenimmunität zu sichern. 

Der Druck zu handeln wächst

Gesundheitsminister Matt Hancock bestritt am Sonntag, dass die Herdenimmunität das Ziel der Regierung sei. Man tue alles, um Menschenleben zu schützen, sagte er der BBC. Doch neue Maßnahmen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, verkündete er nicht.

Der Druck wächst stündlich, endlich zu handeln. Am Montagnachmittag findet die nächste Krisensitzung statt. Hier will die Regierung laut Medienberichten neue Maßnahmen beschließen. Unter anderem wird ein Verbot von Massenveranstaltungen erwartet – deutlich später als bei den meisten Ländern auf dem Kontinent.

Auch denke man darüber nach, in den kommenden Wochen alle Über-70-Jährigen zu ihrem Schutz unter Quarantäne zu stellen, sagte Hancock. Die Quarantäne könnte laut britischen Medien mehrere Monate dauern.

Bürger und Unternehmen handeln längst in Eigenregie. Am Freitag verkündeten die Premier League und die zweite Liga eine Fußballpause bis April, nachdem mehrere Vereine erste Corona-Infektionen gemeldet hatten. Auch Konferenzen werden abgesagt, Mitarbeiter zum Arbeiten nach Hause geschickt, Notfallpläne durchgespielt. Universitäten stellen auf Online-Lehrveranstaltungen um. Kaum ein öffentliches Treffen findet noch statt, viele Leute gehen nicht mehr zum Yoga und ins Konzert.

Doch im Vergleich zum Rest Europas hat sich das Straßenbild in Großbritannien noch nicht wesentlich verändert. Es ist leerer als gewöhnlich, aber die Schulen sind ebenso offen wie Geschäfte und Restaurants. Die Regierung empfiehlt weiterhin nur, Hände zu waschen. Und wer Symptome wie Husten oder Fieber hat, soll sieben Tage zu Hause bleiben.

Vor weitreichenden Isolierungsvorschriften schreckt die Regierung bisher zurück, weil sie einen Ermüdungseffekt befürchtet. Die Bürger würden eine Selbstisolation nicht monatelang durchhalten und zum Höhepunkt der Krise die Anweisungen nicht mehr ernst nehmen, sagt der medizinische Berater Chris Whitty. Der Höhepunkt wird erst in zehn Wochen erwartet.

Manche Experten loben das Abwarten als rational und nachvollziehbar. Andere jedoch bezweifeln, dass sämtliche Regierungen in Europa falsch liegen und einzig die britische Regierung es richtig macht.


„Die Regierung spielt mit der Bevölkerung Roulette“, kritisiert Richard Horton, Chefredakteur der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“. Man müsse öffentliche Einrichtungen sofort schließen. Martin Hibberd, Experte für Infektionskrankheiten am Londoner Tropeninstitut, sagte dem „Daily Telegraph“, China habe vorgemacht, wie man mit aggressivem Handeln die Zahl der Opfer eindämmen könne.

Angesichts des öffentlichen Drucks scheint die Regierung nun handeln zu wollen. Die schottische Regionalregierung hatte vergangene Woche bereits Veranstaltungen mit mehr als 500 Personen untersagt. Downing Street könnte nun folgen. Schulschließungen jedoch scheinen weiterhin nicht auf dem Plan zu stehen.

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