Umweltschutz: Ölproduzenten und die USA blockieren Plastik-Abkommen der UN
Genf. Weltweit produziert die Industrie immer mehr Produkte aus Plastik, die nach ihrem Gebrauch die Umwelt verschmutzen. Deshalb verhandeln die Vereinten Nationen (UN) über ein Abkommen gegen die Verschmutzung durch Plastik. Spätestens am Freitagmorgen wollen sie es verabschieden.
Doch die großen Ölproduzenten Saudi-Arabien, Russland und Iran blockieren einen besonders wirksamen Vertrag. Auch die USA unter Donald Trump wollen von neuen Umweltstandards nichts wissen. Die EU-Kommissarin für Umwelt, Jessika Roswall, warnt: „Wir bewegen uns nicht genug nach vorn.“
Dabei nennen mehr als zwei Dutzend Gesundheitsexperten Kunststoffe eine „ernsthafte, wachsende und unterschätzte Gefahr für die Gesundheit der Menschen und des Planeten“, wie sie im Fachmagazin „The Lancet“ schreiben. Wie kam es so weit, wie wollen die UN die Plastikflut eindämmen – und warum blockieren die Ölstaaten die Verhandlungen?
Was sind die Ursachen des Plastikproblems?
Bislang wurden nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace auf der Welt mehr als zwölf Milliarden Tonnen Plastik hergestellt. „Rund drei Viertel des Stoffs existieren immer noch: auf Mülldeponien, in der Umwelt oder in den Ozeanen“, schreiben Greenpeace-Experten.
Das Plastikproblem hat mehrere Ursachen: Zunächst „entsorgen“ zu viele Verbraucher ihren Plastikmüll direkt in der Natur. Doch auch vom korrekt entsorgten oder industriell genutzten Plastik wird zu wenig wiederverwendet. Das Material ist langlebig und belastet die Natur teils jahrhundertelang. Außerdem steigt die jährliche Plastikproduktion.
Wird die Plastikproduktion weiter steigen?
Im Jahr 2024 wurden den UN zufolge 500 Millionen Tonnen Plastik produziert. Schon 2025 könnten es nach Einschätzung von Greenpeace 516 Millionen Tonnen sein. Die Umweltschützer prognostizieren: „Bis 2060 dürfte sich diese Menge sogar mehr als verdoppeln.“ Das wollen die meisten UN-Staaten nun verhindern.
Wie schadet Plastik der menschlichen Gesundheit?
Plastik ist für Menschen extrem schädlich. Der Geoökologe Stefan Krause von der Universität Birmingham sagt: „Mikro- und Nanoplastik nimmt man über die Nahrung, das Wasser und die Luft auf.“ Die Stoffe erreichten schon im Mutterleib ungeborene Kinder. Ablagerungen seien in den meisten Organsystemen und in Arterien von Menschen nachgewiesen worden.
Selbst Partikel, die wieder vom Körper ausgeschieden werden, könnten vorher Additive im Körper freisetzen, erklärt der Experte. Viele chemische Stoffgruppen beeinflussen demnach das Hormonsystem und Entzündungen im Körper. Einige Stoffe seien krebserregend.
Was sind die Ziele der Verhandlungen in Genf?
Rund 100 Länder, darunter Deutschland, Österreich und Luxemburg, wollen die Herstellung von Plastik reduzieren. Sie wollen die Mehrfachverwendbarkeit der Produkte, das Recycling und eine umweltschonende Entsorgung fördern und dies auch durch Finanzhilfe für arme Länder erreichen. Im offiziellen Leitfaden für die Verhandlungen der UN verlangen die Länder, den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen abzudecken: vom Design über die Produktion bis hin zur Entsorgung.
Wer bremst die Verhandlungen aus?
Plastik wird aus Erdöl hergestellt. Entsprechend würde eine verringerte Plastikproduktion finanzielle Einbußen für die großen Erdölländer Saudi-Arabien, Iran und Russland bedeuten. Sie versuchen daher, den Vertrag möglichst abzuschwächen, und lehnen eine Begrenzung der Produktion von Plastik ab. Gesprächsbereit zeigen sich die Länder nur bei der Entsorgung der Abfälle.
David Azoulay, leitender Anwalt des Zentrums für internationales Umweltrecht (CIEL), beschreibt die Beweggründe der Erdölländer so: „Für sie geht es nicht nur um eine Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern um den Erhalt ihrer Machtstrukturen.“
Auch die USA unter Präsident Donald Trump bremsen die Verhandlungen. Sie wollen von internationalen Umwelt- und Gesundheitsstandards nichts wissen.
Was sagt die Industrie?
Der Branchenverband Plastics Europe räumt ein, dass Umweltverschmutzung durch Kunststoff ein „großes Problem“ sei. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland, hält „ambitionierte, länderspezifische Ziele für Recycling und den Einsatz von recycelten Kunststoffen in neuen Produkten“ für den wirksamsten Weg zur Kreislaufwirtschaft.
Die Länder müssten sich verpflichten, nationale Ziele zu verabschieden und durchzusetzen. Weiter fordert der Verband eine geordnete Abfallentsorgung für die 2,7 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Recyclingsystemen haben.
Wann könnte der Vertrag in Kraft treten?
Die Genfer Verhandlungen knüpfen an die fünfte Gesprächsrunde in Südkorea an, die im Dezember 2024 ohne Einigung endete. Die erste Verhandlungsrunde fand bereits im Jahr 2022 statt.
Falls die Parteien jetzt ein Abkommen verabschieden, muss es noch unterzeichnet und ratifiziert werden. Der Prozess bis zum Inkrafttreten kann Jahre dauern. Der Delegationsleiter von Panama, Juan Carlos Monterrey-Gomez, sagte: Das schlimmste Ergebnis sei „nicht Uneinigkeit, sondern eine Vereinbarung, die so schwach ist, dass sie nichts ändern würde“.
Andere Politiker fürchten Schlimmeres. So schloss Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, auf einer Pressekonferenz am Mittwoch ein Scheitern der Verhandlungen nicht aus: „Kein Ergebnis ist immer möglich.“