Rishi Sunak: Planvoll zur Macht: Der Perfektionist der Downing Street ist seinem großen Ziel jetzt ganz nahe
Mit seinem plötzlichen Rücktritt als Finanzminister leitete er den Sturz von Boris Johnson ein.
Foto: ddp images / ZARA FARRAR HM TREASURY / eyevineBrüssel. Die Downing Street kennt Rishi Sunak gut. Im Februar 2020 zog er als Schatzkanzler in das Gebäude mit der Nummer 11 ein – direkt neben den Sitz des britischen Premierministers in der Nummer 10. Seine Beförderung verdankte er keinem anderen als Boris Johnson. Der Regierungschef hoffte damals, dass der junge, strebsame Sunak leichter zu lenken sein würde als dessen Vorgänger Sajid Javid.
Doch lernte Johnson bald, dass sich hinter dem verbindlichen Auftreten des ehemaligen Goldman-Sachs-Bankers ein ruchloser Machtpolitiker verbarg. Diese Seite zeigte sich erneut vor zwei Wochen, als Sunak mit seinem plötzlichen Rücktritt als Finanzminister den Sturz Johnsons einleitete. Dass der einstige Zögling nun selbst nach dem höchsten Amt greift, hat sein Förderer ihm nicht verziehen. Johnson und seine Gefolgsleute setzen hinter den Kulissen alles daran, den vermeintlichen Verräter von der Downing Street fernzuhalten.
Im Nachfolge-Rennen hat Sunak nun dennoch mit einiger Sicherheit das Finale erreicht. Bei der Abstimmungsrunde am Dienstag stimmten 118 Abgeordnete der konservativen Unterhausfraktion für ihn. Um den zweiten Platz im Finale kämpfen die Handelsstaatssekretärin Penny Mordaunt (92 Stimmen) und Außenministerin Liz Truss (86). Die mit 59 Stimmen letztplatzierte Kandidatin Kemi Badenoch schied aus.
An diesem Mittwoch entscheidet sich in einer letzten Fraktionsabstimmung, wer die beiden Finalisten sind. Truss kann darauf hoffen, dass die bisherigen Badenoch-Unterstützer großenteils auf ihre Seite wechseln. Die 150.000 Parteimitglieder können dann im August per Briefwahl zwischen den Finalisten wählen. Der Gewinner wird am 5. September verkündet und einen Tag später zum Premier ernannt.
Sunak plant seinen Aufstieg zum Regierungschef seit Jahren. Geschickt profilierte er sich in ökonomischen Fragen im Kabinett und ließ das auch an die Presse durchsickern. Zugleich begann er früh damit, seine eigene Marke aufzubauen. So signierte er die Corona-Hilfspakete mit seinem Vornamen und ließ sich jung-dynamisch im Kapuzenpullover ablichten.
Sunak wäre der jüngste Premier seit Robert Jenkinson im Jahr 1812
Mit 42 Jahren wäre Sunak der jüngste Premier seit Robert Jenkinson im Jahr 1812. Seine ähnlich jungenhaften Vorgänger Tony Blair und David Cameron waren beide 43, als sie ihr Amt antraten. Obendrein wäre Sunak der erste britische Regierungschef aus einer ethnischen Minderheit: Er ist der älteste Sohn eines eingewanderten indischen Arztes.
Aufbruchstimmung verbreitet Sunak jedoch nicht. Er präsentiert sich als sichere Wahl in unsicheren Zeiten. Während seine Rivalinnen große Steuersenkungen versprechen – eine populäre Forderung an der Basis –, gibt Sunak den gewissenhaften Haushälter. Er setzt darauf, dass die Partei nach drei Jahren Johnson genug hat von großen Versprechen, die sich hinterher als nicht haltbar erweisen.
Auch gegenüber der EU würde er wohl leisere Töne anschlagen als sein Vorgänger. Zwar war er von Anfang an ein überzeugter Brexit-Anhänger und preist gern die neuen Freiheiten, die sich dem Land nun bieten. Aber er ist kein Hardliner, der die Souveränität über alles stellt. Deshalb wird erwartet, dass er den Streit mit der EU über das Nordirlandprotokoll eher beilegen würde, als einen Handelskrieg zu riskieren.
In den TV-Debatten hat Sunak sich souverän geschlagen und seine Kompetenz unter Beweis gestellt. Die große Frage ist, ob das ausreicht. Während er der Favorit der Fraktion ist, kann sich die Parteibasis nämlich nicht so recht für ihn erwärmen. Laut Umfragen hätte er sowohl gegen Truss als auch gegen Mordaunt einen schweren Stand. Zu perfektionistisch, zu abgehoben, zu kühl wirkt er.
Geldstrafe für Sunak im „Partygate“-Skandal
Zudem ist auch er nicht skandalfrei. Wie Johnson erhielt er eine Geldstrafe für Lockdown-Verstöße im „Partygate“-Skandal. Auch wurde kürzlich bekannt, dass seine Frau, die Milliardärstochter Akshata Murthy, ihre ausländischen Einkünfte nicht in Großbritannien versteuert. Das ist zwar legal, aber kein gutes Erscheinungsbild für einen Finanzminister.
Die Tories stehen vor der Entscheidung, ob sie nach den Jahren des Brexit-Chaos nun auf nüchterne Kompetenz setzen wollen – oder lieber weiter auf kernige Sprüche. Diese bietet Außenministerin Truss zur Genüge und ist deshalb auch die Kandidatin der Brexit-Hardliner. Mordaunt wiederum hat gegenüber Sunak und Truss den Vorteil, dass sie keine wichtige Rolle in Johnsons Regierung spielte. Sie kann sich daher leichter als frisches Gesicht präsentieren und einen Neuanfang versprechen. Die Zweifel an ihr sind jedoch gewachsen, nachdem sie in den TV-Debatten blass geblieben war.
Ex-Parteichef William Hague beschwor seine Partei, den erfahrenen Sunak zu wählen. „Die nächsten paar Jahre werden die schwierigsten überhaupt in diesem Job“, schrieb er in der „Times“. Sunak habe viel Energie und eine hohe emotionale Intelligenz.