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Russland Putin erklärt Krebsbekämpfung zur Chefsache – Milliarden für Gesundheitsversorgung

Putin hat Milliarden für das „nationale Projekt Gesundheit“ versprochen. Das fehlende Geld ist vielen Kranken in Russland zum Verhängnis geworden.
28.12.2019 - 15:43 Uhr Kommentieren
Der russische Präsident will mehr Gelder für die Gesundheitsversorgung bereitstellen. Quelle: AFP
Wladimir Putin

Der russische Präsident will mehr Gelder für die Gesundheitsversorgung bereitstellen.

(Foto: AFP)

Moskau „Ljowa ist ein Held. Dreimal mussten sie ihm den Katheter setzen und er hat nicht einmal gepiepst“, sagt Darja und ihre Augen werden feucht. Ljowa – das ist die Koseform für ihren sechsjährigen Sohn Lew – und Lew wiederum heißt auf russisch Löwe. Ängstlich wirkt der Junge nicht: „Ich habe keine Angst, ich will mal Polizist werden“, sagt er und lächelt.

Die Probleme für den Jungen begannen kurz nach seinem vierten Geburtstag. Ein hartnäckiger Schnupfen wie es schien, wollte und wollte nicht verschwinden. Die verschriebenen Antibiotika brachten keine Linderung, also schoben es die Ärzte auf eine Allergie. Ein Heuschnupfen im Frühjahr – was ist daran schon Besonderes? Als die Beschwerden auch im Sommer nicht abklangen, schlug die Mutter Alarm und forderte gründlichere Untersuchungen. Der Neurologe fand schließlich die Ursache: Ein Hirntumor in fortgeschrittenem Stadium. „Die Diagnose war ein Schock, doch die Hölle folgte danach“, erinnert sich Darja.

In ihrer Heimatstadt Sotschi gibt es keine Krebsstation für Kinder. Dabei gilt Sotschi mit seinen 450.000 Einwohnern als wichtigster und prestigeträchtigster Heilkurort Russlands. Kein Einzelfall: Landesweit gibt es etwa 120 spezialisierte Krankenhäuser und weitere 150 ambulante Krebsbehandlungszentren. Die meisten davon befinden sich in Moskau, einige noch in St. Petersburg. Einzelne Leuchtturmprojekte gibt es in den Millionenstädten, oder an traditionellen Medizinforschungsstandorten wie Tomsk oder Barnaul. Danach wird es eng. In der Provinz ist die Sterberate an Krebs so deutlich höher als in der Hauptstadt.

Russlandweit für Aufsehen sorgte der Fall der jungen Darja Starikowa aus der Bergbaustadt Apatity im Gebiet Murmansk. Die damals 24-Jährige klagte Kremlchef Wladimir Putin 2017 bei dessen TV-Fragestunde an, dass die einzige Poliklinik in der Stadt seit Jahren geschlossen sei und alle Bürger zur Behandlung in die Nachbarstadt Kirowsk oder sogar ins fünf Stunden entfernte Murmansk fahren müssten.

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    Ihre Krebserkrankung sei wegen fehlender Spezialisten in der Region zu spät entdeckt worden, fügte sie hinzu. Putin versprach Hilfe, doch für Starikowa war es zu spät, ein Jahr später war die junge Frau tot. 2018 wurde bei 30.000 Russen erst bei der Obduktion Krebs als Todesursache festgestellt, ihre Erkrankung war vorher nicht diagnostiziert worden.

    Lew hatte größeres Glück. Sein Tumor erwies sich als operabel, doch zur Behandlung musste er in die Gebietshauptstadt Krasnodar. In der Millionenmetropole gibt es im Kinderkrankenhaus eine Abteilung für Krebskranke mit 30 Betten. Die war ständig überfüllt.

    Er habe mit fünf anderen Kindern und ihren Müttern in einem Zimmer gelegen, erinnert sich Lew. Unzumutbare Zustände für Menschen, deren Immunsystem so geschwächt ist. Ein einziger Onkologe kümmerte sich um alle Kinder, einen Spezialisten für Hirntumore gibt es nicht.

    Doch zumindest die Abteilung für Neurochirurgie des Krankenhauses verfügte über gute Spezialisten. Darja hatte zunächst einen Moskauer Chirurgen kontaktiert, doch der war zu teuer. Also übernahm einer der Ärzte in Krasnodar die heikle Operation. Erfolgreich! „Die Ärzte dort vollbringen Wunder, aber weil das Krankenhaus nicht finanziert wird, fehlt die Apparatur, um kompliziertere Operationen durchzuführen“, klagt Darja. Es fehlt auch die Apparatur für eine punktgenaue Bestrahlung.

    Solche Bestrahlungsgeräte gibt es nur in Moskau. Also musste Lew nach Moskau. Die Flüge für die Behandlungszyklen zahlte die Mutter zunächst aus der eigenen Tasche. Später sprang der spendenfinanzierte Hilfsfonds des Schauspielers Konstantin Chabenski ein.

    Die größte Schwierigkeit gibt es aber bei der Chemotherapie in den Regionen. Das hat selbst Russlands Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa erkannt. Die Bereitstellung von entsprechenden Präparaten in den regionalen Krankenhäusern funktioniert miserabel. Die von der Moskauer Ärztin, der bekannten russischen Onkologin Olga Scheludkowa, verordneten ausländischen Medikamente für die Chemo ließen sich in Krasnodar partout nicht auftreiben. Stattdessen sollte Lew mit einheimischen Ersatzstoffen behandelt werden, die massive Nebenwirkungen haben.

    Hilfe von Putins Arzt

    Lews Mutter Darja revoltierte: Dank guter Beziehungen bekam sie die Telefonnummer von Putins Arzt. Der versprach ihr Hilfe – und kurz darauf waren die nötigen Medikamente da. Die Krankenschwester versprach, Lew werde behandelt, „als wäre es unser eigenes Kind“. Ein fader Beigeschmack bleibt – Kinder, die keinen hochrangigen Fürsprecher haben, sind demnach fremde.

    „In den zwei Jahren, in denen Ljowa behandelt wurde, sind etwa 20 Kinder, die mit ihm zusammen gelegen haben, gestorben“, erinnert sich Darja. Die kleine Emiljana aus Kirgistan, David aus Krasnojarsk, Alina aus Apscheronsk, oder Gennadi aus Krasnodar. Beim 12-jährigen Gennadi hatten sich nach einer Chemo die Blutwerte verschlechtert.

    Das Krebszentrum weigerte sich, ihn aufzunehmen, die Blutwerte sollte er zunächst im Kreiskrankenhaus aufbessern. Dort fehlte es an allem. Selbst die Pflaster musste die Mutter mitbringen. „Am Ende hat bei Genna einfach das Immunsystem versagt“, berichtet Darja. Jedes Jahr sind unter den mehr als 270.000 Krebstoten in Russland auch 700 Kinder. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl bei 260.

    Der Kreml hat die Problematik erkannt: „Der Aufbau einer hochmodernen an den Patienteninteressen orientierten Krebshilfe und Prophylaxe, der rechtzeitigen Diagnose und einer effektiven Heilung ist eine Hauptrichtung bei der Entwicklung des russischen Gesundheitswesens und Priorität unserer staatlichen Politik“, sagte Putin selbst einmal bei einem Treffen des politischen Waldai-Clubs. Das Thema Gesundheit hat den Status eines nationalen Projekts bekommen. Mit den nationalen Projekten sollen die Stoßrichtungen russischer Politik forciert werden. Über sie gibt es Geld.

    Im Fall der Krebsbekämpfung will der Kreml von 2019 bis 2024 969 Milliarden Rubel (umgerechnet knapp 14 Milliarden Euro) an Finanzierung bereit stellen. Damit stockt Russland diesen Budgetposten deutlich auf. Aber ist das viel oder wenig? Zum Vergleich: Allein für Verteidigungs- und Sicherheitsmaßnahmen hat der Kreml 2019 (also innerhalb eines Jahres) über 34 Milliarden Euro ausgegeben. Die Gesamtausgaben für Militär und Sicherheit entsprechen einem Drittel des russischen Gesamthaushalts. Für die Gesundheitsvorsorge insgesamt bleiben gerade einmal sechs Prozent übrig.

    Ausreichend scheint dies nicht: 2018 beliefen sich die Netto-Ausgaben deutscher Krankenkassen allein für Krebspräparate auf 7,39 Milliarden Euro. In Russland sind es laut Plan knapp 1,7 Milliarden. Dabei ist die Anzahl der Neuerkrankungen in beiden Ländern vergleichbar.

    Russland aber will in den nächsten fünf Jahren nicht nur neue Präparate entwickeln, sondern muss auch eine landesweite Infrastruktur für Krebszentren aufbauen, damit Patienten nicht Tausende Kilometer durch das Land nach Moskau zur Behandlung reisen müssen. Russland muss Ärzte aus- und weiterbilden, um die Erstdiagnose schneller und korrekter zu stellen. Nur so lässt sich die Überlebensrate von derzeit etwas mehr als 50 Prozent auf westeuropäisches Niveau anheben.

    Lew hat es geschafft: Wieder laufen die Tränen bei Mama Darja, doch es sind Freudentränen, als die Positonen-Emissions-Tomographie nach mehr als zwei Jahren Quälerei den endgültigen Sieg über den Krebs bestätigt.

    Mehr: Der Vermögensverwalter Candriam legt zum Weltkrebstag einen Fonds zur Bekämpfung der Krankheit auf. Experten sehen solche Produkte als Depot-Ergänzung.

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