Staatsdefizite: Weltbank warnt vor „historischer“ Schuldenkrise in Entwicklungsländern
Washington. Viele Entwicklungsländer leiden unter höheren Staatsschulden, die vor allem auf den weltweiten Zinsanstieg zurückgehen. Allein im vergangenen Jahr zahlten die ärmsten Länder der Erde einen Rekordbetrag von 443,5 Milliarden US-Dollar für ihre Staatsschulden, teilte die Weltbank in ihrem jüngsten internationalen Schuldenbericht mit. Ende 2023 dürfte dieser Wert noch höher sein und an die 500 Milliarden US-Dollar betragen, warnte Weltbank-Chefökonom Indermit Gill am Mittwoch.
Die globalen Zinssätze kletterten zuletzt so schnell wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Deshalb werde der Abbau der Auslandsschulden vor allem für Entwicklungsländer immer schwieriger, so die multinationale Entwicklungsbank mit Sitz in Washington. „Die Rekordverschuldung und die hohen Zinssätze lassen viele Länder in die Krise taumeln“. sagte Gill weiter.
Jedes Quartal, in dem die Zinssätze hoch bleiben, führe dazu, dass mehr Entwicklungsländer in Not geraten und vor der schwierigen Entscheidung stehen, ihre Staatsschulden zu bedienen oder in die öffentliche Gesundheit, Bildung und Infrastruktur zu investieren.
Die Weltbank unterstützt im Rahmen der International Development Association (IDA) die 75 ärmsten Länder der Erde mit Krediten. Allein im letzten Jahrzehnt hätten sich die Zinszahlungen dieser Länder vervierfacht, warnte die Weltbank.
Dem Bericht zufolge verschlingen die Zinszahlungen auch einen immer größeren Teil der Exporteinnahmen ärmerer Länder. Der vergleichsweise starke US-Dollar verschlimmere die Schwierigkeiten noch und mache die Zahlungen für die betroffenen Länder teurer. Unter diesen Umständen könnte ein drastischer Rückgang der Exporterlöse die Länder „an den Rand des Abgrunds“ treiben, so Chefökonom Gill.
18 Zahlungsausfälle in den vergangenen drei Jahren
Allein in den letzten drei Jahren kam es in zehn Entwicklungsländern zu insgesamt 18 Zahlungsausfällen, rechnete die Weltbank vor, mehr als in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten zusammen. Zuletzt kam es unter anderem Sambia, Ghana, Pakistan und Sri Lanka zu Zahlungsausfällen. Heute seien etwa 60 Prozent der einkommensschwachen Länder „stark gefährdet“, in eine Schuldenkrise zu geraten oder befinden sich bereits in einer solchen.
Gill begrüßte es, dass bei Krisengipfeln internationaler Geldgeber der Klimaschutz in den Vordergrund rücke, auch für Schwellen- und Entwicklungsländer. „Wir dürfen bei diesen Bemühungen aber nicht das große Problem der Staatsverschuldung vergessen“, so Gill.
Die Schuldenkrise hatte sich schon in den Pandemiejahren abgezeichnet, in denen Regierungen große Summen an Krediten für ihre Hilfsprogramme aufnehmen mussten, damals allerdings noch zu niedrigen Zinsen.
Der Internationale Währungsfonds (IWF), Schwesterorganisation der Weltbank, hatte zuletzt im Sommer gewarnt, dass fast zwei Drittel der Länder auf dem Kontinent Afrika einem hohen Schuldenrisiko ausgesetzt seien. „Höhere Zinssätze und wachsende Renditespannen auf Staatsanleihen machen die Finanzierung teurer oder sogar unerschwinglich“, schrieb der IWF in einer Stellungnahme.