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Türkei Lira auf Rekordtief – Türkischer Wirtschaft droht eine gefährliche Spirale

Trotz Lockdown steigen in der Türkei die Preise weiter an. Das drückt die Lira auf ein neues Rekordtief. Wirtschaft und Gesellschaft drohen harte Zeiten.
03.09.2020 - 15:01 Uhr 1 Kommentar
Die deflationäre Wirkung der Coronakrise kommt in der Türkei aus verschiedenen Gründen nicht an. Quelle: dpa
Türkische Flaggen vor dem Galataturm in Istanbul

Die deflationäre Wirkung der Coronakrise kommt in der Türkei aus verschiedenen Gründen nicht an.

(Foto: dpa)

Istanbul Die Inflation in der Türkei zieht wieder an. Nach Angaben des türkischen Statistikamts lag die Teuerungsrate im August bei 11,77 Prozent, wie die Behörde am Donnerstag bekanntgab. Auch die Kerninflation, in der preisempfindliche Produkte wie Öl und Lebensmittel ausgenommen werden, stieg an: auf elf Prozent von 10,3 Prozent im Vormonat.

Gleichzeitig verliert die Lira an Wert. Am Donnerstagmittag wurde die türkische Währung zum US-Dollar 0,8 Prozent günstiger gehandelt. Damit erreichte das Verhältnis ein neues Rekordtief bei 7,4388 Lira. Im gesamten Monat August büßte die Lira zum Dollar über fünf Prozent ein. Investoren wenden sich angesichts deutlich negativer Realzinsen ab.

Der türkischen Wirtschaft droht eine gefährliche Spirale. Wenn die Lira weiter an Wert verliert, werden Importprodukte teurer. Das treibt die Inflation weiter an. Und höhere Preise führen dazu, dass Sparer häufiger in harte Währungen wie den Dollar investieren – und damit die Heimatwährung weiter schwächen.

„Angesichts der Schwäche der Lira dürfte die hohe Inflation anhalten“, glaubt Timothy Ash, Analyst bei Bluebay Management. „Hohe und hartnäckige Inflationsraten sind Treiber einer höheren Dollarisierung.“

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    Hinzu kommen die konjunkturellen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Türkei hatte als Emerging Market im zweiten Quartal einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 9,9 Prozent zu verzeichnen. In der Euro-Zone ging das Bruttoinlandsprodukt um 12,1 Prozent zurück, in Deutschland um 10,1 Prozent. Beim Nachbarn Griechenland steht das Minus bei 14 Prozent, im Schwellenland Indien gar bei fast 24. Somit ist die Türkei noch relativ glimpflich davongekommen.

    Selbst im Lockdown lief die Wirtschaft heiß

    Das liegt unter anderem an der diversifizierten Wirtschaft im Land. Hauptverantwortlich dürfte aber ein milliardenschweres, kreditfinanziertes Hilfsprogramm der Regierung gewesen sein. Staatsbanken vergaben Billigkredite an Unternehmen und Konsumenten. Zusätzlich stützte die Zentralbank die Lira, indem sie Dutzende Milliarden US-Dollar an Devisen auf den Markt warf. Gleichzeitig verzichtete Zentralbank-Gouverneur Murat Uysal darauf, den Leitzins zu erhöhen. Er liegt seit dem Frühjahr bei 8,25 Prozent.

    Mit diesen Schritten ist es kein Wunder, dass die inflationsdämpfende Wirkung der Pandemie in der Türkei nicht eingetreten ist. Vielmehr lief die Wirtschaft selbst im Lockdown heiß, weil viele Bürger per Kredit Onlineshopping betrieben sowie Häuser oder Autos kauften.

    Die Zentralbank versucht nun, Geld aus dem Markt zu ziehen, ohne den Leitzins anzutasten. So werden Geschäftsbanken künftig mit weniger Liquidität versorgt, außerdem wurden die Vorgaben für neue Privatkredite verschärft. Wer ein Dollar-Konto in der Türkei besitzt, dürfte bald höhere Verwaltungsgebühren bezahlen müssen. Im Durchschnitt kostet eine Refinanzierung durch die Zentralbank in dieser Woche 10,16 Prozent Zinsen, verglichen mit 7,34 Prozent im Juli.

    Ob dies ausreicht, werden die nächsten Monate zeigen. Der Analyst Murat Unur von Goldman Sachs glaubt, dass die schwache Lira der Haupttreiber für die Inflation im September sein wird. Er prognostiziert einen leichten Anstieg der Teuerungsrate auf zwölf Prozent, bevor sie zum Jahresende auf 11,7 Prozent fallen könnte.

    Die Regierung treibt mit Steuererhöhungen die Preise an

    Der türkischen Wirtschaft droht also erneut eine harte Zeit. Um die Produktion am Laufen zu halten, müssen türkische Unternehmen viele Maschinen und Zwischenprodukte importieren. Die höheren Importkosten im Zuge der Lira-Abwertung dürften viele Unternehmen mit Preiserhöhungen an die Konsumenten weitergeben, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen.

    Hinzu kommt, dass die Regierung selbst die Preise treibt. Mit einer Steuererhöhung auf Neufahrzeuge werden Luxus-Automobile teilweise um 90.000 Euro teurer. Auch wer einen günstigen Kleinwagen bestellt, zahlt mindestens 45 Prozent des Nettopreises extra an den Staat – plus Mehrwertsteuer.

    Viele Experten glauben, dass eine Leitzinserhöhung der richtige Schritt wäre, um die Lira zu stärken. Im Präsidialamt ist man anderer Meinung. „Um den Leitzins zu erhöhen, muss Präsident Erdogan seine Abneigung in dieser Sache überwinden“, sagte Sebastien Barbe, der in Paris ansässige Leiter für Emerging-Market-Forschung und -Strategie bei Credit Agricole, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. „Dies könnte eintreten, wenn sich der Abwertungsdruck auf die Lira möglicherweise im Laufe des vierten Quartals weiter erhöht.“

    Mehr: Durch die Steuererhöhung für importierte Fahrzeuge bittet die Türkei Neuwagenkäufer noch stärker zur Kasse. Deutsche Luxusautos kosten nun das Dreifache.

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    • Für die in der EU lebenden Türken ist das die Gelegenheit, in der Türkei in Immobilien zu investieren. Ein Wertverlust der Lira, erleichtert die Bedienung der Immobilienkredite in Euro. Der Devisenbestand der Nationalbank steigt demzufolge.

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