Ukraine-Krieg: China versucht, Staatsbürger aus Ukraine zu evakuieren
Der russische Präsident war noch im Februar zu einem Besuch in Peking. Russland und China sind enge Partner – Doch scheint Peking von dem Einmarsch in die Ukraine überrascht worden zu sein.
Foto: dpaPeking. Noch immer stecken Hunderte chinesische Staatsbürger in der Ukraine fest und warten darauf, evakuiert zu werden. Laut Berichten chinesischer Staatsmedien konnten bislang nur wenige der insgesamt 6000 Chinesen aus dem Land ausreisen.
Alle „verfügbaren Ressourcen“ seien mobilisiert worden, um sie in Sicherheit zu bringen, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums am Mittwoch. Nach den Berichten der Staatsmedien sind bisher lediglich 400 chinesische Studenten aus Odessa per Bus in das benachbarte Moldawien ausgereist.
Die chinesische Botschaft in der Ukraine hatte ihren Landsleuten deutlich später als andere Auslandsvertretungen zu einer Ausreise geraten. Zunächst riet die Botschaft chinesischen Staatsbürgern lediglich, in ihren Wohnungen und fernab von Fenstern zu bleiben.
Wer reisen müsse, solle sich als Erkennungszeichen eine chinesische Flagge an das Auto heften. Später nahm die Auslandsvertretung diese Empfehlung wieder zurück und riet den Gestrandeten, ihre Identität nicht zu verraten.
In den vergangenen Tagen war es immer wieder zu Angriffen auf Chinesen in der Ukraine gekommen. Wie das chinesische Außenministerium am Mittwoch mitteilte, wurde ein chinesischer Staatsbürger von einer Kugel getroffen, als er versuchte, aus der Ukraine zu fliehen.
In chinesischen Netzwerken war Russlands Präsident Wladimir Putin für seinen Einmarsch in die Ukraine gelobt worden. Viele Nutzer verhöhnten und verunglimpften die ukrainischen Opfer des Krieges sogar auf so niederträchtige Weise, dass selbst die stark zensierten chinesischen Staatsmedien kritisch darüber berichteten.
War China nicht über den Zeitpunkt des Einmarschs informiert?
Das unkoordiniert wirkende Verhalten der chinesischen Botschaft in der Ukraine hat bei Beobachtern erhebliche Fragen ausgelöst, inwiefern China angesichts des russischen Einmarschs selbst überrascht war.
„Es wäre ein Affront gewesen, Staats- und Parteichef Xi Jinping nicht ins Bild zu setzen“, sagt der Chinaexperte Sebastian Heilmann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Allerdings sei es gut möglich, dass Chinas außenpolitischer Apparat nicht im Bilde war, weil es sich beim Datum des Militärschlags gegen die Ukraine um eine hochsensible Information gehandelt habe.
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Auch am Mittwoch wollte China den Einmarsch Russlands in die Ukraine nicht verurteilen oder die militärische Invasion auch als solche benennen. Nach einem Telefonat zwischen Chinas Außenminister Wang Yi und seinem ukrainischen Kollegen Dmitro Kuleba verbreitete das chinesische Außenministerium, Kuleba hoffe auf einen Vermittlungsversuch durch China, um eine Waffenruhe zu erreichen. Bereits zuvor hatte Peking sich als möglichen Vermittler in dem Konflikt ins Spiel gebracht.
Durch russische Raketen sind viele Häuser in der Ukraine zerstört. Noch sind auch viele Chinesen vor Ort.
Foto: dpaDas ukrainische Außenministerium stellte den Inhalt des Gesprächs jedoch etwas anders dar. Demnach hat Kuleba Wang nicht um eine neutrale Vermittlung angehalten. Es sei um die konkrete Bitte gegangen, Pekings Beziehungen zu Moskau zu nutzen, um Russlands militärische Invasion in seinem Nachbarland zu stoppen.
China sei darauf aus, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten, erklärt Chinaexperte Heilmann. „Einen regelrechten Eiertanz“ vollführe das Land derzeit. „Einerseits ist klar, dass die Beziehung zu Russland viele Vorteile für China hat.
Andererseits will China nicht den Zugang zu westlichen Märkten und Finanzsystemen verlieren, indem es offen Russlands Krieg unterstützt“, so Heilmann. „Kurz: China will sich so viel Spielraum wie möglich erhalten.“