Ukraine-Krieg: Ukraine und Russland schonen womöglich Energie-Infrastruktur
Kiew, Berlin. Russland und die Ukraine verständigen sich womöglich darauf, die Energieinfrastruktur des jeweils anderen Landes künftig nicht mehr anzugreifen. Einem Bericht der „Financial Times“ zufolge befinden sich beide Länder in ersten Gesprächen dazu. Die Zeitung beruft sich dabei auf „mit der Angelegenheit vertraute Personen“.
Ursprünglich waren solche Gespräche offenbar bereits im August geplant, wie die „Washington Post“ damals berichtete. Doch das überraschende Vordringen ukrainischer Streitkräfte in die russische Region Kursk führte zu einem Abbruch der Initiative, bei der Katar zwischen Russland und der Ukraine vermitteln wollte.
Laut „Financial Times“ hat Kiew dann aber versucht, die Verhandlungen mithilfe des Emirats fortzusetzen. Nun gebe es „sehr frühe Gespräche über eine mögliche Wiederaufnahme“, zitiert die Zeitung einen Diplomaten und nennt eine mögliche Einigung die „bedeutendste Deeskalation des Krieges, seit der russische Präsident Wladimir Putin Anfang 2022 die groß angelegte Invasion der Ukraine angeordnet hatte“.
Es gebe in der Tat Gespräche in diese Richtung, die über Katar moderiert würden, sagten ukrainische Sicherheitskreise dem Handelsblatt. Der Ausgang sei offen. Offiziell geäußert haben sich weder die ukrainische Regierung noch der Kreml. Warum sich ausgerechnet jetzt beide Seiten zu Gesprächen zu dem Thema bereit erklären könnten, ist ebenfalls nicht geklärt. Gerade für Russland wäre es kurz vor dem Winter eine Abkehr von der bisherigen Kriegstaktik.
Für die Ukraine wäre ein solcher Deal, sollte er eingehalten werden, langfristig umso mehr eine Entlastung. Ein erheblicher Teil der Kraftwerke im Land ist durch Angriffe der russischen Armee zerstört oder beschädigt worden. Dies betreffe 80 Prozent der thermischen Kraftwerkskapazität, hieß es.
Putins Plan sieht eigentlich Attacken auf die Energieversorgung vor
Der russische Ökonom und Energieexperte Wladimir Milow, der einst stellvertretender Energieminister Russlands war und nun im Exil lebt, ist allerdings skeptisch. Er sei nicht sicher, ob Russland nur wegen eines Deals „von Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur ablassen“ werde. Denn: „Die Zerstörung der Energieinfrastruktur vor dem Winter ist ein wesentliches Ziel von Putins Strategie zur Zermürbung der Ukraine“, sagt Milow dem Handelsblatt. Er gehe nicht davon aus, dass Putin diese gegen die „Lösung einiger Probleme auf dem heimischen Energiemarkt“ aufgeben werde. Denn die Ukraine trifft Russland zwar, aber nicht im gleichen Umfang.
Milow erklärte, im aktuellen Stadium über ein Ende der Bombardierungen der Energieinfrastruktur zu diskutieren, sei „in gewisser Weise sinnvoll“. Doch der Großteil der Infrastruktur sei ohnehin bereits zerstört.
Im vergangenen Winter hatten die russischen Streitkräfte ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine intensiviert, offenbar um den Rückhalt der Bevölkerung für die Regierung in Kiew zu schwächen. Die Sorge vor Angriffen in ähnlichem Ausmaß ist auch in diesem Jahr groß.
Trotz einer verbesserten Luftabwehr und lokaler Schutzvorrichtungen sind die Schäden noch immer erheblich. In Kiew und anderen Großstädten musste in den vergangenen Monaten phasenweise der Strom abgestellt werden.
Russlands Raffinerien beschädigt, aber kaum ernsthaft
Die ukrainische Armee hat ihrerseits Attacken auf Einrichtungen im Süden und Westen Russlands gestartet. Selbst in der Nähe der Hauptstadt Moskau griff die Ukraine Kraftwerke mit Drohnen an. Beschädigt wurden auch Anlagen für die Förderung, den Transport und die Speicherung von Öl und Gas. Etwa 15 Prozent der Raffineriekapazitäten in Russland sollen beschädigt worden sein, wie es in Kreisen des Sicherheitsapparats hieß.
Allerdings tragen die Drohnen, mit denen die Ukraine Angriffe auf russische Energieeinrichtungen durchführte, nicht genügend Sprengstoff, um nennenswerten Schaden anzurichten, wie der russische Energieexperte Sergey Vakulenko dem Handelsblatt erklärt.
Wie Milow ist auch er überrascht über die Nachricht, dass sich Russland und die Ukraine in Gesprächen zu diesem Thema befinden sollen. Denn: „Der Schaden, den die Ukraine jetzt, zu Beginn des Winters, durch Angriffe auf Kraftwerke erleiden würde, ist weitaus größer als der, den die Ukraine Russland kurzfristig zufügen kann.“
Außerdem habe es sich in vielen Fällen bei den beschädigten Anlagen um relativ einfache Ausrüstungsgegenstände gehandelt, die schnell repariert werden konnten, so Vakulenko. So sei Russland in der Lage, Schäden an der eigenen Energieinfrastruktur schneller zu beheben als die Ukraine.