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US-Wahl 2020Sechs Lehren aus der Vorwahl in South Carolina

Joe Biden meldet sich zurück: Der ehemalige Vizepräsident gewinnt mit deutlichem Abstand in South Carolina. Doch auch Sanders bleibt stark. Jens Münchrath 01.03.2020 - 08:42 Uhr

Joe Biden feiert den Wahlsieg mit seinen Anhängern.

Foto: AFP

Joe Biden kann nicht nur lachen, er kann auch reden – und wie. Als der ehemalige Vizepräsident kurz vor neun Uhr abends Ortszeit in Columbia, der Hauptstadt des US-Bundesstaats South Carolina, auf die Bühne tritt, ist es nicht mehr jener Biden, den seine Fans in den vergangenen Wochen und Monaten erleben mussten.

Der 77-Jährige breitet die Arme aus, blickt den Menschen in die Augen, macht rhetorische Pausen. Er wirkte erstmals seit Langem wie ein Mann, der an sich glaubt – kraftvoll, aber auch nachdenklich.

„Wir leben, erst jetzt beginnt unsere Kampagne!“, ruft er. Mit Blick auf seinen innerparteilichen Rivalen, den linksgerichteten Bernie Sanders, sagt Biden: „Wir wollen keine Revolutionen, auch keine Träumereien von Revolutionen, wir wollen Ergebnisse, konkrete Politik.“

Und an US-Präsident Donald Trump gerichtet: „Mehr als drei Jahre haben wir einen selbstsüchtigen, nicht zur Empathie fähigen Präsidenten erleben müssen, der eine schlechte Politik macht. Macht mich zum Kandidaten, und ich werde dem ein Ende bereiten.“

Es war die mit Abstand beste Rede, die Biden im Verlauf seiner Kampagne gehalten hat. Tatsächlich hat Biden erstmals eine Vorwahl gewonnen, mit knapp der Hälfte der Stimmen. Auf Platz zwei lag nach Auszählung von mehr als 90 Prozent der Wahlbezirke Bernie Sanders (19 Prozent). Es folgen der Milliardär Tom Steyer, der am Samstag seinen Rückzug bekanntgab, der ehemalige Bürgermeister von South Bend, Pete Buttigieg (knapp acht Prozent), sowie Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts (sieben Prozent).

Kurz vor dem vorentscheidenden „Super Tuesday“ (3. März), an dem in 14 Bundesstaaten abgestimmt wird, zeigt sich ein neues Bild der demokratischen Präsidentschaftsbewerber. Gewählt wird am Dienstag unter anderem in so großen Staaten wie Kaliforniern, Texas und North Carolina.

Die sechs wichtigsten Lehren aus South Carolina.

1. Biden ist zurück – jetzt muss er dringend nachlegen

Nicht wenige hatten Biden bereits aufgegeben. Der jetzige Sieg des ehemaligen Vizepräsidenten unter Barack Obama in South Carolina war tatsächlich Mindestvoraussetzung dafür, dass der 77-Jährige überhaupt noch Chancen im Rennen um die Kandidatur der Demokraten hat. Biden hat sie genutzt – vor allem deshalb, weil er unter der afroamerikanischen Minderheit nach wie vor sehr beliebt ist. Rund 60 Prozent der demokratischen Wähler in South Carolina sind Afroamerikaner. Ein Blick auf die bislang vergebenen Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli zeigt, dass Biden einen großen Sprung gemacht hat. Er liegt jetzt mit 31 Delegierten direkt hinter Sanders (53 Stimmen), aber vor Buttigieg (26 Stimmen). Abgeschlagen sind die beiden Senatorinnen Elizabeth Warren und Amy Klobuchar mit acht beziehungsweise sieben Delegiertenstimmen.

2. Sanders bleibt stark

Was haben seine moderaten Rivalen nicht alles unternommen, um den erstaunlichen Siegeszug von Bernie Sanders zu bremsen: Sie haben gewarnt, dass ein selbst ernannter „demokratischer Sozialist“ keine Chance gegen Donald Trump haben würde. Sie haben gewarnt, dass die Demokraten mit Sanders als Kandidat jegliche Chance verspielen würden, den Senat zurückzugewinnen. Sie haben gewarnt, dass die Partei auch das Repräsentantenhaus verliere, sollte sich der Senator aus Vermont am Ende durchsetzen. Und dass US-Präsident Trump in seiner zweiten Amtszeit dann noch mächtiger auftrumpfen könnte. Es half nicht viel: Sanders bleibt stark. Bereits sein Sieg in Nevada hat gezeigt, dass er auch bei den Minderheiten Punkten kann. In South Carolina hat er diesen Trend bestätigt. Dass Sanders in South Carolina nicht siegen würde, war absehbar. South Carolina ist ein konservativer Staat, die große Mehrheit der Bevölkerung kann mit linken Parolen nicht viel anfangen.

3. Buttigieg-Kampagne verliert an Schwung

Der ehemalige Bürgermeister aus South Bend (Indiana) hat in den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire, beides Bundesstaaten mit einer Bevölkerung, die zu rund 90 Prozent weiß ist, einen sehr starken Start hingelegt. In Nevada enttäuschte der moderate Bewerber bereits. Und auch jetzt in South Carolina kam er auf ein Ergebnis von deutlich unter zehn Prozent. Der 38-Jährige ist ein guter Rhetoriker, und seine Kampagne ist vorbildlich organisiert. Doch offenbar stößt Buttigieg an Grenzen. Es mangelt ihm an politischer Erfahrung. Hinzu kommt, dass offensichtlich die afroamerikanische Minderheit mit seiner Homosexualität hadert.

4. Das moderate Lager ist nach wie vor zersplittert

Auch der jetzige Sieg Bidens kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im moderaten Lager keinen klaren Favoriten gibt. Biden, Buttigieg und vor allem auch der New Yorker Milliardär Michael Bloomberg, der erst zum Super Tuesday in die Vorwahlen einsteigt, haben noch gute Chancen auf die Kandidatur. Das ist der große Vorteil für Sanders, der Wahl für Wahl Delegiertenstimmen sammelt, während die Bewerber der Mitte sich die Stimmen teilen müssen – mal abgesehen von Steyer, der nun nicht mehr im Rennen ist.

5. Stunde der Wahrheit folgt unmittelbar nach South Carolina

Am kommenden Dienstag, dem Super Tuesday, beginnt das große Experiment. Dann steigt Bloomberg in die Wahl ein. Mehrere Hundert Millionen Dollar hat der Gründer des gleichnamigen Finanzdienstleisters in TV- und Internetspots investiert und es tatsächlich geschafft, in den nationalen Umfragen praktisch aus dem Nichts auf Platz drei der demokratischen Bewerber vorzurücken. Hinter Sanders (knapp 30 Prozent) und Biden (18,3 Prozent) liegt er derzeit bei 16,4 Prozent – Tendenz steigend. Hält der Trend an, bestehen für den an der demokratischen Basis von Anfang an umstrittenen Bewerber durchaus Chancen. Allerdings hatte Bloomberg zuletzt bei den TV-Debatten eher unglückliche Auftritte. Selbst seine Berater mussten einsehen, dass der 78-Jährige kein Politprofi ist. Bloomberg ist es schlichtweg nicht gewohnt, für seine Positionen Rechenschaft ablegen zu müssen. Das könnte für ihn zum Verhängnis werden.

6. Republikaner halten zu „Crazy Bernie“

Auch das hat South Carolina gezeigt: Republikaner und Russen haben in diesem Wahlkampf etwas gemeinsam. Beide setzen sich für Bernie Sanders als Kandidaten ein – und zwar aus dem Kalkül heraus, dass ein Sieg Trumps gesichert sei, sollte ein selbst ernannter „demokratischer Sozialist“ gegen den Präsidenten antreten. Die Republikaner sind nicht eben bekannt dafür, in Machtfragen einen ausgeprägten Sinn für Humor oder sogar Selbstironie zu haben. Aber in South Carolina haben Republikaner sogar Anzeigen geschaltet, in denen sie zur Wahl von Sanders aufriefen. Auch das hat es im amerikanischen Wahlkampf noch nicht gegeben.

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