Verschwörungstheorien: Was ist in New York wirklich passiert?
11. September 2001: Qualm- und Aschewolken hüllen Manhattan ein, nachdem die Türme des World Trade Centers zusammengebrochen sind.
Foto: apDüsseldorf. Die offizielle Version der Ereignisse vom 11. September 2001 ist knapp formuliert diese: Mohammed Atta und seine 18 Mitverschwörer entführen im Auftrag von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden vier Linienflugzeuge. Zwei Maschinen steuern sie in die Zwillingstürme des World Trade Center (WTC) in New York, mit dem dritten Flugzeug rasen sie in Washington ins Pentagon. Allein die vierte Maschine kommt nicht ins geplante Ziel. Der Widerstand der Passagiere verhindert dies, die Terroristen lassen den United Airlines Flug 93 bei Shanksville, Pennsylvania, abstürzen.
So steht es im „9/11 Commission Report“, den die Regierung von US-Präsident George W. Bush 2004 vorlegte. Aber ist das auch die Wahrheit?
Was geschah wirklich am 11. September 2001? Wer steckt tatsächlich hinter den Anschlägen: Al-Kaida - oder doch die US-Regierung, CIA, Mossad? Seit nunmehr zehn Jahren bewegt diese Frage Millionen Menschen auf der Welt. Der Version der Regierung schenken sie keinen Glauben. In Internetforen wie www.911truth.org und http://patriotsquestion911.com heizen Verschwörungstheoretiker die Debatte zum Jahrestag wieder kräftig an. Neue Bücher listen einmal mehr scheinbare Widersprüche und Fehler der offiziellen Version auf. Diese Autoren bauen, so beschrieb es FAZ-Autor Raphael Gross unlängst, „mit großem Fleiß ein Panorama der Unsicherheiten“ auf.
Im Ergebnis laufen die meisten und populärsten Theorien auf einen Verdacht hinaus: Bush, sein damaliger Vize-Präsidenten Richard „Dick“ Cheney und Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sind die Drahtzieher des Anschlags. Oder aber sie nahmen die Attacke billigend in Kauf, um eine expansive und repressive Politik umsetzen zu können.
Der frühere US-Präsident Bush und sein Vize Cheney: Vielen Amerikanern gelten sie als Drahtzieher des Anschlags.
Foto: ReutersDas Misstrauen gegenüber der ehemaligen Bush-Administration ist weiterhin groß, wie regelmäßige Umfragen ergeben. 90 Prozent der Deutschen, so zeigte es eine Emnid-Erhebung im Januar 2011, zweifeln daran, dass die US-Regierung ein wahres Bild der damaligen Ereignisse zeichnete.
Sogar ein ehemaliger Bundesminister hat sich unter die aktiven Zweifler gemischt. Andreas von Bülow, bis 1994 für die SPD im Bundestag und von 1980 bis 1982 Forschungsminister im Kabinett Schmidt, vertrat in seinem 2003 veröffentlichen Buch „Die CIA und der 11. September“ die These, der amerikanische Geheimdienst sowie der israelische Mossad steckten hinter den Anschlägen. Die entführten Passagiermaschinen, so von Bülow, seien ferngesteuert gewesen und die Türme gezielt von innen gesprengt worden.
Handfeste Beweise liefert von Bülow nicht, ebenso wenig wie Vertreter der „Truther“-Bewegung in den USA, als deren ideologischer Vordenker der Historiker Webster Tarpley gilt und dem die „Süddeutsche Zeitung“ zuletzt ein großes Porträt widmete. Auch Tarpley vertritt vehement die These von den ferngesteuerten Flugzeugen, freilich ohne dies belegen zu können. Die „Truther“ brauchen keine Antworten, es genügen Fragen. Die wichtigste lautet: Warum glaubt Ihr eigentlich, dass die Bush-Regierung Euch nicht belogen hat?“
Webster Tarpley hat zigtausende Anhänger, die in den Weiten des Internets miteinander kommunizieren, die vermeintlich gleichgeschalteten Staatsmedien weitgehend ignorieren, und sich gegenseitig immer wieder neue Indizien für ihre Verschwörungstheorien präsentieren. Tarpley kann gut davon leben. Er hat nicht nur das Buch „Synthetic Terror - Made in USA“ geschrieben, das bereits in der fünften Auflage erschienen ist. Er hält auch Vorträge und vertreibt DVDs.
08:20 Uhr. Am Morgen des 11. September 2001sieht Manhattan noch friedlich aus - das World Trade Center steht. Im Nachhinein betrachtet ist der Ausfall des Transpondersignals des American-Airlines-Flug 11 das erste Anzeichen einer Flugzeug-Entführung. Das Signal für die Maschine verschwindet von den Bildschirmen der Luftüberwachung.
Foto: ap08.46 Uhr: Das Flugzeug des American-Airline-Flug-11 rast in den nördlichen der beiden Türme des World Trade Centers in New York. Augenzeugen glauben zunächst an ein Unglück. Weniger als zwei Minuten später beginnt der New Yorker Fernsehsender WNYW als erster TV-Sender mit der Live-Berichterstattung über die Terroranschläge.
Foto: dapdDas Flugzeug reist ein riesiges Loch in die Fassade des Nordturms. Noch bleibt das Gebäude aber stehen.
Foto: dapdWährend das zweite entführte Flugzeug bereits Kurs auf den Südturm nimmt, werden über Lautsprecherdurchsagen die Menschen im Südturm aufgefordert, Ruhe zu bewahren und an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben.
Foto: dapd09:03 Uhr. Unites Airlines Flug 175 nähert sich dem Südturm. Nur 17 Minuten nach dem ersten Crash im Nordturm, fliegt das Flugzeug in den Südturm.
Foto: dapdDen Behörden und vielen Zuschauern der Fernsehmeldungen wird damit klar, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um einen gezielten Angriff handeln muss.
Foto: Reuters09.05 Uhr: US-Präsident George W. Bush wird beim Besuch einer Grundschule in Sarasota (Florida) vom zweiten Einschlag informiert. Stabschef Andrew Card flüstert ihm zu: "Amerika wird angegriffen."
Foto: dapd
09.30 Uhr. Während riesige Rauchwolken aus den Twin Towers in den Himmel wachsen, spricht Bush vor Kameras von einer "nationalen Tragödie". Es handele sich "offensichtlich" um eine Terrorattacke.
Foto: dapdAuf Fernsehkanälen weltweit wird das Programm unterbrochen. So wie CNN berichten die alle Sender live von der Katastrophe.
Foto: dpaIn den Türmen bricht Panik aus. Ein Ausschnitt aus Filmmaterial zeigt, wie Menschen aus dem Gebäude fallen oder sogar springen. Genau weiß das niemand.
Foto: Reuters09.37 Uhr. Das drittes Flugzeug des American Airlines Flug 77 rast in das amerikanische Verteidigungsministerium in Arlington bei Washington. Ein Teil des riesigen Gebäudes am Potomac-Fluss wird verwüstet.
Foto: ReutersDer Jet schlägt eine Bresche durch drei Gebäudeteile auf der westlichen Seite; sein Flugbenzin explodierte und löste einen Großbrand aus. Pentagon, Weißes Haus, weitere Ministerien und das Kapitol werden evakuiert.
Foto: AFP09.55 Uhr. Nur noch wenige Minuten werden die beiden Türme des World Trade Centers stehen. Bush will von Florida nach Washington fliegen, ändert aber den Kurs und landet auf der Air-Force-Basis Barksdale im Bundesstaat Louisiana. Von dort reist er nach Nebraska, später nach Washington.
Foto: dpa09.59 Uhr. Der Kollaps beginnt. Der Südturm des World Trade Centers stürzt zusammen.
Foto: dapdWie eine Lawine stürzen Gebäudeteile, Stahlträger, Betonbrocken und Schutt zu Boden.
Foto: dapdDie Schutt-Lawine rollt durch die Straßen Manhattans. Die Menschen fliehen.
Foto: dapd10.28 Uhr. Der zweite, nördliche Zwillingsturm stürzt ein.
Foto: dpaFeuerwehrmänner suchen in den Trümmern nach Verschütteten.
Foto: ReutersNur wenige Stunden nach der Entführung der Flugzeuge liegt das südliche Manhattan in Schutt und Asche.
Foto: dapd20.30 Uhr. Der US-Präsident kündigt in einer Fernsehansprache an, die Täter gnadenlos zu verfolgen: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen denen, die diese Attacken ausgeführt haben, und denen, die ihnen Schutz bieten."
Foto: ReutersVon den einst riesigen Türmen...
Foto: dapd... ist fast nichts mehr übrig.
Foto: ReutersAm Morgen danach ist Manhattan immer noch in Rauch gehüllt. In der Skyline New Yorks fehlen die weltberühmten Zwillingstürme.
Foto: dapdEine weitere Ikone dieser „Wahrheitsbewegung 9/11“ ist Dylan Avery, der mit seiner Dokumentation „Loose Change“ bei Youtube seit 2005 ein Millionenpublikum erreichte. In seinem Buch „Nine Eleven - Der Tag, der die Welt veränderte“ widmet sich Elmar Theveßen ausführlich Averys populärsten Thesen. Auch Avery ist davon überzeugt, dass versteckte Sprengsätze das World Trade Center zum Einstürzen brachten. Der Einschlag der Flugzeuge allein habe dies nicht bewirkt, die solide Stahlkonstruktion der Türme hätte dies bis zu einer Temperatur von 1500 Grad verhindern müssen. Die Explosion der Flugzeuge nach dem Entflammen des Kerosins habe aber maximal 1100 Grad erzeugt.
Die Ergebnisse des Instituts für Standards und Technologie (NIST) widerlegen diese Theorie: Die Stahlträger konnten bei 1100 Grad zwar nicht schmelzen, dennoch aber so instabil werden, dass es zum Kollaps des WTC kam. Dass sich „Truther“ diesen Ausführungen nicht anschließen, verwundert nicht. Handelte es sich bei der NIST-Studie doch um eine offizielle und damit „parteiische“ Untersuchung. Für die Verschwörungstheoretiker ist diese Verweigerungshaltung existentiell. Wer nur eigene Argumente für bare Münze nimmt, muss kaum fürchten, sein Urteil revidieren zu müssen. So verhält es sich auch bei anderen weit verbreiteten Ideen.
Etwa, dass das Pentagon von einer Cruise Missile getroffen wurde und der United-Airlines-Flug 93 in Wahrheit von der US-Air-Force abgeschossen wurde. Auch diese Theorien sind widerlegt, und bleiben doch sehr lebendig. Die Mär vom Abschuss der Maschine über Shanksville hat sogar einen wahren Kern. Tatsächlich hat Vize-Präsident Cheney diesen Abschuss angeordnet, in der ersten Hektik nach den Attacken auf die Zwillingstürme, als die US-Regierung kaum handlungsfähig war, überschritt Cheney damit zwar seine Kompetenzen. Doch zu diesem Zeitpunkt, um 10.10 Uhr des 11. Septembers 2001, war das Flugzeug längst abgestürzt.
Der bekannteste deutsche 9/11-Zweifler ist Mathias Bröckers, dessen neues Buch bezeichnender Weise „11. 9. – Der Einsturz eines Lügengebäudes“ heißt und wohl zahlreiche Käufer finden wird. Denn Bröckers hat als Skeptiker der ersten Stunde einen gewissen Ruf. Und er verspricht viel. „Dass die offizielle 9/11-Geschichte ein Mythos ist, dass die genauen Hintergründe und Tathergänge des 11.9.2001 bis heute nicht ermittelt sind und die 9/11 -Kommission nicht der Aufklärung des Verbrechens, sondern nur der Abwendung von Schaden für die amtierende Regierung diente, all dies (und einiges mehr) wird in unserem neuen Buch beschrieben und dokumentiert“, heißt es auf seiner Homepage.
Die von Bröckers und Co. gesäten Zweifel fallen – auch jenseits konspirativer 9/11-Internetforen – auf fruchtbaren Boden. Und das hat durchaus seine Gründe.
Kein US-Präsident war jemals so unbeliebt wie George W. Bush. Das Beileid für die Amerikaner nach dem 11. September 2001 schlug bald in Ablehnung um. Das religiöse Sendungsbewusstsein des Texaners Bush, viel mehr aber noch der rüde Umgangston gegenüber den europäischen Partnern stieß auf Ablehnung. Bush und die Neokonservativen formten ihre „Koalition der Willigen“. Ihre Botschaft: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Wer so skrupellos agiert, glauben viele, dem ist auch eine perfide Täuschung zuzutrauen.
Zum anderen lieferte die US-Außenpolitik der vergangenen Jahre genug Stoff für Verschwörungstheorien. Das Argument der Bush-Gegner ist ziemlich überzeugend: Wäre die Attacke nicht sehr wohl im Interesse der amerikanischen Regierung gewesen, um die Eroberungskriege in Afghanistan und Irak zu legitimieren?
In der Tat hatte Bush schon zu Amtsantritt das Regime von Saddam Hussein im Visier, nach 9/11 fand er einen Vorwand: Er griff 2003 an, weil der irakische Diktator angeblich über Massenvernichtungswaffen verfügte, mit denen die USA erneut hätten angegriffen werden können. Das entsprach nicht der Wahrheit, wie sich später herausstellte. Für Kritiker ist klar: Dies war nur eine weitere Lüge dieser Regierung!
Drittens wird gerne argumentiert, dass das Versagen der amerikanischen Geheimdienste und Sicherheitsbehörden im Vorfeld der Anschläge nicht zu erklären sei. Es sei denn, sämtliche Warnungen vor Attacken seien bewusst ignoriert oder zurückgehalten worden. Hätten sich die Täter sonst viele Monate lang frei in den USA bewegen können und die Flugzeuge in ihre Gewalt bringen können?
Pikanter Weise ist es auch in diesem Punkt die Regierung Bush selbst, die im Bemühen, ihre eigenen Versäumnisse zu kaschieren, für Spekulationen sorgt. Nach dem 11. September 2001 sagten hochrangige Regierungsvertreter wie Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice nachweislich mehrfach die Unwahrheit, wenn die Pannen im Sicherheitsapparat kritisiert wurden.
Doch für keine der Verschwörungstheorien gibt es wirklich handfeste Beweise.
Zumeist sind sie alle schon widerlegt, was die Zweifler nicht davon abhält, ihre Thesen weiter zu verbreiten. Im Gegenteil: Jedes Dementi, jede Erklärung von offizieller Seite sorgt für neue Gerüchte.
Der Jahrestag des Anschlags ruft alle Verschwörungstheoretiker noch einmal auf den Plan. Dennoch geht der „Truther“-Bewegung in den USA allmählich die Puste aus. Und das liegt vor allem an Bushs Nachfolger: Barrack Obama. Mag er auch zur Zielscheibe der Tea-Party-Bewegung geworden sein, zum Feindbild der Verschwörungstheoretiker taugt er nicht.