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Welthandelsorganisation WTO sucht neuen Chef: Das sind die Kandidaten für einen der „härtesten internationalen Jobs“

Die Welthandelsorganisation sucht einen neuen Chef – inmitten ihrer größten Krise. Die oder der Neue muss sich dagegenstemmen, dass die Institution weiter ins Abseits rutscht.
29.06.2020 - 17:06 Uhr Kommentieren
Die Welthandelsorganisation steht vor beispiellosen Herausforderungen. Quelle: Reuters
WTO

Die Welthandelsorganisation steht vor beispiellosen Herausforderungen.

(Foto: Reuters)

Genf/Berlin Auf der Chefetage im Hauptquartier der krisengeschüttelten Welthandelsorganisation am Genfer See wird am 31. August ein geräumiges Büro frei. Generaldirektor Roberto Azevêdo (62) verlässt dann die WTO, vorzeitig. Um die Nachfolge des seit seinem Amtsantritt 2013 blass gebliebenen Brasilianers ist bereits ein internationales Rennen entbrannt. Am Ende könnte zum ersten Mal in der 25-jährigen WTO-Geschichte eine Frau als Generaldirektorin den Topjob in Genf übernehmen.

Der Führungswechsel kommt zu einer Zeit, in der die Welthandelsorganisation als Regulator und Schiedsrichter des Welthandels durch die sich verschärfenden Handelskonflikte immer stärker an den Rand gedrückt und jetzt sogar in ihrer Existenz gefährdet ist.

In den USA haben republikanische Kongressabgeordnete erstmals seit 2005 durchgesetzt, dass sowohl Senat als auch Repräsentantenhaus im Juli über einen Rückzug der Vereinigten Staaten aus der Organisation abstimmen. Sollte sich die nach wie vor größte Volkswirtschaft der Welt wirklich zurückziehen, wäre die WTO politisch am Ende.

Hinzu kommt, dass die Coronakrise das Klima im Welthandel deutlich abgekühlt und den Protektionismus weiter verstärkt hat. Im schlimmsten Fall könnte das Volumen im globalen Handel in diesem Jahr um bis zu einem Drittel einbrechen, warnt die WTO.

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    Welche Kandidaten wollen sich die Top-Position in Genf antun, die der WTO-Kommunikationschef Keith Rockwell als „einen der härtesten Jobs auf internationaler Ebene“ bezeichnet? Nominierungen sind bis zum 8. Juli möglich.

    Bislang sind fünf offizielle Bewerbungen in der WTO-Zentrale eingegangen:

    Wenn sich die WTO-Mitglieder auf die Nigerianerin einigen, käme es zu einer doppelten Premiere: Erstmals würde eine Frau die WTO führen, und Afrika stünde zum ersten Mal an der Spitze der Organisation. Quelle: Reuters
    Ngozi Okonjo-Iweala

    Wenn sich die WTO-Mitglieder auf die Nigerianerin einigen, käme es zu einer doppelten Premiere: Erstmals würde eine Frau die WTO führen, und Afrika stünde zum ersten Mal an der Spitze der Organisation.

    (Foto: Reuters)
    Die südkoreanische Handelsministerin hat sich einen Namen als geschmeidige Diplomatin gemacht. Sie kennt ihre Dossiers bis ins letzte Detail. Ihr Heimatland gehört zu den großen Nutznießern der Globalisierung.
    Yoo Myung Hee

    Die südkoreanische Handelsministerin hat sich einen Namen als geschmeidige Diplomatin gemacht. Sie kennt ihre Dossiers bis ins letzte Detail. Ihr Heimatland gehört zu den großen Nutznießern der Globalisierung.

    Moldawiens Ex-Außenminister blickt auf eine beeindruckende Laufbahn im diplomatischen Dienst zurück. Auch mit ihm an der Spitze der Organisation gäbe es zwei Premieren: Er wäre der erste osteuropäische und mit 37 Jahren bisher mit Abstand jüngste WTO-Chef. Quelle: imago/Ukrinform
    Tudor Uljanowski

    Moldawiens Ex-Außenminister blickt auf eine beeindruckende Laufbahn im diplomatischen Dienst zurück. Auch mit ihm an der Spitze der Organisation gäbe es zwei Premieren: Er wäre der erste osteuropäische und mit 37 Jahren bisher mit Abstand jüngste WTO-Chef.

    (Foto: imago/Ukrinform)
    Er kann von allen Kandidaten auf die längste internationale Erfahrung als Handelsdiplomat verweisen. Der Mexikaner arbeitete schon für den WTO-Vorgänger, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt). Er bezeichnet sich als „Konsensbildner“. Quelle: imago images/Agencia EFE
    Jesús Seade

    Er kann von allen Kandidaten auf die längste internationale Erfahrung als Handelsdiplomat verweisen. Der Mexikaner arbeitete schon für den WTO-Vorgänger, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt). Er bezeichnet sich als „Konsensbildner“.

    (Foto: imago images/Agencia EFE)
    Der gewiefte Jurist baute sich über Jahrzehnte ein exzellentes Beziehungsnetz in der Welt der Handelsdiplomatie auf. Er gilt als überzeugter Verfechter des Multilateralismus. Quelle: AFP
    Hamid Mamdouh

    Der gewiefte Jurist baute sich über Jahrzehnte ein exzellentes Beziehungsnetz in der Welt der Handelsdiplomatie auf. Er gilt als überzeugter Verfechter des Multilateralismus.

    (Foto: AFP)

    Daneben werden weitere mögliche Kandidaten für das WTO-Spitzenamt ins Spiel gebracht, beispielsweise die spanische Außenministerin Arancha González, die dem Ex-WTO-Generaldirektor Pascal Lamy als Stabschefin zugearbeitet hat und als fachlich exzellent gilt.

    Allerdings hat Madrid mit Nadia Calviño auch eine aussichtsreiche Kandidatin als Chefin der Euro-Gruppe im Rennen. Dass gleich zwei Spanierinnen internationale Spitzenposten bekommen, ist eher unwahrscheinlich.

    Der irische EU-Handelskommissar Phil Hogan, dem gute Chancen eingeräumt worden waren, verzichtete am Montag auf eine Kandidatur. Er habe entschieden, von einer Bewerbung Abstand zu nehmen, teilte er mit und begründete dies mit den Herausforderungen, vor denen die Europäische Union angesichts der Spannungen mit den USA, des wachsenden Einflusses Chinas und des Brexits in der Handelspolitik stehe. Hogan hätte seinen Job in Brüssel aufgeben müsste, bevor er sicher gewesen wäre, dass ihn die WTO-Mitglieder zum Chef machen.

    Nach dem Rückzug Hogans sehe er „keinen europäischen Kandidaten oder Kandidatin mehr“, sagte Bernd Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europaparlament, dem Handelsblatt. Das sei aber kein Drama: „Wir schauen nach guten Bewerbern und nicht nach Herkunft“, so der SPD-Politiker. Es sei zudem die Zeit für eine Frau an der WTO-Spitze.

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    Egal, wer auf der WTO-Chefetage einzieht, die oder der Neue muss sich dagegenstemmen, dass die Institution weiter ins Abseits rutscht. Die 2001 in Doha begonnene Welthandelsrunde versandete kläglich und kann nach Meinung von Diplomaten nicht mehr gerettet werden. Erst wenige Jahre davor, 1994/1995, ging die WTO überhaupt mit viel Zuversicht an den Start, um den regelgebundenen, möglichst freien Warenaustausch zu stärken.

    „Die WTO ist ein Chaos“, höhnt jetzt Robert Lighthizer, der Handelsbeauftragte von US-Präsident Trump. Dabei trägt Trumps Team entscheidend zu dem „Chaos“ bei – etwa durch die Lahmlegung der Berufungsinstanz für Streitfälle der WTO. Die US-Amerikaner haben alle Nachbesetzungen für dieses Gremium bisher blockiert, sodass dieses nun entscheidungsunfähig ist.

    Der Generaldirektor verfügt formal nur über begrenzte Mittel, um der WTO mit ihren 164 oft zerstrittenen Mitgliedern neuen Schwung zu geben. „Die traurige Wahrheit ist, dass nur die Mitglieder die WTO vor der Bedeutungslosigkeit retten können“, erläutert Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

    WTO-Chef muss mehr führen

    Das sehen nicht alle so. Einige Mitgliedsländer wünschen sich seit Langem eine starke politische Führungspersönlichkeit an der Spitze der Handelsorganisation. „Die WTO kann sich nicht länger dahinter verstecken, dass sie eine Mitgliederorganisation ist“, kritisiert eine hochrangige EU-Beamtin.

    Nötig sei „jetzt vor allem Diplomatie, nicht technokratisches Detailwissen“, betont Felbermayr. Der Generaldirektor müsse das Vertrauen der WTO-Schwergewichte EU, USA und China erwerben.

    Der Bundesverband der Deutschen Industrie gibt für den neuen WTO-Chef oder die neue Chefin vor allem das Ziel aus, „die US-Regierung am Verhandlungstisch zu halten“. Eine mögliche Abwahl von US-Präsident Trump im November könnte sogar von 2021 an in Genf „einen neuen Geist der Zusammenarbeit auslösen“. Doch bis dahin dürfte die jetzige US-Administration der WTO weiter zusetzen, beispielsweise indem das Trump-Team die Wahl eines neuen Generaldirektors verzögert.

    Falls sich die WTO-Mitglieder bis Ende August nicht auf einen Chef einigen, könnte die Stunde des Deutschen Karl Brauner schlagen. Brauner ist einer der vier Stellvertreter des noch amtierenden Generaldirektors. Einer der vier würde bis zur Einsetzung eines neuen Generaldirektors vorübergehend als Chef einspringen.

    Mehr: EU wünscht sich Europäer als neuen Chef der Welthandelsorganisation

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