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GriechenlandWarum der griechische Staat kleine Unternehmen fusionieren will

In keinem EU-Staat gibt es so viele Kleinstbetriebe wie in Griechenland. Mit Steuervergünstigungen sollen nun Fusionen von Unternehmen gefördert werden. Aber es gibt einen Haken.Gerd Höhler 25.07.2024 - 10:07 Uhr
Ein Ladenbesitzer in Griechenland. Foto: dpa

Athen. Vom Tante-Emma-Laden bis zur Ein-Mann-Schreinerei – keine Volkswirtschaft in der EU ist so kleinteilig strukturiert wie die griechische. 90 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeitende. Nur sechs Firmen in Griechenland haben mehr als 10.000 Beschäftigte. Die kleinen Betriebsgrößen bremsen die Erholung der griechischen Wirtschaft. Die Produktivität ist gering, die Firmen sind meist unterkapitalisiert und wachsen daher nur sehr langsam.

Griechenland leidet immer noch unter den Folgen der Schuldenkrise der 2010er-Jahre. Bis das Mittelmeerland beim Bruttoinlandsprodukt inflationsbereinigt wieder das Vorkrisenniveau erreicht, wird nach Berechnungen der Athener Eurobank noch mindestens ein Jahrzehnt vergehen – wenn das Land seine Strukturprobleme in den Griff kriegt. Dazu gehören die kleinen Unternehmensgrößen.

Deshalb will die konservative Regierung jetzt Firmenzusammenschlüsse fördern. Wirtschafts- und Finanzminister Kostis Hatzidakis kündigte einen Gesetzentwurf an, der Steuervergünstigungen und vereinfachte Genehmigungsverfahren für Fusionen vorsieht. „Übernahmen und Fusionen sind ein wichtiges Instrument für eine nachhaltige Entwicklung unserer Wirtschaft und deren Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Hatzidakis jetzt bei einem Workshop mit dem Titel „Mergers & Acquisitions“ in Athen.

Viele Firmen sind unterkapitalisiert

Die Kleinstruktur der griechischen Wirtschaft ist ein chronisches Problem. Von den 880.349 aktiven griechischen Unternehmen beschäftigen 837.634 weniger als zehn Arbeitnehmer. Sie gehören damit nach Definition der EU zu den sogenannten Mikro-Unternehmen. Nirgendwo in der EU ist ihr Anteil so groß wie in Griechenland.

Aus eigener Kraft zu wachsen ist für die meisten dieser Firmen sehr schwer. Sie sind häufig unterkapitalisiert und haben Liquiditätsprobleme. Der Zugang zu Finanzierungen scheitert oft an der mangelnden Bonität oder daran, dass diese Unternehmen personell gar nicht in der Lage sind, die von den Kreditinstituten geforderten Geschäftspläne auszuarbeiten.

539.403 griechische Unternehmen haben überhaupt keine Mitarbeiter. Sie bestehen nur aus dem Inhaber und möglicherweise mitarbeitenden Familienangehörigen, die aber nicht als Angestellte gemeldet sind.

Der Traum, sein eigener Chef zu sein

Diese ungewöhnlich hohe Zahl von Einpersonengesellschaften erklären Ökonomen mit dem Streben vieler Griechen nach Selbstständigkeit. 27,4 Prozent aller Erwerbstätigen in Griechenland waren im vergangenen Jahr selbstständig. Das ist die höchste Quote in der Europäischen Union. Der Durchschnitt liegt in der EU mit 13,8 Prozent nur halb so hoch. In Deutschland beträgt der Anteil der Selbstständigen lediglich 8,3 Prozent.

Aber so verlockend es auch ist, sein eigener Chef zu sein: Die Produktivität der griechischen Mikro- und Kleinunternehmen ist sehr gering. Sie erwirtschafteten im vergangenen Jahr nach Berechnungen von Eurostat nur knapp halb so viel Umsatz wie Unternehmen dieser Größenordnung im EU-Durchschnitt.

Die Förderung von Fusionen und Übernahmen gehört zu den Reformschritten, die Griechenland im Rahmen des EU-Aufbauplans RRF umsetzen muss. Schon 2021 verabschiedete das Parlament ein erstes Maßnahmenpaket. Es sah steuerliche Vergünstigungen für kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten (KMU) vor, die sich zusammenschließen oder kooperieren, etwa im Einkauf, Marketing und Vertrieb. Solche Firmen erhalten für drei Jahre 30 Prozent Nachlass bei den Unternehmensteuern.

Aber die Steuervorteile zeigten bisher wenig Wirkung. Deshalb will Wirtschafts- und Finanzminister Hatzidakis jetzt nachbessern. Dazu soll eine Vielzahl einzelner Fördermaßnahmen aus der Zeit seit 1972 jetzt überarbeitet und in einem neuen Gesetz zusammengefasst werden, um mehr Übersichtlichkeit herzustellen. Außerdem werden die Genehmigungsverfahren vereinfacht.

Auch Fusionen mit ausländischen Firmen werden jetzt gefördert

Bisher zielten die Fördermaßnahmen darauf ab, Unternehmen ähnlicher Größe zusammenzubringen. Neu ist, dass jetzt auch Übernahmen kleiner Unternehmen durch große gefördert werden sollen. Fusionen mit Firmen aus anderen EU-Staaten werden in Zukunft ebenfalls steuerlich begünstigt. Damit erfüllt Griechenland eine Vorgabe der EU. „Angel-Investoren“, die sich finanziell an griechischen Start-ups beteiligen und die Existenzgründer zugleich mit unternehmerischem Know-how unterstützen, können ebenfalls Steuervergünstigungen erhalten. Statt für drei Jahre sollen die Steuervorteile künftig für fünf Jahre gewährt werden.

Nikos Vettas, Professor an der Athener Wirtschaftsuniversität und Generaldirektor des unternehmernahen Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE, sieht in Fusionen und Übernahmen „einen Katalysator für das Wachstum der griechischen Unternehmen, die Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Exportkraft“. Vettas sagt, dass „die bisherigen Steueranreize positiv sind“. Er schränkt aber ein, dass sie „keine besonders große Wirkung gezeigt haben“.

Wenn der Chef allein entscheidet

Das dürfte auch Gründe haben, die in der Unternehmermentalität liegen. Viele Klein- und Familienunternehmer sind Eigenbrötler. Man lässt sich nicht gern in die Karten sehen, möchte die Kontrolle behalten und delegiert ungern. Es ist deshalb kein Zufall, dass in den meisten kleinen und mittleren Unternehmen in Griechenland der Inhaber zugleich der Geschäftsführer ist. „Im Team zu arbeiten fällt vielen Firmenchefs schwer, Entscheidungen treffen sie oft einsam“, berichtet ein deutscher Manager, der in einem griechischen Handelsunternehmen den Vertrieb leitet. Das demotiviere die Mitarbeiter häufig, berichtet der Deutsche, der anonym bleiben möchte.

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Erstpublikation: 23.07.2024, 04:10 Uhr.

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