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IndustrieChemiebranche fürchtet neue Bürokratie-Welle

Die deutsche Chemieindustrie erwartet 2025 kein Wachstum. Es fehlen Aufträge, noch mehr belastet sie aber kleinteilige Regulierung. Und das nächste Paket an EU-Vorschriften kommt erst noch.Bert Fröndhoff 13.12.2024 - 15:45 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Industrieanlage im Chemiepark Wesseling: Viele Unternehmen verlagern Produktion ins Ausland. Foto: picture alliance/dpa

Frankfurt. Die deutsche Chemieindustrie geht ohne Schwung ins neue Jahr und rechnet 2025 mit einer Stagnation bei Produktionsmenge und Aufträgen. Fast jedes zweite Unternehmen geht laut Mitgliederbefragung des Branchenverbands VCI zudem von sinkenden Gewinnen aus. Ein größerer Stellenabbau ist in dem drittgrößten deutschen Industriezweig aber nicht absehbar.

VCI-Präsident Markus Steilemann sagte am Freitag, man rechne 2025 mit einer nur leicht sinkenden Beschäftigung. Allerdings spitze sich die Lage für die in Teilen angeschlagene Branche in Deutschland zu. Die schwache Nachfrage treffe auf steigende Kosten für Energie und Personal.

In dieser Phase trifft die zunehmende Bürokratie vor allem durch die EU die Branche besonders stark. Zwar hat die neue Kommission versprochen, die kleinteilige Regulierung der Wirtschaft einzudämmen. Doch zunächst erwartet die Chemie eine neue Welle an Vorschriften.

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Steilemann sprach von 900 Einzelmaßnahmen aus 50 Gesetzen auf EU-Ebene, die von der alten Kommission beschlossen wurden und die Chemie- und Pharmaindustrie betreffen. Diese Vorschriften seien aber noch nicht umgesetzt, was nun anstehe. Schon jetzt empfinden die Chemiefirmen die Regulierung als größte Belastung für ihr Geschäft, wie die Umfrage unter den Mitgliedern des Chemieverbands ergab.

87 Prozent der Befragten nannten den Wust an Vorschriften als schwere oder sehr schwere Belastung am Standort Deutschland; erst mit Abstand folgen hohe Arbeitskosten und Steuern sowie zu langsame Genehmigungsverfahren.

„Die Industrie wird von einer hyperaktiven Kommission in den Stillstand reguliert“, sagte Steilemann. 22 Prozent der Arbeitszeit in den Firmen gehe mittlerweile für das Ausfüllen von Formularen drauf. Von den  Verantwortlichen in Brüssel und in der kommenden Bundesregierung forderte er ein schnelles Eindämmen der Bürokratie: „Wir brauchen dabei die Kettensäge“, sagte Steilemann.

VCI-Präsident Markus Steilemann: „Die Chemie wird in den Stillstand reguliert.“ Foto: Foto Vogt GmbH

Mit „Kettensäge“ meint der Chemiepräsident: Versprechen und Ankündigungen würden nicht mehr reichen – es brauche einen radikalen Schnitt. In Behörden fehlen aus Sicht der Chemie Kompetenzen, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Die Firmen würde ständig auf widersprüchliche Vorschriften von Bund und Ländern sowie den Kommunen stoßen.

„Wir können alle eine Portion Zuversicht vertragen und brauchen dafür in Deutschland eine stabile Regierung, die die Probleme zügig angeht“, sagte Steilemann mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl. Die Wünsche der Industrie liegen längst auf dem Tisch: Neben Bürokratieabbau sind es Steuersenkungen und eine stabile und sichere Versorgung mit preiswertem Strom.

In den großen Chemieunternehmen selbst sind aktuell etwas optimistischere Töne zu hören. Dort wird mit einer schrittweisen Verbesserung der Nachfrage gerechnet, selbst in Europa seien „zarte Pflanzen“ von neuem Wachstum zu erkennen, heißt es in Kreisen eines Großkonzerns.

Chemie investiert mehr im Ausland

Immerhin: Der VCI sieht es als Lichtblick, dass die rasante Talfahrt der Chemieindustrie gestoppt zu sein scheint. Doch die Spuren der Rezession sind deutlich. 2024 stieg die Produktionsmenge der Chemieunternehmen zwar um vier Prozent. Sie liegt aber noch immer um 17 Prozent unter dem Wert des Jahres 2018, also vor den zahlreichen Krisen. Weil die Preise im Keller sind, ging der Umsatz (inklusive Pharmaprodukten) 2024 um zwei Prozent auf 221 Milliarden Euro zurück.

Die Chemiebranche geht nicht davon aus, dass die Produktionsmenge auf absehbare Zeit wieder den alten Stand erreichen wird. „Was weg ist, bleibt weg“, sagte Steilemann. Er hält die deutsche Chemie mit ihrer Fokussierung auf kundennahe Spezialprodukte zwar im Kern für gesund und zukunftsfähig.

Nur findet der Ausbau zunehmend im Ausland statt – in den USA und Asien, aber auch in den europäischen Nachbarländern. In Deutschland selbst tätigen die Chemieunternehmen die nötigen Investitionen für Erhalt und Modernisierung der Anlagen. Neue Produktionen und Erweiterungen entstehen aber zumeist anderswo.

Im nächsten Jahr planen 40 Prozent der VCI-Mitgliedsfirmen weniger Investitionen in Deutschland, nur 25 Prozent wollen hierzulande mehr ausgeben. Hingegen verstärken 46 Prozent der Befragten die Investitionen in ausländische Standorte.

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Die Gründe dafür sind vielfältig. Es sind nicht allein die höheren Kosten in der Heimat. Die Chemiefirmen verstärken die Präsenz in Asien und USA, weil es Wachstumsmärkte sind und sie nah bei den dortigen Kunden sein wollen. Zugleich bereiten sich die Firmen damit auf mögliche Handelsbeschränkungen vor, unter denen der Export aus Deutschland leiden würde.

Absehbar ist, dass in Deutschland weitere Anlagen geschlossen werden, vor allem in den sehr energieintensiven Prozessen der Basischemie. Dort sind schon 2023 und 2024 zahlreiche Produktionen dauerhaft stillgelegt worden.

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Wegen der schwachen Nachfrage waren 2024 die bestehenden Anlagen in Deutschland im Schnitt nur zu 75 Prozent ausgelastet. Sie lagen damit seit vier Jahren in Folge deutlich unter dem notwendigen Wert für einen rentablen Betrieb.

Mit einer besseren Auslastung allein ist es aber nicht getan. Eine vom VCI in Auftrag gegebene Studie der Boston Consulting Group ergab: Um international wieder wettbewerbsfähig zu werden, müsste die deutsche Chemie ihre Produktivität je nach Segment um zehn bis 30 Prozent steigern.

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