Rezension: Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman ist Preisträger des diesjährigen Weltwirtschaftlichen Preises.
Foto: dapdKiel. Eigentlich sollte es ja egal sein, wie rum eine Frage gestellt wird. Doch für das menschliche Hirn ist es ein gewaltiger Unterschied. Da ist etwa das Beispiel der amerikanischen Betriebsrenten: Früher wurden die Arbeiter regelmäßig gefragt, ob sie künftig einen größeren Teil ihres Lohns auf die hohe Kante legen möchten - und nur wenige taten es. Heute ist es umgekehrt: Die Beiträge steigen automatisch - und die Arbeiter werden nur gefragt, ob sie wieder weniger sparen möchten. Der Effekt: Ihre Sparquote steigt - und die Gefahr der Arbeitsarmut sinkt.
"Sanfter Paternalismus" nennt sich dieses neue Paradigma der Verbraucherschutzpolitik. "Die Menschen bleiben in ihrer Entscheidung komplett frei", erklärt der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman im Handelsblatt-Gespräch. "Aber zur selben Zeit gilt: Wenn sie ohne groß nachzudenken die Standardantwort wählen, ist das die, die gut ist für sie - und für die Gesellschaft." Der Ansatz ist somit ein Mittelweg zwischen staatlicher Bevormundung und völliger Freiheit - und hat einen weiteren großen Vorteil: "Die Reformen kosten nichts und bringen viel", so Kahneman.
Kein Wunder also, dass Regierungen gerade in Zeiten des Sparens mehr und mehr auf diese Ideen setzen. In Washington und London arbeiten heute ganze Scharen von Verhaltensökonomen im Auftrag der Regierung daran, die typischen Ungereimtheiten des menschlichen Denkens gezielt zu nutzen - und berufen sich dabei auf die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie, die Kahneman begründet hat. Das Ziel: die Denkfaulen vor sich selber schützen, ohne letztlich Zwang auszuüben.
Und denkfaul, das sind die Menschen meistens, zeigt der Professor der US-Eliteuniversität Princeton in seinem neuen Buch "Schnelles Denken, langsames Denken", das jüngst auf Deutsch erschienen ist. Keine leichte Kost. Und dennoch eroberte es die oberen Plätze der Bestsellerliste des "Spiegels" schon in den ersten Wochen.
Wie viel Geld man für das Alter zurücklegt, sollte der Mensch eigentlich durch langsames, abwägendes Nachdenken entscheiden, sagt Kahneman, schließlich sei es eine folgenschwere Entscheidung. Doch das sei dem Hirn oft zu anstrengend. Stattdessen werde die Entscheidung, wie so oft, intuitiv gefällt: spontan, aus dem Bauch heraus, emotional, anfällig für Ablenkungen. Allzu gerne verlasse man sich dabei auf die vorgegebene Antwort: "Schließlich erscheint die als die normale", sagt Kahneman.
So auch bei der Organspende: Wenn die Menschen angeben müssen, dass ihre Organe nach dem Tod genutzt werden sollen, täten das nur wenige. Müsse man sich dagegen entscheiden, liege die Spenderrate bei fast 100 Prozent.
Der Psychologieprofessor Daniel Kahneman stellt mit seinem Bestseller das Menschenbild der Ökonomie auf den Kopf.
Foto: ReutersDer heute 78-jährige Kahneman ist der geistige Vater des sanften Paternalismus. Mit Dutzenden von Experimenten hat er in seinem langen Forscherleben zusammengetragen, welche systematischen Fehler wir machen, wenn wir aus dem Bauch heraus entscheiden - und welchen simplen Daumenregeln wir dabei folgen: etwa, dass unsere Meinungen viel zu sehr auf spärlichen eigenen Erfahrungen basieren, dass wir zu ungerechtfertigtem Optimismus neigen, die Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlicher Ereignisse überschätzen - oder uns komplett von emotionalen Impulsen leiten lassen. Zu Kahnemans Lieblingsgeschichten gehört denn auch die Empfehlung, Steuerzahler schon auf der ersten Seite der Steuererklärung unterschreiben zu lassen, dass sie korrekte Angaben machen - und nicht erst am Ende. Da einen die Unterschrift dazu bringe, beim Ausfüllen über Moral und Ehrlichkeit nachzudenken, nehme die Zahl der Schummler dadurch ab.
Auf 624 Seiten erzählt Kahneman nun die Geschichte der modernen Verhaltensökonomie und damit auch die seiner eigenen Erfolge, die er - typisch für einen scheuen Forscher - eher zu bescheiden darstellt. Schließlich hat er - meist in Zusammenarbeit mit dem 1996 verstorbenen Amos Tversky - die Wirtschaftstheorie revolutioniert, auch wenn sie sich lange geziert hat. So war die klassische Ökonomie stets von einem heroischen Menschenbild ausgegangen: einem Mensch, der heute genauso entscheidet wie gestern, der alle verfügbaren Informationen sachlich verarbeitet und der immer das tut, was gut für ihn ist. "Seitdem Kahneman den Nobelpreis bekommen hat, ist es für meine Profession viel schwieriger geworden, ihn zu ignorieren", scherzte Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, als er Kahneman am vergangenen Sonntag im Beisein von Bundespräsident Joachim Gauck den Weltwirtschaftlichen Preis überreichte.
Tatsächlich hatten zuletzt viele Kritiker der Ökonomenzunft vorgeworfen, sie hätten die Finanzkrise vorhersehen können, wenn sie die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie beachtet hätten. Eine Einschätzung, die Kahneman so nicht teilt. Doch ist er überzeugt, dass die sanften Paternalisten ähnliche Krisen künftig verhindern können: etwa, indem sie die Finanzindustrie zwingen, ihren Kunden bei der Vergabe von Haus-Hypotheken simplere Formulare vorzulegen, damit diese gehindert werden, ihre eigene Finanzkraft zu überschätzen.
Ein Rezept für Kahnemans Erfolg war stets seine Art zu schreiben. Auch wenn sein Buch letztlich etwas zu ausführlich ausgefallen ist, schreibt er dennoch simpel und spannend - ohne mit Fachbegriffen um sich zu werfen wie andere Forscher. Doch vor allem nimmt er den Leser an die Hand und lässt ihn durch kleine Experimente immer wieder am eigenen Leib erfahren, wie fehlbar wir doch sind. Denn er liefert die Aufgabenstellung, die er seinen Probanden stellt, immer gleich mit.
Probieren Sie es aus: Ein Ball und ein Schläger kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Was kostet der Ball?
Zehn Cent, werden Sie wahrscheinlich sofort sagen. Jedenfalls tun das regelmäßig 80 Prozent der Befragten. Doch richtig sind natürlich fünf. "Viele Menschen vertrauen ihren Intuitionen allzu sehr", schreibt Kahneman. Der Bereich des Hirns, der für das langsame Denken zuständig ist, schaffe es dann nicht, den spontanen ersten Antwort-Impuls zu kontrollieren. Dabei hätten einige wenige Sekunden mentaler Arbeit ausgereicht, tadelt Kahneman. Doch das sei nun einmal auch sehr anstrengend.