Personalführung: Vom Chefsessel in den Lotussitz – Lässt sich Achtsamkeit trainieren?
Soft Skills werden wichtiger.
Foto: Maskot/Getty ImagesBerlin. Selbstgefällig lächelnd thront er im Chefsessel, bellt seinen Mitarbeitern knappe Befehle zu und wirft Beschlüsse aus einer Laune heraus wieder um. Don Draper, Kreativchef einer fiktiven Werbeagentur in der US-Erfolgsserie „Mad Men“, die im New York der 1960er-Jahre spielt, ist so etwas wie der Prototyp des Managers, der allein und autoritär entscheidet. Das Motto: Ich darf das, ich bin ein Genie. Empathie? Sozialkompetenz? Gehört in den Kindergarten!
Die Kunstfigur Draper ist sinnbildlich für alles, wofür Führungskräfte modernen Managementphilosophien zufolge nicht mehr stehen sollten. Heute sind achtsame Mitarbeiterführung, Kommunikation und Transparenz gefragt. Manche Broschüre für Führungsseminare kommt daher wie eine Einladung zum spirituellen Yoga-Retreat daher. Weiterbildungen in „Mindful Leadership“ und empathischer Führung liegen ebenso im Trend wie Sozialkompetenztrainings.
Soft Skills, wie Personaler diese „weichen“ Führungskompetenzen nennen, seien groß im Kommen, sagt Jana Völkel-Kitzmann, Geschäftsführerin des Management-Instituts Dr. A. Kitzmann in Münster. Hier können Führungskräfte unter anderem zweitägige Seminare zu „Emotionaler Intelligenz“ belegen. Diese gilt, anders als das intellektuelle Leistungsvermögen (IQ), nämlich nicht als genetisch determiniert, sondern als Fähigkeit, die sich erst im Laufe des Lebens entwickeln lässt.
Die Logik hinter dieser Art von Weiterbildung: Wer die Gefühlslagen seiner Mitarbeiter zu entschlüsseln lernt, soll konfliktärmer und damit besser führen können. „Manager agieren immer stärker als Coaches ihrer Mitarbeiter“, sagt Völkel-Kitzmann. Wer jenseits von Fachkompetenz ein guter Chef sein wolle, profitiere von einer hohen emotionalen Intelligenz.
Achtsam per Wochenendkurs?
Aber kann man Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit tatsächlich lernen wie Business-Englisch? Und wenn ja: Lassen sich solche Fähigkeiten mithilfe eines einzigen Wochenendseminars aufbauen?
Es reiche, um eine Basis zu schaffen, meint Völkel-Kitzmann: „Man kann in dieser Zeit Grundlagen und ein paar Impulse an die Hand bekommen – emotionale Intelligenz und Einfühlungsvermögen entwickelt man bestenfalls ein Leben lang.“ Die Theorieblöcke zu psychologischen und kommunikativen Modellen werden bewusst knapp gehalten.
Im Mittelpunkt des Seminars stehen praktische Übungen an konkreten Fallbeispielen. Manche Alltagssituationen bringen die Kursteilnehmer aus dem eigenen Erleben mit, andere Szenarien schlagen die Seminarleiter vor. Auf Wunsch werden die nachgespielten Dialoge, etwa Konfliktgespräche mit Mitarbeitern, gefilmt und später gemeinsam analysiert.
Völkel-Kitzmann sieht in einer externen Weiterbildung einen Vorteil gegenüber Coachings am Arbeitsplatz. Als Anbieterin eines solchen Formats muss sie so etwas sagen. Aber sie nennt auch gute Gründe: „Es fällt häufig leichter, sein Verhalten zusammen mit Führungskräften aus anderen Unternehmen zu reflektieren, als mit den eigenen Kollegen.“ Die Unbefangenheit der übrigen Beteiligten ermögliche ein klareres Bild der eigenen Wirkung auf andere.
Eine möglichst gute Selbsteinschätzung wird tatsächlich wichtiger, denn die Erwartungshaltung an die Soft Skills von Führungskräften wächst. Vertrauen, wertschätzende Kommunikation und Empathie sind laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeits- und Organisationsforschung und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung mittlerweile die wichtigsten Führungskompetenzen. Die drei Punkte wurden von den befragten Angestellten mehr als doppelt so häufig genannt wie der Faktor Fachwissen. Der durch die Pandemie beschleunigte Trend zum hybriden Arbeiten habe diese Entwicklung weiter verstärkt, so die Autoren.
Ilka Piechowiak hält diese Entwicklung für bedenklich. „Führungskräfte sollten keine Therapeuten sein, auch nicht die Freunde ihrer Mitarbeiter“, sagt die Hamburger Führungskräftetrainerin. Sie stört, dass der Faktor Empathie zunehmend in den Mittelpunkt rückt, wenn es um modernen Führungsstil geht. Sich in die Mitarbeiter einfühlen zu können sei zwar grundsätzlich hilfreich. Gleichzeitig berge das permanente Streben nach Harmonie aber die Gefahr, dass die Rollenklarheit der Vorgesetzten verloren gehe und sie die professionelle Distanz zum Team verlören.
Kurs statt Konfliktlösung
Aus Piechowiaks Sicht machen es sich manche Firmen zu leicht. Statt bei Konflikten das Problem zu identifizieren, werde oft einfach die verantwortliche Führungskraft zur Weiterbildung geschickt, „damit sie empathischer wird“. Dabei wäre vor allem eine Reflexion der Situation in der Firma angebracht.
Auch Völkel-Kitzmann kennt solche Fälle. Ihrer Erfahrung nach sind sie allerdings eher selten. Nur fünf Prozent der Teilnehmer an ihrem Seminar zu emotionaler Intelligenz kämen auf Wunsch ihres Arbeitgebers, weil es zuvor im Team geknirscht habe, schätzt sie. Die überwiegende Mehrzahl melde sich aus eigenem Antrieb an.
Das zweite große Trendthema neben Empathie und emotionaler Intelligenz ist achtsame Führung, neudeutsch: „Mindful Leadership“. Das auf buddhistischen Lehren fußende Führungsprinzip hat sich in den vergangenen Jahren vom Silicon Valley aus kommend auch hierzulande verbreitet.
Das Ziel der Trainings: Manager sollen sich mehr Zeit für Führung nehmen, bewusster mit ihrem Team kommunizieren, Stimmungen zunächst nur wahrnehmen, statt sie sofort zu bewerten. Dazu gehört ein regelmäßiges Feedback, auch zum emotionalen Befinden.
Meditation zur Selbstfindung
Im Zentrum des Ansatzes steht die Selbstregulierung: das eigene Ich besser kennenlernen, das persönliche Fühlen und Verhalten reflektieren. Nur wer mit sich selbst verantwortlich umgeht, so die Idee, kann offen sein für andere. Entsprechende Weiterbildungsformate setzen dafür zum Teil meditative Trainingsmethoden ein.
Karrierecoachin Piechowiak sieht auch darin eher ein Modephänomen, welches das klassische Thema Wertschätzung in neuem Gewand erscheinen lasse. „Im Kern geht es doch darum: Ich muss Menschen mögen, um sie zu führen, und ich muss mir Zeit für sie nehmen.“ Eine Grundlage jedes modernen Führungsprinzips.
Dass Management à la „Mad Men“ in etwa so gut in die heutige Zeit passt wie vollgequalmte Büros, dürfte mittlerweile Konsens sein. Inwieweit ein Rollenspiel oder eine Meditation im Lotussitz zur Reflexion des eigenen Führungsverhaltens beitragen könnte, sollte aber wohl jeder Manager besser selbst entscheiden.