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Evolution des MenschenHomo sapiens viel älter als vermutet

In Marokko haben Forscher die ältesten Fossilien aus der Frühzeit des Menschen entdeckt. Die Funde zeigen, wie modern der Homo sapiens schon vor 300.000 Jahren war – und dass er bereits einen ganzen Kontinent besiedelte. 07.06.2017 - 19:14 Uhr Artikel anhören

Die Computeranimation zeigt die Rekonstruktion eines Schädels des frühesten bekannten Homo sapiens. Vor 300.000 Jahren hatte unser Vorfahr bereits einen modernen Gesichtsschädel, der Gehirnschädel (blau) mutet dagegen noch archaisch an. (Bild: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig)

Foto: dpa

Berlin. Die Anfänge des modernen Menschen reichen viel weiter zurück als bislang bekannt. Während die frühesten Funde von Homo sapiens bislang auf ein Alter von 200.000 Jahren datiert wurden, beschreibt ein internationales Forscherteam unter deutscher Leitung nun Fossilien aus Marokko, die 100.000 Jahre älter sind.

Die 300.000 Jahre alten Knochenfragmente eröffnen einen ganz neuen Einblick in die Entstehung und Entwicklung des Homo sapiens, berichten die Wissenschaftler um Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Wissenschaftsmagazin Nature. Lange bevor der moderne Mensch Afrika vor etwa 100.000 Jahren verließ, habe er offenbar bereits den ganzen Kontinent besiedelt.

„Wir dachten lange Zeit, dass die Wiege der Menschheit vor etwa 200.000 Jahren irgendwo in Ostafrika lag“, so Hublin. „Unsere Daten zeigen aber, dass sich Homo sapiens bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten Kontinent ausgebreitet hat.“

Sowohl genetische Daten heute lebender Menschen als auch Fossilien weisen auf einen afrikanischen Ursprung unserer Art hin. Die ältesten bisher bekannten Homo sapiens-Fossilien stammen aus Äthiopien: Die Fundstelle Omo Kibish ist 195.000 Jahre alt, der Fundplatz Herto wird auf 160.000 Jahre datiert. Die meisten Forscher gingen deshalb davon aus, dass alle heute lebenden Menschen von einer Population abstammen, die vor etwa 200.000 Jahren in Ostafrika lebte.

Die Forscher um Hublin untersuchten nun Fossilien aus Jebel Irhoud, einem Fundplatz etwa 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, der bereits seit den 1960er Jahren für menschliche Fossilien und Steinwerkzeuge bekannt ist. Die Interpretation dieser Funde wurde bislang allerdings durch eine unsichere Datierung erschwert.

Hublins Team untersuchte insgesamt 22 versteinerte Überreste von Knochen, Schädeln, Kiefern und Zähnen, die von mindestens fünf Menschen stammen. Besonders gründlich wurden dabei die Schädelfragmente unter die Lupe genommen, unter anderem mit moderner Computertomografie (micro-CT).

Homo sapiens und seine Mitmenschen
Der Homo sapiens war über Hunderttausende Jahre nur eine von mehreren Menschenarten auf der Erde. Bis vor mindestens rund 40.000 Jahren teilte er seine Umgebung mit anderen Vertretern der Gattung Homo.
Nächster Verwandter des Menschen ist Homo neanderthalensis. Er lebte unter anderem in Europa und starb vor etwa 40.000 Jahren aus. Neandertaler und Homo sapiens haben sich vermischt, die meisten Menschen tragen Neandertaler-Gene im Erbgut.
Einen noch größeren Einfluss auf das menschliche Genom könnte der Denisova-Mensch gehabt haben. Er ist nach einer Höhle in Südsibirien benannt. Möglicherweise lebten in dieser Gegend sogar Homo sapiens, Denisova-Mensch und Neandertaler zusammen und tauschten sich rege aus.
Auch dieser Frühmensch, dessen Fossilien man vor mehr als 100 Jahren bei Heidelberg fand, tummelte sich nach neuesten Erkenntnissen zur gleichen Zeit wie der Homo sapiens auf der Erde. Er lebte etwa vor 700.000 bis vor 200.000 Jahren.
Gut laufen und klettern konnte der rund 1,50 Meter große Homo naledi. Seine Überreste wurden in Südafrika entdeckt und auf ein Alter von 250.000 bis 300.000 Jahre datiert. Beim Denken konnte er mit dem Homo sapiens wohl nicht mithalten: Die Größe seines Gehirns entsprach etwa der einer Apfelsine.
Der ungewöhnlichste Cousin des modernen Menschen ist der „Hobbit“. Diesen Spitznamen bekam Homo floresiensis, weil er nur etwa einen Meter groß war. Seine Fossilien wurden auf der indonesischen Insel Flores entdeckt, wo er sich bis vor mindestens 100.000 Jahren hielt

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse gehen weit über die zeitliche Einordnung hinaus: Der Gesichtsschädel des frühen Homo sapiens war demnach damals schon voll ausgeprägt und glich dem heute lebender Menschen. Dagegen war der Hinterkopf deutlich länger und ähnelte eher älteren Vertretern der Gattung Homo.

„Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat“, folgert Ko-Autor Philipp Gunz. Dagegen habe sich die Form des Gehirns und womöglich auch seine Funktion erst innerhalb der späteren Entwicklung verändert.

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Bei den Grabungen entdeckten die Forscher auch reichlich Tierknochen, etwa von Gazellen, sowie Werkzeuge, die bei der Datierung der Funde halfen. „In Jebel Irhoud hatten wir Glück, dass so viele Steinwerkzeuge erhitzt worden waren“, erklärt Hublins MPI-Kollege Daniel Richter, Erstautor einer ebenfalls im Nature-Magazin veröffentlichten Datierungsstudie. „Deshalb konnten wir die Thermolumineszenz-Methode anwenden, um die Fundschichten genau zu datieren.“

Dieses Verfahren bestimmt über den Zerfall natürlicher radioaktiver Elemente den Zeitraum seit dem Erhitzen. Das Alter der erhitzten Feuerstein-Werkzeuge konnte so auf rund 300.000 Jahre bestimmt werden. „Für die genaue Altersbestimmung in Jebel Irhoud haben wir die modernsten Datierungsmethoden und die konservativste Berechnung eingesetzt“, so Richter.

Die Forschungsergebnisse von Jebel Irhoud werfen ein ganz neues Licht auf die Evolution von Homo sapiens. „Nordafrika ist lange Zeit in der Debatte um den Ursprung unserer Spezies vernachlässigt worden“, so Abdelouahed Ben-Ncer vom INSAP, dem nationalen archäologischen Institut in Rabat. „Die spektakulären Entdeckungen von Jebel Irhoud zeigen die engen Verbindungen des Maghreb mit dem Rest des afrikanischen Kontinents zum Zeitpunkt der Entstehung von Homo sapiens.“

tt, dpa
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