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Handelsblatt-InterviewBill Gates sieht Corona erst 2022 überwunden: „Nächsten Sommer wird es überall Impfstoffe geben“

Der Microsoft-Gründer und Stifter erwartet einen schwierigen Herbst mit einer weiteren Corona-Welle. Kopfzerbrechen bereiten ihm auch die vielen Verschwörungstheorien.Thomas Jahn 15.09.2020 - 05:00 Uhr Artikel anhören

Der Microsoft-Gründer plädiert für eine Finanzierung und Verteilung der Impfstoffe auch in Entwicklungsländern.

Foto: dpa

Düsseldorf. Microsoft-Gründer Bill Gates glaubt, dass bereits in drei Monaten mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus die Zulassung erhalten werden. Bis dahin allerdings fürchtet er eine weitere Corona-Welle mit „Todesraten in vielen Ländern wie im Frühling“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Kaum jemand aus der Wirtschaft hat sich so intensiv mit Pandemien auseinandergesetzt wie Gates. Seine Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung ist aktiv bei der Suche und Produktion von Impfstoffen gegen Covid-19 involviert. Kopfzerbrechen bereiten dem Microsoft-Gründer die zahlreichen Verschwörungstheorien, die vor seiner Person und Impfungen warnen. Sie würden die Menschen dazu bringen, sich nicht impfen zu lassen.

Dabei bräuchte es laut Gates eine Impfrate von mindestens 60 Prozent bei der Bevölkerung, um die Krankheit aus der Welt zu schaffen. „Alles, was ich habe, sind Wissenschaft und Fakten“, sagt Gates. „Ich bin sehr offen für Vorschläge, wie wir diese Verschwörungstheorien vermeiden können.“

Gates plädiert für eine Finanzierung und Verteilung der Impfstoffe auch in Entwicklungsländern, um Menschenleben zu retten, für politische Stabilität zu sorgen und die Gefahr einer Wiederansteckung in Europa oder den USA zu senken. „Wir müssen das auf jeden Fall auf globaler Ebene zu Ende bringen.“

Die Auswirkungen von Corona in Entwicklungsländern sind laut Gates drastisch. Es würden viele Hilfsmaßnahmen in anderen Bereichen ausfallen: „Es werden keine Masernimpfungen durchgeführt, keine Mückennetze vergeben, HIV-Behandlungen bleiben aus, Medikamente werden nicht ausgeteilt.“

In Afrika erwartet Gates deutlich mehr Tote durch die indirekten als durch die direkte Folge von Covid-19. Der wirtschaftliche Schaden sei enorm. Die Länder könnten sich nicht einfach wie die reichen Länder verschulden, um Regierungsprogramme zu finanzieren. „Es kann ein Jahrzehnt oder länger dauern, bis sie sich erholt haben.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Wie schätzen Sie derzeit die Corona-Pandemie ein?
Ich bin pessimistisch, was den Herbst in der nördlichen Hemisphäre betrifft. Ohne Gegenmaßnahmen werden die Todesraten in vielen Ländern einschließlich der USA wieder auf das Niveau steigen wie im Frühling. Das wird ein schwieriger Herbst. Das ist die schlechte Nachricht.

Und die Gute?
Es gibt viele Impfstoffe, die vielversprechende Resultate in frühklinischen Tests erzielen. Es wird bald Zulassungen geben. Wir fokussieren uns auf die Impfstoffe von Astra-Zeneca, Johnson & Johnson, Novavax und Sanofi. Noch vor Jahresende oder spätestens Anfang nächsten Jahres werden wohl drei dieser Impfstoffe zugelassen sein.

Warum setzt Ihre Stiftung gerade auf diese Impfstoffe?
Die Stiftung fokussiert am stärksten auf Impfstoffe, die in sehr großen Mengen sehr preiswert hergestellt werden können – und nicht mehr als zwei oder drei Dollar pro Dosis kosten. Wenn eines von den vier Mitteln funktioniert, wollen wir sie weltweit herstellen, mehr als 1,5 Milliarden Dosen jedes Jahr.

Die Gates-Stiftung will dafür sorgen, dass die Impfstoffe auch in Entwicklungsländern zur Verfügung stehen.
Wir arbeiten mit den Herstellern in Entwicklungsländern wie Serum in Indien. Zum ersten Mal wird ein Mittel von einem Unternehmen entwickelt und von vielen anderen hergestellt werden. Nächsten Sommer wird es die Impfstoffe überall in der Welt geben. Wenn der Impfstoff ziemlich effektiv ist, reicht schon eine Abdeckungsrate von 60 Prozent der Bevölkerung. Ich bin optimistisch, dass wir nächstes Jahr die Fälle dramatisch reduzieren werden und die Sache 2022 überwunden ist.

Die Gates-Stiftung besitzt einen Anteil am deutschen Biotechunternehmen Curevac, das auch an einem Impfstoff arbeitet – mit einer sogenannten mRNA-Technik.
Mit mRNA-Impfstoffen ist es schwieriger, weil sie bislang noch nicht in großem Umfang hergestellt wurden.

Wie sehen Sie die Chance, dass es rechtzeitig zur US-Präsidentschaftswahl am 3. November einen Impfstoff gibt?
Nur zwei Impfstoffe kommen dafür infrage: die von Pfizer und Moderna. Aber bei beiden ist das nicht wahrscheinlich. Das sollte keine politische Sache sein. Es ist nicht schön, dass mehrere Statements von Trump es so aussehen lassen.

Wie beurteilen Sie die USA im Kampf gegen die Pandemie?
Normalerweise spielen die USA in der Weltgesundheit eine tragende Rolle, sowohl in der Forschung und Entwicklung als auch in der Entwicklungshilfe. Das hat maßgeblich zur Auslöschung der Pocken beigetragen und die Bekämpfung von HIV oder Malaria ermöglicht. In diesem Fall ist das aber anders. Was die Forschung und Entwicklung betrifft, geben die USA mit mehr als zehn Milliarden Dollar mehr Geld aus als alle anderen Länder zusammengenommen – und zwar doppelt so viel. Das hilft der Welt. Was aber die Finanzierung der Produktion oder die Beschaffung von Impfstoffen für Entwicklungsländer betrifft, halten sich die USA zurück. Das erschwert die Sache sehr.

Wie sieht es mit Europa aus?
Die meisten europäischen Länder und auch weitere Staaten helfen. Ich stehe unter anderem in Kontakt mit der deutschen, französischen und britischen Regierung, die Bereitschaft ist da. Der Nutzen eines Impfstoffs ist groß: Eine Impfung in Entwicklungsländern kostet pro Dosis drei Dollar, davon braucht man zwei Stück. Diese Ausgabe zu sparen würde keinerlei Sinn machen – selbst wenn die USA einen Sonderweg gehen.

Warum soll Europa notfalls für Amerika einspringen?
Das sind die Milliarden, die wir ausgeben müssen, um Milliarden Menschen zu helfen. Es ist ähnlich wie bei der Malaria-Bekämpfung: Einmal zählt der menschliche Aspekt, hinzu kommt die politische Stabilität in den betroffenen Ländern. Bei der Pandemie gibt es einen zusätzlichen Nutzen: Es kommt nicht zur Wiederansteckung. Damit können alle Länder endlich all die teuren und umständlichen Schutzmaßnahmen sein lassen. Selbst Länder, die gut durch die Pandemie gekommen sind wie Japan, Südkorea oder Australien tun sich schwer, Wiederansteckungen zu vermeiden. Wir müssen das auf jeden Fall auf globaler Ebene zu Ende bringen.

Wie gefährdet sind Entwicklungsländer durch Corona?
In den reichen Ländern ist die Bevölkerung älter, auch die Pandemie-Opfer sind in den allermeisten Fällen älter. In Entwicklungsländern ist das anders, dort sind die Opfer im Schnitt zehn Jahre jünger. Die genauen Gründe dafür sind noch nicht gefunden, es könnte mit Fehlernährung oder mit Umweltverschmutzung zusammenhängen. Ansonsten ist das Muster sehr ähnlich. Grundsätzlich ist es für die Entwicklungsländer von Vorteil, eine jüngere Bevölkerung zu haben. Aber ihr Gesundheitssystem ist viel fragiler.

Wie wirkt sich die Pandemie aus?
In Afrika erwarte ich deutlich mehr Tote durch die indirekten als durch die direkten Folgen von Covid-19. Es werden keine Masernimpfungen durchgeführt, keine Mückennetze mehr verteilt, HIV-Behandlungen bleiben aus, Medikamente werden nicht ausgegeben. Auch die extreme Armut hat um sieben Prozent zugenommen, was in Summe 37 Millionen Menschen entspricht. Ich telefoniere viel mit afrikanischen Politikern, zuletzt mit Nigeria. Der wirtschaftliche Schaden und die Bildungsdefizite werden länger vorhalten als die Schäden der Pandemie. Diese Länder können sich nicht einfach wie die reichen Staaten verschulden, um Regierungsprogramme zu finanzieren. Es kann ein Jahrzehnt oder länger dauern, bis sie sich erholt haben.

In Deutschland diskutieren viele Menschen, ob die Maßnahmen gegen Corona nicht übertrieben waren. Wie beurteilen Sie den Sonderweg von Schweden, das keinen Lockdown machte?
Darüber kann kein abschließendes Urteil gefällt werden. Die schwedische Wirtschaft brach stark ein, und Schweden hatte viele Tote. Der Verlauf in Schweden und anderswo kann durch mehr Ursachen als nur durch die Verhaltensmaßnahmen erklärt werden: wie viele Infizierte ins Land gekommen sind, wie die Volkswirtschaft strukturiert ist. Eine Zeit lang sah die schwedische Strategie ziemlich smart aus, dann wieder ziemlich falsch. Es ist halt kompliziert.

Um Sie als Person ranken sich viele Verschwörungstheorien. So glauben manche Impfgegner, Sie wollten durch die Impfung die Menschen kontrollieren. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe keine Ahnung, wie sie mir auf die Schliche gekommen sind (lacht). Es ist so bizarr, dass man sich lustig darüber machen muss. Aber es ist ein sehr ernsthaftes Thema. Das könnte unsere Arbeit einschränken, die Bereitschaft der Menschen könnte sinken, Masken zu tragen oder sich impfen zu lassen. Mit der Zeit müssen sich aber 60 Prozent der Bevölkerung impfen lassen, um sicherzustellen, dass die Krankheit verschwindet. Am besten wäre es, wenn es 80 bis 90 Prozent wären. In den USA überlegen 40 Prozent, ob sie sich überhaupt impfen lassen wollen.

Was haben Menschen gegen Impfungen?
Die Angst vor Impfungen hat es schon immer gegeben. In armen Ländern gibt es immer wieder Gerüchte, beispielsweise 2003 in Nigeria, dass sich Frauen bei einer Polioimpfung sterilisieren – was die Poliokampagne völlig zum Scheitern brachte. Impfstoffe sind ein Wunderwerk, sie haben Pocken aus der Welt geschafft, Masern dramatisch reduziert.
Eine Impfung ist aber schwer zu vermitteln, die Nadeln stechen, da passiert etwas Verrücktes. Die positiven Effekte einer Impfung lassen sich nicht so gut erzählen wie die Angst, die sie erweckt. Wir überlegen, wie wir am besten kommunizieren, sodass Menschen diese Verschwörungstheorien nicht glauben. Aber diese Kombination aus Pandemie und digitalen Medien, die eine Welle von Verschwörungsdiskussionen losgetreten hat – das ist eine neue Sache.

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Wie dagegen angehen? Mit rationalen Argumenten?
Welche Wahl hat man sonst? Ich will verrückte Verschwörungstheorien nicht mit alternativen verrückten Verschwörungstheorien bekämpfen. Alles, was ich habe, sind Wissenschaft und Fakten. Einige dieser Gerüchte werden von halbseriösen Medien unterstützt. Sie sagen nicht, dass sie stimmen, sondern dass es sie gibt – so machen sie sich unangreifbar. Auf Fox News sind diese Gerüchte gestreut worden.
Ich bin sehr offen für Vorschläge, wie wir diese Verschwörungstheorien meiden können. Die digitalen Medien versuchen sie einzudämmen, aber das ist bislang nicht erfolgreich gewesen. Es gibt ein verrücktes Video, in dem gesagt wird: Tragt keine Masken, nehmt stattdessen Hydroxychloroquin. Das wurde zehn Millionen Mal gesehen, bevor es abgesetzt wurde. Diese Maßnahme hätte man sich so gut wie sparen können.

Die USA galten vor Corona als mit am besten vorbereitet auf Pandemien. Heute weist kein Land so viele Corona-Tote auf.
Die USA hätten am besten reagieren müssen. Wir geben so viel Geld für unser Gesundheitssystem aus. Wir haben weit mehr sogenannte PCR-Tests pro Kopf als jedes andere Land. Das Center for Disease Control and Prevention (CDC, die US-Behörde zur Krankheitskontrolle und -prävention) ist das beste der Welt. Bei der Ebola-Bekämpfung hat CDC beispielsweise eine Schlüsselrolle gespielt. Aber bis heute sind die USA ein komplettes Desaster beim Testen. Der Staat zahlt für Tests, deren Ergebnisse sehr spät mitgeteilt werden. Von der Logistik ist es nicht so schwierig, das besser zu machen.
Die Situation ist außer Kontrolle geraten. Nehmen sie das Reiseverbot mit China. Nach dem Verbot kamen noch 40.000 Menschen zurück in die USA, die nicht getestet wurden oder in Quarantäne kamen – wir haben nichts getan. Das Gleiche passierte an der Ostküste, als die Pandemie von Europa rüberkam. Es ist eine sehr traurige Geschichte.

Herr Gates, danke für das Interview.

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