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Künstliche IntelligenzWarum die USA den Europäern bei KI-Investments den Rang ablaufen

Amerikanische und europäische KI-Start-ups konkurrieren um Kapital. Zwei Auswertungen zeigen nun, wie stark die Dominanz der USA ist.Felix Holtermann 12.07.2023 - 12:45 Uhr Artikel anhören

Der KI-Hype hat die USA erfasst.

Foto: IMAGO/imagebroker

New York. 2023 ist das Jahr des KI-Hypes. Ende November 2022 stellte der Microsoft-Partner OpenAI ChatGPT ins Netz. Jeder konnte den Textroboter, der auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) arbeitet, nutzen. Das löste rund um den Globus einen Boom von KI-Anwendungen aus – und von Investments in entsprechende Unternehmen.

Doch trotz vielversprechender Start-ups wie StabilityAI aus London und DeepL aus Köln fällt Europa bei Investments in KI-Unternehmen weiter zurück, wie eine exklusive Auswertung des Analysehauses Pitchbook für das Handelsblatt zeigt.

Demnach gab es im ersten Halbjahr 2023 in den USA 1129 Wagniskapitaldeals im Bereich KI und maschinelles Lernen (ML). 30,8 Milliarden Dollar flossen in entsprechende Start-ups. Das ist ein starkes Plus im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2022: Da war mit 15,6 Milliarden Dollar bei 1249 Deals nur die Hälfte an Investments zusammengekommen.

Anders sieht die Situation in Europa aus. Im ersten Halbjahr 2023 wurden bei 646 Deals 3,7 Milliarden Dollar eingenommen. Damit floss nicht nur deutlich weniger Geld in KI als in den USA – das europäische Investitionstempo verlangsamte sich 2023 sogar: Im zweiten Halbjahr 2022 waren bei 761 Deals noch 4,6 Milliarden Dollar zusammengekommen.

Die Entwicklung alarmiert Beobachter. Es sind weniger die absoluten Zahlen, die überraschen: Dass europäischen Start-ups weniger Geld zur Verfügung steht, ist kein neues Phänomen – die US-Kapitalmärkte sind schlicht weiter entwickelt, Investoren traditionell risikofreudiger. Problematisch ist vielmehr, dass im KI-Hype-Jahr 2023 die europäische Risikokapitalfinanzierung zurückging, statt wie in den USA deutlich zuzulegen.

Einfluss von Google, Meta & Apple: Europas KI-Investitionsschwäche verschärft sich

„Europa fällt beim Zukunftsthema KI weiter zurück“, sagt Brendan Burke vom Analysehaus Pitchbook. „Zwar gibt es auch in Europa bedeutende KI-Forscher, akademische Einrichtungen und fähige Gründer. Sie sind aber nicht in der Lage, vergleichbare Summen wie in den USA einzuwerben.“

Dass sich Europas Investitionsschwäche 2023 sogar noch verschärfte, liegt laut Burke am „sich verstärkenden Effekt der Tech-Giganten“, also am Einfluss von US-Konzernen wie Google, Meta und Apple. Zum einen würden viele KI-Start-ups von ehemaligen Angestellten der Tech-Riesen gegründet. Zum anderen investierten diese bewusst in vielversprechende Start-ups, um deren Entwicklungen für die interne Forschung zu nutzen – und trieben so das Wachstum des KI-Sektors in den USA voran.

Ein ähnliches Ökosystem fehle in Europa, so Burke. „Die europäischen Forschungslabore waren nicht so erfolgreich.“ Selbst europäische Hoffnungsträger wie StabilityAI aus London, das hinter dem Programm Stable Diffusion steht, hätten keine „Megadeals“ wie ihre US-Konkurrenten abschließen können.

StabilityAI hatte im Herbst 101 Millionen Dollar eingeworben und damit „Einhorn“-Status erreicht. Ein Versuch, in diesem Frühjahr weitere Investments zu einer höheren Bewertung einzuwerben, scheiterte.

Und selbst, wenn europäische Softwarehersteller investieren, fließt das Geld nicht notwendigerweise nach Europa. Der Risikokapitalgeber Sapphire Ventures, der seine Einlagen maßgeblich von SAP erhält, will mehr als eine Milliarde Dollar in Start-ups mit KI-Fokus investieren, wie er am Dienstag ankündigte. Einen beträchtlichen Teil der Deals macht der Investor allerdings im Silicon Valley.

KI-Spezialisten: Europäische Start-ups werden zum Übernahmeziel

Was passiert mit jenen vielversprechenden europäischen Start-ups, die die Gründungsphase überstehen? Eine zweite Auswertung, die das Analysehaus Dealogic für das Handelsblatt erstellt hat, sieht sie als Übernahmekandidaten.

Dealogic hat sich den Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) im KI-Bereich in den USA und Europa angeschaut. Grundsätzlich ist auch hier die US-Marktdynamik stärker, wie Analystin Kalina Tzerovska erklärt: Im ersten Halbjahr 2023 wurden in den USA 9,3 Milliarden Dollar für M&A-Transaktionen ausgegeben, in Europa waren es 3,2 Milliarden Dollar.

Dafür werden europäische KI-Start-ups deutlich schneller zum ausländischen Übernahmeziel. 1,6 Milliarden Dollar flossen im ersten Halbjahr 2023 für entsprechende M&A-Transaktionen nach Europa. Im Gegenzug gaben europäische Unternehmen 1,0 Milliarden Dollar aus, um KI-Spezialisten in anderen Weltregionen zu übernehmen.

Anders ist die Lage in den USA: Dorthin strömten lediglich 775 Millionen Dollar für Fusionen und Übernahmen. Und die US-Spieler sehen offenbar nur wenige attraktive Übernahmekandidaten im Rest der Welt: Sie steckten gerade einmal 238 Millionen Dollar in ausländische M&A-Transaktionen.

Europa: Chancen bei KI-Compliance

Legt man beide Analysen übereinander, ergibt sich, grob formuliert, folgendes Bild: Der KI-Hype hat die USA erfasst. Wagniskapitalgeber investieren in Gründer, Übernahmen finden vor allem innerhalb des Landes statt. In Europa hingegen fehlt es sowohl an Start-ups wie auch am nötigen Kleingeld. Und sind europäische KI-Firmen erfolgreich, droht der Verkauf ins Ausland.

Analyst Burke nennt das einen „beunruhigenden Trend“, und er sieht keine einfache Lösung. Von den in seinen Augen vielversprechendsten KI-Start-ups – OpenAI, Anthropic, CharacterAI, AI21 Labs und StabilityAI – komme nur letzteres aus Europa. „Der KI-Sektor ist ein sehr konsolidiertes Feld. Wenige Unternehmen treiben den Löwenanteil der Innovationen voran“, so Burke. Die dominierenden US-Spieler unterstützten zudem „kein breites globales Ökosystem an Start-ups“.

Dennoch gebe es für Europa Chancen zu reagieren. Statt zu versuchen, selbst neue grundlegende Modelle, sogenannte „Foundation Models“, zu entwickeln, sollten sich Gründer vielmehr auf die Anpassung der führenden KI-Modelle für Unternehmenskunden fokussieren – und auf den Bereich Compliance, also darauf, wie KI Regeln und Gesetze einhält. Vorbilder seien Weaviate aus Amsterdam und Qdrant aus Berlin.

Und die europäische Politik? Die müsse dem Abwerben europäischer Talente ins Ausland entgegenwirken, etwa durch bessere Bedingungen für Gründer. „Der Verbleib von Talenten in Europa“ sei die zentrale Aufgabe.

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Mitarbeit: Stephan Scheuer

Erstpublikation: 11.07.2023, 22:36 Uhr

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