Start-ups: Ende des Aufwärtstrends – Anteil der Gründerinnen rückläufig
Berlin. Immer seltener werden Start-ups in Deutschland von Frauen gegründet. Der Anteil der Gründerinnen sank auf 18,8 Prozent – im Vorjahr waren es noch 20,7 Prozent. Das geht aus einem Teilauszug des „Deutschen Start-up Monitors“ (DSM) hervor, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Der DSM wird einmal jährlich vom Start-up-Verband erhoben.
Damit ist auch ein Aufwärtstrend gestoppt: Denn seit 2019 war die Quote stetig gestiegen. Als einen möglichen Grund für den Rückgang des Frauenanteils bei Gründungen geben die Autoren des DSM an, dass es derzeit vor allem endverbraucherfokussierte Start-ups wegen Inflation und Wirtschaftsschwäche schwer haben. Dazu gehören beispielsweise Dienstleistungen oder E-Commerce-Angebote. Und genau solche Start-ups würden häufig von Frauen gegründet.
Es gibt dabei noch weitere Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Start-up-Szene. Nach früheren Studien des Start-up-Verbands fällt es Frauen deutlich schwerer, Risikokapital einzusammeln. Finanzierungsrunden von männlichen Gründern fallen etwa neun Mal so hoch aus.
Das liegt vor allem an einer strukturellen Benachteiligung: Frauen, die gründen wollen, müssten von der Politik mehr unterstützt werden. Das fordern Frauen aus der Szene.
Verband kritisiert zu geringe Unterstützung
Kati Ernst, stellvertretende Vorstandsvorsitzende beim Start-up-Verband, sagt: „Wir müssen dringend Mutterschutz für Selbstständige ermöglichen, das Elterngeld an die Lebenswirklichkeit von Selbstständigen anpassen und die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten erhöhen.“ Ernst ist Mitgründerin der Periodenunterwäsche-Firma Ooia.
Diese Meinung vertritt auch Anika Schmidt, Mitgründerin von Freemom, einer Plattform für berufstätige Mütter. Sie sagte: „Wenn sich die Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Regelungen zum Mutterschutz nicht verbessern, bleibt hier viel Potenzial liegen.“ Zugleich machte Schmidt deutlich, dass es weiterhin auch an weiblichen Vorbildern mangele. Sie verwies darauf, dass sie und ihre Mitgründerin bei Pitch-Wettbewerben oder Veranstaltungen häufig die einzigen Frauen seien.
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Die Vorsitzende des Start-up-Verbands, Verena Pausder, ist seit Langem Verfechterin einer stärker an Familien ausgerichteten Politik. Mit ihrer Elterngeld-Petition richtete sie sich gegen die Pläne von Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne), die das Elterngeld für Besserverdienende streichen wollte, um die Sparvorgaben aus dem Finanzministerium einhalten zu können. Letztlich ließ die Ampel die ursprünglichen Pläne fallen und senkte zwar die Einkommensgrenze, aber schrittweise.
Die Unterstützung von Familien spielt auch eine wesentliche Rolle in der Innovationsagenda des Start-up-Verbands. In dieser wird unter anderem vorgeschlagen, die Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten auszuweiten.
Investoren sind noch seltener weiblich
Frauen haben allerdings nicht nur zusätzliche Probleme durch Hürden bei der Kinderbetreuung, sondern auch durch die Risiken, die bei der Fokussierung auf Geschäftsfelder entstehen, die besonders unter der Konjunkturschwäche leiden. Wenn sie erst einmal gegründet haben, gilt der Mangel an Investorinnen als einer der Hauptgründe dafür, dass ihre Start-ups in der Regel langsamer wachsen und weniger groß werden.
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Aus dem „European Tech Report“ des Londoner Wagniskapitalgebers (VC) Atomico geht hervor, dass lediglich 16 Prozent der Partner bei VCs weiblich sind. Studien haben allerdings gezeigt, dass Frauen häufiger in Frauen investieren, wie auch Männer häufiger in Männer investieren. Würde also der Anteil der Investorinnen steigen, dürfte dies unmittelbare Auswirkungen auf die Finanzierung von Start-ups haben, die von Frauen gegründet wurden.
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Sonja Jost, Mitgründerin des Chemie-Start-ups Dude Chem, bestätigt das: „Die Verantwortlichen bei VCs stellen selbst viel zu häufig Mitarbeitende ein, die ihnen sehr ähnlich sind, weil sie dasselbe Geschlecht, dieselbe Ausbildung und denselben sozialen Hintergrund haben.“ Dadurch werde unbewusste Diskriminierung wahrscheinlicher.
Zwar nicht weiblich, dafür international
Erstmals schauten die Verfasser des Berichts auch genauer auf die Herkunft der Gründer wie auch der Mitarbeitenden von Start-ups. Dabei ging es nicht um die Staatsangehörigkeit, sondern um den Geburtsort. Demnach haben in Deutschland 17,8 Prozent der Gründer eine sogenannte Einwanderungsgeschichte. Zugleich kommt fast jeder dritte Mitarbeitende aus dem Ausland. Noch etwas häufiger ist Englisch die Arbeitssprache.
Am kommenden Sonntag veröffentlicht der Start-up-Verband gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) den gesamten DSM.