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Samuel und Carsten Waldeck: Die Shift-Gründer verdienen weniger als einige ihrer Angestellten. Foto: SHIFT

TechnologieWie zwei Brüder nachhaltige Smartphones ohne Investoren entwickeln

Das Unternehmen Shift entwickelt im hessischen Falkenberg Smartphones, die leicht zu reparieren und fair sein sollen. Dabei haben die zwei Gründer einen noch viel größeren Plan.Sebastian Dalkowski 14.10.2025 - 10:52 Uhr Artikel anhören

Falkenberg. Es braucht schon ein bitterkaltes Herz, um sich der Romantik der folgenden Geschäftsidee zu entziehen: Zwei Brüder kehren zurück in das hessische Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, und entwickeln ohne Investoren ein nachhaltiges Smartphone. Ein Gerät, das bei jedem Start vermeldet: „Warning: smartphones can be timekillers.“

Und nun, zehn Jahre später, sagen sie: Es wird Zeit, dass unser Unternehmen ein größeres Stück vom Smartphone-Kuchen abbekommt. Dabei hat Shift seit Gründung gerade einmal etwas mehr als 30.000 Exemplare seines Shiftphones verkauft, 45 Mitarbeiter, einen Jahresumsatz von drei bis fünf Millionen Euro.

Zum Vergleich: Der deutlich bekanntere Hersteller fairer Smartphones, Fairphone aus den Niederlanden, hat allein in 2023 rund 100.000 Smartphones verkauft und einen Umsatz von rund 55 Millionen Euro gemacht.

Ist der Anspruch der Waldeck-Brüder bloß Aktivismus – oder steckt mehr dahinter?

Samuel und Carsten Waldeck sind die Gründer von Shift. Samuel, 47, trägt zum Gespräch Vans-Sneaker und Carhartt-Schirmmütze, Carsten, 54, Strubbelbart und Schiebermütze. Wenn sie auf ihrem Youtube-Kanal von ihren Plänen sprechen, dann tun sie das nicht mit dem Selbstbewusstsein amerikanischer Tech-Bros, nicht vor riesigem Publikum. Sie sitzen nebeneinander an einem Tisch. Der Tonfall erinnert eher an sehr zugewandte Psychotherapeuten. „Es gibt auch krasse Herausforderungen. Das ist was, wo wir euch gern mit reinnehmen wollen.“

Ihr Dorf, das ist Falkenberg, 800 Einwohner, 30 Kilometer südlich von Kassel. Ab und zu hält ein Bus. Die Brüder sind Nachbarn, ihre Eigenheime haben sie günstig erworben und mit viel Eigenleistung bewohnbar gemacht.

Anders hätte es nicht funktioniert, denn die Gründer, Inhaber und Geschäftsführer verdienen weniger als manche ihrer Angestellten: 3600 Euro brutto. Samuel Waldeck stellt die vegetarische Lasagne gelegentlich in den mit Holz geheizten Eisenofen. Die Eier kommen von den Hühnern, die im verwunschenen Garten herumlaufen, ein paar Meter die Straße runter.

Eine Firmenzentrale, die nicht auffällt

Noch ein paar Meter weiter steht der Gänsemarkt, ein Café und Tante-Emma-Laden, den die Waldeck-Brüder auch mit EU-Mitteln und wieder viel Eigenleistung gebaut haben, weil’s im Dorf weder Café noch Tante-Emma-Laden gab.

Wieder ein paar Meter weiter steht die Zentrale der Shift GmbH, ein Gebäude, das gar nicht auffällt zwischen den anderen im Dorf. Hier entwickeln sie die fairen Smartphones, die auch noch modular sind. Das heißt: Jeder kann den Akku selbst tauschen, sogar ohne Werkzeug, wie früher beim Nokia-Knochen. Für viele andere Einzelteile reicht ein Schraubendreher.

Die Zentrale von Shift. Foto: PR

Shift verkauft auch faire und modulare Laptops, Kopfhörer, Monitore. Aber momentan setzen sie vor allem auf ihr neues Smartphone, das Shiftphone 8.1. Hergestellt wird das in China. Es soll wie die Vorgänger nicht nur deutlich weniger Ressourcen verbrauchen als die großen Konkurrenten, sondern auch in Sachen Leistung mithalten.

Das Shiftphone 8. Foto: PR

Die wenigen deutschen Smartphone-Hersteller, die es gibt, haben eines gemeinsam: Sie spielen selbst auf dem deutschen Markt fast keine Rolle. Aber als ob den Waldeck-Brüdern das alles nicht genug der Herausforderung wäre, haben sie noch größere Pläne: Eines Tages soll ihr Smartphone so gut sein, dass es größere Geräte wie Tablets, Laptops und PCs überflüssig macht.

Wer das als Größenwahn abtut, sollte wenigstens einen Blick in die Firmengeschichte werfen.

Die beginnt mit einem Fehler und einem Kamerakran. Den Kran hatte Carsten Waldeck, studierter Informatiker und Designer, entwickelt und via Crowdfunding finanziert. Um das Kamerabild anzuzeigen, brauchte es ein Tablet. Waldeck war unzufrieden mit dem, was auf dem Markt war.

„Für uns waren das Design-Fehler“, sagt sein Bruder Samuel, gelernter Mediengestalter.

Design-Fehler im Sinne von Dieter Rams, einem deutschen Industriedesigner, dessen Ideen auch Apple beeinflussten. Rams stellte mal die zehn Thesen des guten Designs auf. Zu diesen gehört unter anderem, dass es langlebig und umweltfreundlich ist.

Durchbohrte Hauptplatine

Die Tablets aber konnte der Nutzer kaum selbst reparieren, der Akku ließ sich nur schwer austauschen. Stattdessen war alles verklebt und verschweißt, was die Geräte zwar für Wasser, aber auch für Reparaturen schwer zugänglich machte. Samuel, der wie sein Bruder schon als Kind gerne Dinge reparierte, wollte mal einen Schaden an einem iPhone beheben, durchbohrte aber die Hauptplatine. „Das kann nicht sein“, dachte er.

So beschlossen die beiden, ein Phablet zu entwickeln, eine Mischung aus Telefon und Tablet, das ihren Ansprüchen genügte. Auch das finanzierten sie per Crowdfunding. 2014 brachten sie das Gerät auf den Markt. Shift war geboren.

Durch das Crowdfunding hatte sich eine kleine Community entwickelt. Die wünschte sich auch ein echtes Smartphone von den Brüdern, eines, das auch auf die Ressourcen und ihre Herkunft achtete. Der Konkurrent Fairphone hatte sich gerade erst in den Niederlanden gegründet. Die Waldecks waren mit dem christlichen Glauben aufgewachsen, die Schöpfung zu bewahren, das lag ihnen am Herzen.

Manufaktur in China

Zunächst stellten chinesische Firmen die Geräte in ihrem Auftrag her. Doch die Ansprüche der Brüder waren hoch, die Offenheit der anderen Seite begrenzt. Also eröffneten sie lieber ihre eigene Manufaktur in China, in der aus eingekauften Einzelteilen das Smartphone zusammengesetzt wird.

„Mitarbeiter sind sonst Kennzahlen für dich“, sagt Samuel Waldeck. Kurz zuvor hatte sich die Familie eigene Hühner angeschafft und er merkte, dass er für die Eier eine ganz andere Wertschätzung hatte, als wenn er sie im Supermarkt gekauft hätte. Mit eigenen Mitarbeitern stieg auch die Wertschätzung für die Smartphones aus eigener Herstellung.

Genaugenommen gehört die Manufaktur mit zehn Angestellten einem chinesischen Freund und Unternehmer, weil es für ihn in seiner Heimat deutlich einfacher ist als für einen Ausländer, ein Unternehmen zu gründen. Doch die Manufaktur arbeitet ausschließlich für Shift. Nach Angaben von Samuel Waldeck erhalten die Angestellten mindestens das Zweieinhalbfache des lokalen Mindestlohns.

Die Manufaktur von Shift in China. Foto: PR

Aber sollte ein fairer Smartphone-Hersteller nicht im eigenen Land produzieren lassen? Waldeck erklärt die Entscheidung so: Die Einzelteile kommen in Mehrweg-Verpackungen in der Manufaktur an. Länderübergreifend wäre dieses System nicht möglich.

Faire Bezahlung für alle Beteiligten, das ist ein Punkt, der aus einem Smartphone ein faires macht, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen ist ein anderer. Schon die Modularität sorgt dafür, dass Kunden ihr Gerät länger nutzen, statt sich bei zerbrochenem Display oder schwachem Akku gleich ein neues zu kaufen.

Shift setzt sich auch für einen fairen Abbau von Gold und anderen wertvollen Metallen ein, indem sie Organisationen unterstützen, die genau das zum Ziel haben. Denn die seltenen Rohstoffe werden häufig in Kriegsregionen und unter miserablen Bedingungen abgebaut. Außerdem lässt Shift für jedes verkaufte Smartphone ein anderes Smartphone im globalen Süden recyceln – und besteht auf 22 Euro Pfand bei der Bestellung.

Raus aus der Nische

Das klingt zwar alles sinnvoll, aber auch nach Nische. Mit dem Shiftphone 8 soll sich das ändern. Es soll auch jene überzeugen, die für einen bezahlbaren Preis ein gutes Handy haben wollen, das sie auch noch selbst reparieren können.

Deshalb verspricht Samuel Waldeck fürs neue Gerät: Niemand muss mehr in Sachen Leistung Abstriche machen. Es ist das erste Shiftphone mit 5G, laut Waldeck zudem das weltweit erste strahlwassergeschützte modulare Smartphone – es kann dem Strahl eines Feuerwehrschlauchs drei Minuten standhalten. Dass kein Wasser eindringt, ist auch deshalb wichtig, weil der Großteil des ökologischen Fußabdrucks in der Hauptplatine steckt.

Das Smartphone läuft mit eigenem Betriebssystem, dem androidbasierten ShiftOS. Ein kurzer Praxis-Test des Autors mit dem neuen Shiftphone 8 führt zu einem soliden Ergebnis. Der Prozessor Qualcomm Snapdragon QCM649 gehört zur guten Mittelklasse. Für den Prozessor gibt es laut Samuel Waldeck Software-Support bis 2036. Apps, Webseiten und Filme laufen flüssig. Nur die Lautsprecher überzeugten nicht, aber wer nutzt die schon für anspruchsvollere Aufgaben?

Der Akku des Shiftphone 8 lässt sich schnell austauschen. Foto: PR

Laut Shift sollen zwei Software-Updates bald für Besserung sorgen. Entsperrt wird mit Fingerabdruck oder Pin. Auf Sprachbefehle reagiert das Gerät zwar mit dem Google Assistant auch bei gesperrtem, aber nicht bei ausgeschaltetem Bildschirm. Was nervig sein kann, wenn man gerade keine Hand frei hat.

Trotz kleiner Mängel sollte das Shiftphone für alltägliche Aufgaben locker ausreichen, auch wenn es nicht an die aktuellen Topgeräte von Apple und Google heranreicht. Der Akku lässt sich tatsächlich in ein paar Sekunden wechseln.

Das neue Shiftphone kann in wenigen Wochen auch mit e/OS bestellt werden, einem Betriebssystem des französischen Unternehmens Murena, das ebenfalls auf Android beruht und ohne Google-Dienste auskommt. Apps aus dem Google Play Store lassen sich trotzdem herunterladen, für kostenpflichtige braucht es aber einen Google-Account.

Das Shiftphone mit dem Betriebssystem e/OS. Foto: PR

Um zu wachsen, sucht sich ein Start-up normalerweise größere Investoren. Es ist nicht so, dass die beiden Gründer das grundsätzlich ablehnen, sie haben bis heute aber noch niemanden gefunden, der ihre Vorstellungen von einem guten Smartphone teilt und bereit ist, aufs große Geld zu verzichten. Denn Gewinne werden für die Anteile nicht ausgeschüttet.

Deshalb ist Shift auf Vorbestellungen angewiesen, um die nächste Produktion zu bezahlen. Wer heute sein Shiftphone bestellt, erhält es voraussichtlich im November. Das dürfte viele abhalten. Momentan liegt der Preis bei 650 Euro. Wenn die Geräte auf Lager sind, sollen es ohne Wartezeit 711 Euro sein. Doch bis dahin braucht es weitere Vorbestellungen.

Privatkredite aus der Community

Momentan sind es rund 10.000, viele davon wurden auch schon ausgeliefert. Es bräuchte aber noch zwei- bis dreitausend mehr, um zumindest die Entwicklungskosten wieder reinzubekommen. Zwischenzeitlich hat Shift sich sogar über Privatkredite Geld aus der Community geliehen.

„Das Potenzial ist enorm“, sagt Samuel Waldeck. 2025 sollen in Deutschland, so sagt Waldeck, insgesamt 15 Millionen Android-Geräte verkauft werden. Ein Prozent der Kunden wollen die Brüder. Dann hätten sie so viele Geräte verkauft wie noch nie.

Ist das realistisch?

Cornelia Crucean, Bereichsleiterin Nachhaltigkeit und Umwelt beim Branchenverband Bitkom, sagt: „Geräte, die explizit unter nachhaltigeren und faireren Bedingungen produziert werden und durch eine modulare Bauweise selbst reparierbar sind, sind auf dem Markt eher ein Nischenprodukt.“

Grundsätzlich legten Verbraucher aber zunehmend Wert auf Nachhaltigkeitskriterien. 89 Prozent gaben bei einer Bitkom-Befragung an, dass ihnen das beim Kauf ihres Smartphones grundsätzlich wichtig sei. Und: 47 Prozent nutzen ihr Smartphone bereits länger als zwei Jahre. Im Vorjahr waren es noch 27 Prozent.

Ranjit Atwal, Analyst beim Marktforscher Gartner, sieht ebenfalls, dass Verbraucher ihre Smartphones länger nutzen. „Wenn sie es dann ersetzen, könnten sie sich für ein modulares Modell entscheiden. Allerdings bleibt der höhere Preis ein erhebliches Hindernis.“ Er sagt auch, dass Smartphone-Hersteller wegen der immer höheren Anforderungen durch KI sogar auf kürzere Ersatzzyklen drängten, „weshalb sie hohe technische Spezifikationen und steigende Verkaufspreise über umfassende Zugeständnisse an Umweltbelange stellen“.

Ein Smartphone für alles

Die Shiftphone-Gründer brauchen die Einnahmen auch, um ein anderes Projekt voranzubringen. 2018 haben sie davon erstmals auf ihrer Webseite erzählt. Damals äußerten sie die Hoffnung, zwei Jahre später fertig zu sein. Doch auch 2025 sind sie davon noch weit entfernt.

Das ShiftMU soll nicht bloß ein weiteres Smartphone werden, sondern auch alle anderen Geräte von Tablet bis PC ersetzen. Wie das gehen soll? Es soll so leistungsstark sein, dass Tablet oder Laptop keinen eigenen teuren Prozessor mehr brauchen, sondern nur noch genug Elektronik, um das Bild anzuzeigen, das das Smartphone herüberschickt. Das macht die anderen Geräte billiger, weil sie weniger Ressourcen benötigen.

In Ansätzen gibt es solche Entwicklungen schon bei großen Herstellern. Apple führt iPad Pro und MacBook etwas näher zusammen, beiden nutzen mittlerweile Prozessoren der M-Serie. Nutzer von High-End-Geräten von Samsung können das Bild des Smartphones nicht nur auf einem Monitor spiegeln, das Betriebssystem wechselt dann auch in einen Desktop-Modus (Samsung DeX).

Aber nichts davon reicht an die Vorstellungen von Carsten Waldeck heran. Das verwundert nicht: Denn erst mal würden Hersteller wie Apple ihrem eigenen Geschäftsmodell schaden: möglichst viele Geräte für einen möglichst hohen Preis zu verkaufen.

Noch fehlt für ShiftMU der Prozessor, der auch all das leisten kann, was ein Laptop oder PC leistet, ohne aktive Kühlung und ohne dass der Akku ständig leer ist. Es braucht auch ein Betriebssystem, das sich auf alle Bildschirme einstellt. „UniversalOS wird alles vom Tisch fegen, was wir haben. Wer das zuerst macht, räumt ab“, sagt Carsten Waldeck.

Wenn er von seinen Plänen erzählt, gerät er ins Schwärmen. Er sagt, dass man mit seinem Smartphone im Café auch freie Recheneinheiten anderer herumliegender Smartphones nutzen könnte. Das klingt fast nach Carsharing. Als Laie schwer einzuschätzen, wo hier Science-Fiction beginnt.

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Waldeck denkt, dass Shift in zwei bis drei Jahren so weit sein könnte. Vielleicht aber, sagt er, wird Apple doch wieder schneller sein. Er klingt nicht wie jemand, der das besonders schlimm fände. Für den Fall, dass Shift doch die Nase vorn haben sollte, sagt er: „Ich hätte nichts dagegen, wenn wir das wertvollste Unternehmen der Welt werden würden. Das würde der Welt guttun.“

Erstpublikation: 09.10.2025, 13:04 Uhr.

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