Telekommunikation: T-Mobiles Rekordwachstum erhöht Spielraum des Telekom-Vorstands
San Francisco. T-Mobile US hält seinen Wachstumskurs und hat für das abgelaufene Quartal gleich in mehreren Kategorien neue Rekorde gemeldet. So stieg die Anzahl der Vertragskunden um 1,34 Millionen und überschritt erstmals die Marke von 100 Millionen. Mit ihnen setzte das Unternehmen von April bis Juni fast 20 Milliarden Dollar um.
T-Mobiles Relevanz für die Zukunft der Deutschen Telekom, die mehr als 51 Prozent der Anteile hält, nimmt damit weiter zu. Die wachsenden Gewinne der Tochter machen Dividendenerhöhungen ebenso wahrscheinlicher wie größere Zukäufe.
So grinste Mike Sievert, T-Mobiles hochbezahlter Chef, zufrieden in die Kamera, während er die Geschäftszahlen am Mittwoch der Öffentlichkeit präsentierte. Sein Team habe „die Fähigkeit zu profitablem Kundenwachstum“ erneut unter Beweis gestellt, sagte Sievert. Das Management hob die Gesamtjahresziele in der Folge zum zweiten Mal binnen weniger Monate an
Bei den wesentlichen Kennziffern lieferte Sieverts Team in der Tat solide Zuwächse: Die in der Telekommunikationsbranche besonders wichtigen Service-Umsätze sind um vier Prozent auf 16,4 Milliarden US-Dollar gestiegen, der bereinigte operative Vorsteuergewinn (Core Ebitda) nahm indes um neun Prozent auf acht Milliarden Dollar zu.
Auffällig ist der stete Zustrom bei T-Mobiles relativ neuem „5G Home Internet“, das dem Unternehmen ein völlig neues Marktsegment erschlossen hat. Dahinter steht ein Mobilfunkanschluss für zu Hause, der als Ersatz für eine Kabel- oder DSL-Verbindung funktioniert. Bei diesem Produkt konnte Sievert 400.000 neue Abschlüsse vermelden und zählt mittlerweile fast 5,6 Millionen Kunden.
Verkaufsschlager 5G-Heiminternet
Künftig will T-Mobile die großen US-Kabelanbieter auch direkt im Festnetz angreifen. Der ehemals reine Mobilfunkanbieter ist derzeit dabei, sich ein eigenes Glasfasernetz zusammenzukaufen. Ein Plan, der vor allem von Deutschland aus getrieben wird.
Erst kürzlich wurde bekannt, dass T-Mobile und der Investor KKR Metronet übernehmen wollen, den größten unabhängigen Glasfaseranbieter der USA. Weitere Übernahmen sollen folgen – auch wenn Sievert hier die Erwartungen am Mittwoch zunächst bremste. Konzernkreisen zufolge ist spätestens im Sommer 2025 mit einem neuen Deal zu rechnen.
Aus deutscher Perspektive war auch deshalb eine weitere Kennzahl besonders relevant: der freie Barmittelzufluss (Free Cashflow). Er bemisst den Spielraum des Managements für weitere Zukäufe sowie Dividende und Aktienrückkauf.
Seit vergangenem Jahr fließt über diese beiden Instrumente erstmals Geld aus den USA zum Mehrheitseigner Deutsche Telekom, die mit diesen Mitteln wiederum ihre eigenen Aktionäre beglückt. Entsprechend positiv war der Effekt auf den Kurs der T-Aktie.
Telekom-Aktionäre dürfen sich freuen
Deren Besitzer können sich nun neue Hoffnungen machen. T-Mobiles Free Cashflow wuchs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 54 Prozent auf 4,4 Milliarden Dollar. Das sei ebenfalls ein Rekordergebnis, betonte Sievert. Er rechne daher für das Gesamtjahr mittlerweile mit bis zu 17 Milliarden Dollar.
Auf diesen Wert dürfte Telekom-Chef Timotheus Höttges Anfang Oktober zurückkommen, wenn er beim Kapitalmarkttag seine neue Strategie vorstellt. Insider rechnen damit, dass Höttges sich dabei nicht wie bislang mit Ausschüttungen oder Glasfaserakquisitionen in den USA begnügen wird. Die Telekom sei dank des wachsenden Free Cashflows von T-Mobile mittlerweile in der Lage, auch darüber hinaus zuzukaufen.
Der höhere bereinigte Vorsteuergewinn erweitert den Spielraum dabei zusätzlich, da er eine höhere absolute Gesamtverschuldung möglich macht – ohne das solide Kreditrating des Konzerns zu riskieren.
Hinter den Zahlen steht eine bemerkenswerte Transformation. T-Mobiles Erfolg beruhte bislang vor allem auf seinem Image als kundenfreundlicher Angreifer. Dieser „Un-Carrier“ genannte Underdog befreit die Nutzer aus den Fängen der etablierten wie trägen Konkurrenten AT&T und Verizon. Mit günstigen Preisen, versteht sich.
Das war jedenfalls die Werbegeschichte, die maßgeblich vom legendären Ex-CEO John Legere und seinem damaligen Marketingchef Sievert ersonnen wurde. Sie motivierte Mitarbeiter wie Kunden. Im Zuge des Erfolgs ähnelt T-Mobile jedoch immer mehr seinen einstigen Feinden. Vor allem die Preise seien mittlerweile „Premium und nicht mehr Discount“, sagte der Branchenkenner Roger Entner, Chef von Recon Analytics, dem Handelsblatt. Der Unterschied zwischen Realität und Wahrnehmung werde dabei immer größer.
So hat T-Mobile die Tarife für andere Verträge angehoben, um die Kunden zum Wechsel in die Premiumangebote „Go5G“ und „Go5G Plus“ zu bewegen. Dies werde sich in den Zahlen für das laufende Quartal bemerkbar machen, bemerkte Sievert am Mittwoch stolz.
Einzelne Berichte aktueller und ehemaliger Mitarbeiter deuten unterdessen darauf, dass das Unbehagen in der Belegschaft wegen des zunehmenden Wachstumsdrucks zunimmt. Laut Branchenmedien und Beiträgen in sozialen Medien würden die Zielwerte immer höher gesetzt und Kundenberater etwa dazu angehalten, teils unnütze Vertragsupgrades oder Zubehör zu vertreiben. Auf der Plattform Reddit schrieb ein langjähriger Mitarbeiter von „zwielichtigen Verkaufspraktiken“.
Auf Anfrage des Handelsblatts teilte eine Sprecherin mit, dass man die Berichte ernst nehme, solche Regeln aber nicht existierten. „Wir sind stolz darauf, die Bedürfnisse unserer Kunden an die erste Stelle zu setzen“, sagt sie.
Bei Investoren kamen die jüngsten Quartalszahlen gut an. Der Aktienkurs von T-Mobile stieg am Mittwochnachmittag (Ortszeit) um bis zu vier Prozent.