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Buch „Inside KI“Wie KI-Pioniere das Leben und Arbeiten verändern wollen

Künstliche Intelligenz entwickelt sich entlang der Visionen ihrer Pioniere. Die kommen fast immer aus den USA. Wo bleibt da Europa?Larissa Holzki, Stephan Scheuer 08.03.2024 - 15:01 Uhr
KI-Visionäre (im Uhrzeigersein): Jonas Andrulis, Kimberly Powell, Thomas Dohmke, Sam Altman, Cristóbal Valenzuela. Foto: Handelsblatt

Düsseldorf, San Francisco. Wenn es eine Rangliste der Unternehmer gibt, die weltweit das Schicksal der Menschheit entscheiden könnten, dann stehen Tesla-Chef Elon Musk und Sam Altman, der Chef des ChatGPT-Entwicklers OpenAI, auf dieser Liste sicher weit oben.

Den Status haben sich die beiden durch große Beiträge zur Entwicklung von Raketentechnologie, E-Mobilität und vor allem Künstlicher Intelligenz (KI) erarbeitet. Aber sie verstehen es auch in herausragender Weise, sich selbst in der Welt diese Wahrnehmung zu verschaffen.

Der jüngste Beleg dafür ist eine aufsehenerregende Klage, die Elon Musk gegen OpenAI eingereicht hat. Musk hatte die Firma einst mitgegründet. Jetzt wirft er ihr vor, gegen die vertraglich vereinbarte Mission zu verstoßen, KI zum Nutzen der Menschheit zu entwickeln, ohne sich dabei von finanziellen Zielen leiten zu lassen.

OpenAI hält nun dagegen, dass es allen voran Musk selbst gewesen sei, der das Unternehmen vor Jahren stärker am Profit hatte ausrichten wollen. Zur Einordnung muss man zudem wissen, dass der Tesla-Chef inzwischen mit seiner eigenen Firma xAI in das Rennen um die mächtigen KI-Systeme eingreift, die Texte erstellen, Bilder analysieren und zunehmend mehr Aufgaben auf menschlichem Niveau erledigen können. xAI kann als gewinnorientierte Wohltätigkeitsfirma soziale Zwecke über finanzielle Ziele stellen.

Egal, wie der Rechtsstreit ausgeht, beide Unternehmer nehmen einen positiven Nebeneffekt mit: Die Diskussion darüber festigt den Eindruck, dass es bei ihrer Technologie um etwas so Bedeutsames geht, dass davon das Wohl und Wehe der gesamten Menschheit abhängt.

Altmans und Musks Visionen haben reale Konsequenzen

Zu dieser Wahrnehmung haben die beiden Unternehmer auch schon in der Vergangenheit mit zahlreichen anderen führenden Köpfen der KI-Entwicklung beigetragen – indem sie sich an zwei, unterschiedlichen, offenen Briefen beteiligten.

Vor knapp zwölf Monaten war es zunächst Elon Musk, der mit etwa 1000 KI-Experten einen Forschungsstopp bei KI forderte.

Tesla-Chef Elon Musk war Mitgründer von OpenAI, jetzt konkurriert er mit seiner Firma xAI mit dem ChatGPT-Entwickler. Foto: REUTERS

Konkret bezog sich diese Forderung auf KI-Modelle, die leistungsstärker als GPT-4 sind. Dieses System steht hinter dem Chatbot ChatGPT, der einige Monate zuvor den neuen Hype um die Technologie ausgelöst hatte. Als Grund nannten Musk und seine Mitunterzeichner „ein tiefgreifendes Risiko für die Gesellschaft und die Menschheit“.

Wenig später folgte ein offener Brief, zu dessen prominentesten Absendern Sam Altman zählte. Er enthielt nur einen einzigen Satz, in dem die Unterzeichner warnten, KI berge das „Risiko der Auslöschung“ der ganzen Menschheit. Das hat niemanden dazu bewegt, die Finger von der Technologie zu lassen. Im Gegenteil.

Wie ernst zu nehmend diese Warnungen sind, ist bis heute umstritten. Fakt ist, dass der Hype um ChatGPT längst reale Konsequenzen für Unternehmen und unseren Arbeitsalltag hat. Unternehmenslenker haben KI zur Chefsache gemacht und zuletzt mehr Geld denn je in die Hand genommen, um in Künstliche Intelligenz zu investieren.

Umfragen zeigen, dass eine überwältigende Mehrheit der Manager davon überzeugt ist, dass die Erfolgschancen ihrer Firmen künftig davon abhängen werden, wie gut die Implementierung der Technologie gelingt. Sogar in den öffentlichen Verwaltungen in Deutschland, die bei der Digitalisierung immer zurücklagen, ist der Einsatz von KI flächendeckend ein Thema.

Viele Visionen, die diese mächtige Zukunftserzählung ergänzen

Man kann von Figuren wie Sam Altman und Elon Musk halten, was man will. Wer wie wir als Technologiereporter die weltweite Transformationsbewegung betrachtet, die sie heraufbeschworen haben, noch bevor die Technologie überall reif für den Einsatz ist, ist beeindruckt. Und es gibt in den USA und insbesondere im Silicon Valley zahlreiche Unternehmer und Managerinnen, die es schaffen, in die mächtige Zukunftserzählung mit eigenen Visionen einzusteigen.

Dazu zählt der aus Deutschland stammende Thomas Dohmke, der von Redmond bei Seattle aus das Unternehmen Github leitet. Der KI-Assistent seiner Firma kann heute Sprachbefehle in Computercode umwandeln und verändert damit das Programmieren grundlegend.

Github-Chef Thomas Dohmke. Foto: Handelsblatt

Dazu zählt auch Runway-Mitgründer Cristóbal Valenzuela, der mit seiner New Yorker Firma für KI-generierte Videos eine neue Ära für Kunst und Unterhaltung einleiten will.

Und dazu zählen auch Menschen wie Kimberly Powell, die beim Chipkonzern Nvidia dafür sorgen soll, dass neue Hard- und Software ganz neue KI-Anwendungen möglich machen.

Europa bietet nur wenige Narrative für die Zukunft mit KI

Nachdenklich stimmt, mit wie wenig eigenen Narrativen für eine Zukunft mit Künstlicher Intelligenz Europa dagegenhält. Zwar sind die hiesigen Forschungsinstitute weiter  stark bei der Grundlagenforschung. Doch sie interessieren sich kaum dafür, wie die Technologie unsere Welt tatsächlich verändert, wenn sie die Labore verlässt.

Tatsächlich scheint das stärkste europäische KI-Narrativ das Ringen um Souveränität und die Angst vor einer Übermacht der USA zu sein. OpenAI ist Wettbewerbern nicht nur technologisch voraus. Es hat mit Microsoft auch den größten Softwarekonzern der Welt hinter sich. Der hat nicht nur 13 Milliarden Dollar in das Start-up investiert, sondern sorgt auch für schier unendliche Rechenpower, um dessen Modelle zu trainieren, und kann die KI-Systeme von OpenAI auf den eigenen Vertriebswegen in Betriebssysteme und Bürosoftware integrieren.

Ähnlich gut positioniert ist Google, das sein KI-Modell Gemini und die KI seiner US-Beteiligungsfirma Anthropic nicht nur in seine Suchmaschine integrieren, sondern es auch über sein vorherrschendes Smartphone-Betriebssystem Android und die unternehmenseigenen Cloud-Dienste anbieten kann. Der kalifornische Konzern Nvidia ist mit seinen Spezialchips für Künstliche Intelligenz sogar nahezu konkurrenzlos.

Die beiden deutschen KI-Start-ups, die in jüngster Zeit am meisten Geld und Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, positionieren sich vor allem als Anbieter für sensible und sicherheitskritische Anwendungen: Jonas Andrulis positioniert seine Heidelberger Firma Aleph Alpha als KI-Partner für Behörden und Unternehmen, für die Datensicherheit wichtiger als technologische Performance ist. Torsten Reil und Gundbert Scherf entwickeln mit Helsing in München, Berlin, London und Paris KI-basierte Waffensysteme, damit Europa verteidigungsfähig bleibt.

Torsten Reil und Gundbert Scherf, Gründer der Rüstungsfirma Helsing. Foto: James Pearson-Howes

Das ist durchaus auch politisch gewollt. Unterstützung aus dem öffentlichen Bereich bekommen hiesige KI-Unternehmer vor allem dann, wenn sie sich als Alternativen zu den US-Hyperscalern positionieren.

So will Europa bei der Weiterentwicklung der KI auf die Erfahrungen reagieren, die es bisher im Zuge der digitalen Revolution schon gemacht hat.

Ob Microsoft, Amazon, Google, Facebook oder Apple: Europa hat gelernt, dass die amerikanischen Technologiekonzerne noch jeden Markt plattmachen, auf dem sie tätig geworden sind. Wer eine Drohkulisse durch Big Tech aufzeigen kann, hat in der EU heute die besten Chancen auf industrie-protektionistische Maßnahmen.

Wie zentral dieses Narrativ ist, lässt sich am besten am Beispiel der französischen KI-Firma Mistral AI aufzeigen. Seit das Pariser Start-up vor zehn Monaten gegründet wurde, hat es sich neben Aleph Alpha zum europäischen Hoffnungsträger im KI-Rennen entwickelt.

Das europäische KI-Start-up zählt zu den bedrohten Arten

Die Regierungen von Frankreich und Deutschland haben sich bei den Verhandlungen um die neue EU-Regulierung für Künstliche Intelligenz massiv für die Interessen der nationalen Jungunternehmen eingesetzt. Die Argumentation war dabei stets, dass die beiden Unternehmen eine Chance bekommen müssten, neben den US-Anbietern zu europäischen Champions heranzuwachsen.

Was die Franzosen geleistet haben, ist beeindruckend: Das jüngste KI-Modell von Mistral soll in einigen Bereichen so leistungsstark sein wie GPT-4, das marktführende Basismodell für ChatGPT – und das mit einem Bruchteil der Entwicklungskosten. Doch seit die Firma vor einigen Tagen eine Partnerschaft mit Microsoft eingegangen ist, schlägt der Firma in Brüssel Unmut entgegen. Wirtschaftlich ist die Kooperation zwar absolut sinnvoll. Aber das Recht auf Artenschutz als bedrohter europäischer Hoffnungsträger hat sich Mistral damit offenbar vertan.

Jonas Andrulis, Gründer und CEO von Aleph Alpha. Foto: Handelsblatt

Für viele KI-Innovationen braucht es eine Menge Geld, Rechenleistung und spezielle Hardware, die es in Europa nicht oder nicht in dem Ausmaß gibt wie in den USA. Das sind Rahmenbedingungen, die wir anerkennen müssen, wenn es um die europäische Rolle in einer neuen Ära mit Künstlicher Intelligenz geht. Das heißt aber nicht, dass wir die Gestaltung der Zukunft gänzlich aus der Hand geben sollten.

Jonas Andrulis und sein Team bei Aleph Alpha etwa können mit ihrer Technologie zwar noch nicht die gleiche Leistung wie das führende Sprachmodell von OpenAI erbringen. Aber sie haben Standards gesetzt, wie die Entscheidungen von KI-gestützten Systemen für die Nutzer nachvollziehbar werden.

Lehrer und Hochschullehrer in Düsseldorf, Kiel oder Rostock müssen zwar darauf reagieren, dass ChatGPT heutige Prüfungsformate wie Hausarbeiten und Bachelorarbeiten wertlos macht, können neue KI-Tools aber nutzen, um mit Schülern und Studentinnen ganz neue Formen des Lernens auszutesten. Und auch der deutsche Mittelstand hat zwar nicht die Rechenkapazitäten, um gigantisch große KI-Systeme zu trainieren. Er kann aber etwa mit Unterstützung von Körber-Digital-Chef Daniel Szabo und KI für kleine und mittelständische Hidden Champions erstmals unternehmenseigene Software entwickeln.

Als Reporter im Silicon Valley und Leiterin des KI-Teams beim Handelsblatt berichten wir jeden Tag über den größten Innovationswettbewerb, den unsere Generation bisher erlebt hat. Wir treffen die Menschen, die ihn vorantreiben. Wir bekommen Zutritt zu ihren Unternehmen, begleiten deren Chefs und Entwicklerinnen auf Reisen und besuchen sie manchmal sogar zu Hause.

Larissa Holzki, Leiterin des Handelsblatt KI-Teams, und Stephan Scheuer, Korrespondent im Silicon Valley. Foto: Max Brunnert

Über diese Begegnungen mit den Pionieren haben wir in den vergangenen Monaten ein Buch geschrieben. Darin wollen wir Sie an diese Orte mitnehmen, an denen unsere Zukunft mit Künstlicher Intelligenz geprägt wird: in die Forschungslabore in San Francisco, zum Start-up Aleph Alpha in Heidelberg oder in die Microsoft-Zentrale in Redmond bei Seattle.

Wer versteht, was die Menschen dort antreibt und was sie programmieren, kann sich selbst ein Bild davon machen, wie Künstliche Intelligenz unser Leben in den nächsten Jahren verändern könnte – und was wir heute tun müssen, um diese Zukunft mitzugestalten.

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Das neue Buch unserer Handelsblatt-Reporter: Inside KI. Foto: Verlag Herder

Die Erkenntnisse in diesem Essay basieren auf dem neuen Buch der Handelsblatt-Reporter Larissa Holzki und Stephan Scheuer: „Inside KI – Wie Künstliche Intelligenz und ihre Pioniere unser Leben und Arbeiten revolutionieren“ erscheint am 11. März 2024 bei Herder.

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