KI-Briefing: Der AI-Action-Summit in Paris wird zum Festival der Narrative
Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,
dann kommen hier meine wichtigsten sieben Erkenntnisse, die ich aus einer denkwürdigen Woche in Paris mitgebracht habe. Auf Einladung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron haben sich dort in den vergangenen Tagen Staats- und Regierungschefs und Vertreter der führenden KI-Unternehmen der Welt getroffen.
Beim „AI Action Summit“ ging es um Risiken durch Künstliche Intelligenz, um den Energiebedarf und die Umweltauswirkungen der Technologie und um neue Geschäfts- und Kooperationsmöglichkeiten.
Hier sind meine Takeaways:
- Europa ist wieder im Rennen! Noch vor zwei Wochen herrschte der Eindruck vor, die USA hätten bei KI alle abgehängt. Da hatte US-Präsident Trump angekündigt, dass OpenAI, Oracle und der japanische Investor Softbank das KI-Infrastrukturprojekt Stargate mit einer halben Billion finanzieren wollten. Dann stellte ein neues, effizientes KI-Modell des chinesischen Start-ups Deepseek diese vermeintliche Gewissheit infrage. Jetzt keimt wieder Hoffnung, dass auch Europa noch eine Rolle spielen kann. Das liegt auch daran, dass Emmanuel Macron die Stärken des Kontinents beschworen und seinen Gästen glaubhaft gemacht hat, dass das scheinbar Unmögliche möglich ist.
- Neue Milliardeninvestitionen verbreiten Zuversicht. Mut hat sich auch dadurch breit gemacht, dass Macron, die deutsche Investorin Jeannette zu Fürstenberg und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen KI-Investitionen von insgesamt 309 Milliarden Euro verkündet haben. Nochmal 200 Milliarden Euro sollen später dazu kommen. Bei näherem Hingucken handelt es sich zwar teilweise um vage Absichtserklärungen. Aber das ist bei Stargate kaum anders. Zu Fürstenberg beispielsweise hat einfach bei mehr als 20 Investoren abgefragt, wie viel Geld sie in den nächsten fünf Jahren in europäische KI-Firmen investieren wollen.
- France is open for business. Der globale KI-Gipfel von Bletchley Park in Großbritannien stand 2023 noch im Zeichen von KI-Risiken. Macron hat den Fokus auf die Chancen verschoben. Dabei hat er den „AI Action Summit“ auch geschickt gekapert, um Werbung für den KI-Standort Frankreich zu machen – und für den Pariser OpenAI-Wettbewerber Mistral. Die Franzosen lieben dessen Gründer Arthur Mensch und den Chatbot „Le Chat“ (die Katze). Auf dem Start-up-Campus Station F begrüßte Frankreichs KI-Staatsministerin Clara Chappaz den OpenAI-Chef Sam Altman mit der Frage, ob er lieber Katzen oder Hunde möge. Seine Antwort „Hunde“ brachte ihm dort eher keine Sympathiepunkte ein.
- Bei der KI-Entwicklung entstehen neue, ungewöhnliche Partnerschaften. Macron hat sich aus gutem Grund dazu entschieden, den indischen Premierminister Narendra Modi zum Co-Gastgeber seines Gipfels zu machen. Das Signal: Es gibt im KI-Rennen neben den USA und China noch einen Rest der Welt. In einer gemeinsamen Abschlusserklärung zum AI Action Summit halten 60 Teilnehmernationen fest, dass sie digitale Ungleichheit adressieren, den Dialog über die Umweltauswirkungen von KI weiter stärken und gemeinsam Effekte von KI auf den Arbeitsmarkt untersuchen wollen. China hat das unterschrieben, die USA und Großbritannien fanden sich darin nicht wieder.
- Für die Entwicklung von KI sind vier zentrale Ressourcen entscheidend: Chips, Energie, Daten und Talent. So beschrieb es OpenAIs Leiter für globale Angelegenheiten, Chris Lehane, bei einem Mittagessen mit Journalisten. Von amerikanischen Gästen gab es auch deshalb Anerkennung für Frankreichs Strategie, mittels Atomenergie ausreichend Strom herzustellen. Lehane sagte aber auch, dass es in der Welt nur zwei Orte gibt, an denen „KI in großem Maßstab“ entwickelt werden könne, nämlich die USA und China. Dadurch wurde nochmal deutlicher, warum die Vereinigten Staaten so erpicht darauf sind, China vom Zugang zu Spitzenhardware fernzuhalten. Leistungsstarke Chips sind die einzige Ressource, die in der Volksrepublik begrenzt ist. Lehane stellt den Kampf zwischen den Giganten als Kampf zwischen demokratischer und autokratischer KI dar.
- Es sind vor allem die Vertreter mächtiger KI-Unternehmen, die über die Gefahren von KI reden wollen. Google-Deepmind-Gründer Demis Hassabis sagte schon am Vortag des Gipfels bei einem Google-Event in Paris, dass er sich Sorgen um zwei Risiken mache: „Das erste ist, dass böswillige Akteure die Universaltechnologie für schädliche Zwecke umfunktionieren.“ Dabei sei die Frage, wie diesen Akteuren der Zugang zu den Technologien versperrt werden könne oder wie sie davon abgehalten werden könnten. Das zweite Risiko seien inhärente Gefahren von agentenbasierten, also autonomeren Systemen. Hier ginge es darum, die richtigen Regeln, Werte und Ziele zu implementieren. Der Gründer des OpenAI-Konkurrenten Anthropic, Dario Amodei, sprach am Mittwoch im Rückblick auf den Gipfel sogar von einer „verpassten Gelegenheit“, mit KI verbundene Risiken zu diskutieren und wünschte sich davon bei künftigen Veranstaltungen dieser Art wieder mehr. Aus Europa folgt auf solche Aussagen mittlerweile Schulterzucken: Es setzt sich ein Verständnis durch, dass besser alle den gleichen Zugang zu der Technologie haben, als dass Europa außen vor bleibt.
- Am Ende ist jeder KI-Gipfel auch ein Festival mächtiger Narrative. Das wurde etwa bei einem Event des deutschen Wagniskapitalgebers Visionaries Club deutlich, das am Mittwoch in einer Pariser Kirche stattfand. Dort sagte Amodei, KI sei nicht einfach nur eine neue Technologie. Er zeichnet eine Vision, in der künftige Rechenzentren in der Innovationskraft einem Land voller Genies mit dem Niveau Albert Einsteins gleichen. Später sagte der Mitgründer der KI-Community Hugging Face, Thomas Wolf, er hielte das für „Bullshit“. Solche KI-Fabriken würden wohl eher die Fähigkeiten eines Landes von Beratern haben. Für wie beeindruckend Sie das halten, hängt nun auch von Ihrer Meinung von Beratern ab.
Worüber die Szene spricht
Über Elon Musks Kaufangebot für OpenAI. Der reichste Mann der Welt bietet mit weiteren Investoren 100 Milliarden Dollar, um die Non-Profit-Organisation hinter dem ChatGPT-Entwickler zu übernehmen. Und sie würden sogar mehr zahlen, sollte jemand ein Gegenangebot machen.
Was dahinter steckt? Es ist die nächste Zuspitzung in einer jahrelangen Fehde zwischen Musk und OpenAI-Chef Sam Altman. Beide gehörten zu der Gruppe von Unternehmern, die OpenAI vor zehn Jahren gegründet haben. Heute kämpft Musk nach eigenen Aussagen dafür, dass die Firma ihrer Mission treu bleibt und KI zum Wohle aller Menschen entwickelt. Als Gründer des direkten Wettbewerbers xAI verfolgt er aber auch knallharte wirtschaftliche Eigeninteressen.
Altman erfuhr von dem Angebot während eines Abendessens im Präsidentenpalast Élysée in Paris. Zwar stellte er gegenüber Reportern am nächsten Morgen klar, dass seine Firma „nicht zum Verkauf“ stehe. Trotzdem könnte die Offerte für ihn ärgerliche Auswirkungen haben.
Denn Musks Angebot fällt bei OpenAI in eine entscheidende Umbauphase. Um sich die nötigen Finanzmittel für seine Mission zu sichern, will Altman die komplexe Unternehmensstruktur seiner Firma auflösen. Diese Struktur sieht vor, dass der ChatGPT-Entwickler von einer gemeinnützigen Organisation kontrolliert wird.
Altman will das ändern und aus OpenAI eine normale, profitorientierte Firma machen, auf die Investoren Einfluss nehmen können. Ein Gesetz sieht aber vor, dass er die Muttergesellschaft und ihre Mitarbeiter dafür zu einem fairen Preis entschädigen muss. Die Frage ist: zu welchem Preis?
Aktuell soll OpenAI mit Softbank in Gesprächen über eine neue Finanzierungsrunde sein. Trotz Verlusten plant der japanische Investor offenbar noch weitere Investitionen in OpenAI, mit dem er schon am Projekt Stargate und an einem Joint Venture arbeitet. Im Gespräch ist ein Investment von 40 Milliarden Dollar, mit dem das Gesamtunternehmen eine Bewertung von 300 Milliarden Dollar erreichen soll.
Was den Non-Profit-Teil betrifft, berichtet die Financial Times mit Verweis auf Insider, bei OpenAI würde ein Preis von 30 Milliarden Dollar diskutiert. Mit dem feindlichen Übernahmeangebot hat Elon Musk einen deutlich höheren Preispunkt gesetzt.
Sam Altman sagte am Dienstag, Elon Musk wolle mit seinem Angebot wohl nur einen Wettbewerber ausbremsen. Tatsächlich könnte der Streit nun erstmal vor Gericht gehen, um zu klären, wie ernst gemeint das Übernahmeangebot ist. Die Offerte könnte schlussendlich aber auch dazu führen, dass der interne Umbau von OpenAI deutlich teurer wird, als Altman sich das vorgestellt hat.
Übrigens: Die Auseinandersetzung mit Altman war diese Woche nicht der einzige Konflikt, mit dem Elon Musk den KI-Gipfel in Paris gestört hat. Er legte sich auch mit Xavier Niel an: Der Großinvestor der französischen Tech-Szene hatte zuvor in einem Interview gesagt, Musk sei „der größte Unternehmer der Welt“, aber auch eine „komplexe“ Persönlichkeit und bisweilen ein „Vollidiot“.
Was Sie sonst noch wissen sollten
1. SAP will die Produktivität seiner Kunden durch „Superagenten“ um bis zu 30 Prozent steigern. Handelsblatt-Reporter Christof Kerkmann wusste es bereits vergangene Woche: Der Softwareriese SAP bietet seinen Kunden eine neue KI-Plattform an. Die „Business Data Cloud“ soll den Umgang mit Daten vereinfachen, die für KI-Anwendungen genutzt werden. Wie das aussehen kann, zeigt SAP mit seinen neuen KI-Agenten, die zum Beispiel eigenständig Fragen zu offenen Rechnungen klären können.
2. Für Ministerpräsident Hendrik Wüst ist NRW „schon heute der KI-Hotspot in der Welt“. Das sagte er auf einer Konferenz des Landes am Donnerstag – die allerdings in Berlin stattfand. Die Ambitionen stießen im Publikum auf Unterstützung, die Realität sieht jedoch noch anders aus. Meine Kollegin Luisa Bomke hat die Chancen der Region analysiert und berichtet, wie Hendrik Wüst dieses Potenzial heben will.
Währenddessen wird KI auch zunehmend ein Thema im Bundestagswahlkampf. Wenn Sie wissen wollen, wie Vertreter der verschiedenen Parteien auf Künstliche Intelligenz blicken, empfehle ich Ihnen den Report meiner Kolleginnen Luisa Bomke und Josefine Fokuhl.
3. Die Aktie von Palantir steigt und steigt – entgegen aller Skepsis bei Analysten. Noch vor einem Jahr stand das Papier des Datenanalyseunternehmens von Alexander Karp und Paypal-Mitgründer Peter Thiel bei 25 Euro. Inzwischen liegt es bei mehr als 110. Für den jüngsten Sprung sorgten die hervorragenden Quartalszahlen vergangene Woche. Anleger hoffen außerdem, dass die von Tesla-Chef Elon Musk geplante Reform der US-Bundesverwaltung und der damit verbundene Einsatz von KI das Wachstum weiter antreibt. Mein Kollege Thomas Jahn berichtet, warum auch genau das Gegenteil eintreten könnte.
4. Alibaba liefert Apple die KI für iPhones in China. Der Smartphonehersteller arbeitet bei Künstlicher Intelligenz eigentlich mit OpenAI zusammen. Doch der ChatGPT-Anbieter bietet seine Dienste nicht in China an. Um den Kunden in der Volksrepublik dennoch ein vergleichbares Nutzererlebnis zu ermöglichen wie in anderen Märkten, kooperiert Apple nun mit einem heimischen Konzern. Peking-Korrespondentin Sabine Gusbeth berichtet, warum sich Apple dabei für Alibaba entschieden hat.
5. Ein italienischer Ölunternehmer fällt auf einen KI-Betrugsanruf herein. Eine Künstliche Intelligenz imitierte die Stimme von Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto – und brachte Massimo Moratti dazu, eine Überweisung von einer Million Euro zu veranlassen. Die Betrüger sollen mittels der KI-Stimme behauptet haben, das Geld werde für die Freilassung entführter Journalisten im Iran und in Syrien benötigt. Inzwischen soll das Geld auf einem niederländischen Konto eingefroren worden sein. Virginia Kirst berichtet, wie raffiniert die Täter vorgingen.
Grafik der Woche
Bei den Risikokapitalinvestments in KI liegt Frankreich deutlich vor Deutschland. Unser Chefredakteur Sebastian Matthes macht in seinem Editorial zur Wochenendausgabe Vorschläge, was der nächste Bundeskanzler von Emmanuel Macron lernen kann, damit sich diese Lücke bald schließt.
Was wir lesen
Laut Sam Altman könnte KI das Verhältnis von Arbeit und Kapital durcheinanderbringen. Der OpenAI-Chef bringt „verrückt klingende Ideen“ ins Spiel, damit die Technologie allen zugutekommt. (Techcrunch)
Laut Elon Musk soll Grok 3 besser als alle anderen KI-Modelle sein. Das neue Sprachmodell seiner Firma xAI sei bereits in der letzten Entwicklungsstufe. (Golem)
KI-Chatbots führen bei Nachrichten in die Irre. Bei einer BBC-Analyse werden grundlegende Probleme festgestellt. (The Guardian)
Vikas Parekh ist der neue Chefstratege hinter Softbanks KI-Megadeals. Und ist ein enger Vertrauter von Masayoshi Son. (The Information)
OpenAI will bis zum Ende des Jahres sein erstes eigenes KI-Chip-Design fertigstellen. Damit soll die Abhängigkeit von Nvidia-Prozessoren reduziert werden. (Reuters)
Der KI-Boom treibt den Umsatz bei Cisco und lässt die Dividende steigen. Auslöser ist das Geschäft mit den Rechenzentren. (Reuters/HB)
Kennen Sie schon...?
Wer ist Frank Hutter? Ein Freiburger Informatikprofessor, an dessen Start-up-Idee schon prominente Vertreter von Europas KI-Szene glauben. An seinem Start-up Prior Labs beteiligen sich etwa der Forschungsdirektor von Google Deepmind und Gründer von Hugging Face, Silo AI und Black Forest Labs.
Wo kommt er her? Frank Hutter leitet das Labor für Maschinelles Lernen an der Uni Freiburg und leitet die Freiburger Einheit des KI-Forschungsnetzwerks Ellis. Damit er sich mit seinen Co-Gründern Sauraj Gambhir und Noah Hollmann auf die Arbeit in seinem Start-up konzentrieren kann, hat er sich als Professor beurlauben lassen.
Was hat er vor? Frank Hutter ist bekannt für seine Arbeit an der Automatisierung des Maschinellen Lernens. Mit Prior Labs will er KI entwickeln, die lernt, Tabellen zu verstehen und Informationen darin in die Zukunft zu projizieren. Das könnte insbesondere für den Finanz- und Versicherungssektor, für Medizin und Business Analytics große Bedeutung haben.
Mehr dazu lesen Sie in meinem Porträt in unserer Reihe Unternehmer des Tages.
Wo Sie uns nächste Woche treffen
Hannover Messe Preview
Mittwoch, 19. Februar 2025
Messegelände | Hermes Allee | 30521 Hannover
Deutsche Messe
Bei der Hannover Messe im Frühjahr soll KI für die Industrie im Mittelpunkt stehen. Bei einer Messevorschau wird sich meine Kollegin Luisa Bomke kommende Woche schon mal einen ersten Eindruck davon verschaffen und eine Podiumsdiskussion mit dem KI-Pionier Sepp Hochreiter besuchen. Als potenzieller Aussteller können Sie Ihre Exponate jetzt noch anmelden. Für alle anderen findet Luisa schon mal heraus, ob sich vom 31. März bis zum 4. April der Messebesuch lohnt.
Das war das KI-Briefing Nummer 77. Mitarbeit: Luisa Bomke, Lina Knees, Juraj Rosenberger (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.