Kommentar: Was der nächste Bundeskanzler von Macron lernen sollte

Größer könnte der Kontrast nicht sein: Emmanuel Macron lädt die Tech-Weltelite zum „AI Action Summit“ nach Paris – und (fast) alle kommen. Unter den goldenen Kronleuchtern der meterhohen Spiegelsäle des Élysée-Palasts verkünden Investoren Milliarden für Start-ups und Rechenzentren, EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen verspricht eine einfachere KI-Regulierung, und zahlreiche europäische Technologieunternehmen kündigen eine engere Zusammenarbeit an. Europa – und vor allem Frankreich – beansprucht seinen Platz in der Technologiewelt der Zukunft. Macron macht das unmissverständlich klar.
Die politische Debatte in Deutschland wirkt dagegen wie ein Schwarz-Weiß-Fernsehprogramm. Während die Welt über KI, Biotech und Quantencomputer spricht, streiten deutsche Politiker lieber über Migration, Verbrennerverbot und Rentenpunkte.
Beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten am vergangenen Sonntag kam Technologie gar nicht erst vor – von einer Vision für die Zukunft der deutschen Wirtschaft ganz zu schweigen. Ähnlich verlief am Dienstag die letzte Bundestagsdebatte vor der Wahl: Friedrich Merz und Olaf Scholz rechneten in scharfem Ton miteinander ab, was unterhaltsam war, aber inhaltlich so viel Nährwert hatte wie eine Tüte Popcorn.
In Deutschland herrscht mal wieder Funkstille, wenn es um die Zukunft geht. Stattdessen: wirtschaftspolitisches Phrasen-Pingpong der Berliner Republik. Ein bisschen bessere Rahmenbedingungen hier, ein paar Steuersenkungen dort. Natürlich ist nichts gegen Bürokratieabbau oder eine mutige Unternehmensteuerreform zu sagen – beides ist überfällig, beides fordert das Handelsblatt seit Jahren. Doch während Deutschland mit diesen jahrzehntealten Problemen hadert, inszeniert sich Paris als digitales Zentrum von Europa.
Die Welt steht vor einer Vielzahl bahnbrechender Entwicklungen. Künstliche Intelligenz etwa ermöglicht medizinische Innovationen in Monaten, für die früher Jahrzehnte nötig waren. Sie hilft bei der Entwicklung völlig neuer Materialien, optimiert Produktions- und Logistiknetzwerke und sorgt für einen deutlich effizienteren Ressourceneinsatz. Vor allem aber automatisiert KI jene Jobs, für die in einer alternden Gesellschaft morgens ohnehin niemand mehr aufsteht.
Welche Rolle spielt Deutschland in dieser Entwicklung? Merz und Scholz bleiben Antworten schuldig. In den nächsten Jahren entscheidet sich, welche Unternehmen und Regionen hier global führend sein werden. Und wer die nächste industrielle Revolution anführt, wird über Wohlstand, Einfluss und Macht im 21. Jahrhundert bestimmen. Macron hat das verstanden.
Er weiß, dass neue Branchen dort entstehen, wo Investoren, etablierten Firmen, Start-ups, Universitäten an einem Strang ziehen, und in einer exzellenten digitalen Infrastruktur gedeihen können. Macron tut alles dafür, dass genau diese Ökosysteme in Frankreich entstehen.
Nun hat Frankreich alles andere als stabile politische Verhältnisse. Die französische Regierung wäre in den vergangenen Tagen beinahe über den ewigen Haushaltsstreit gestürzt – und das politische Chaos hat Macron mit seiner übereilten Neuwahlentscheidung im vergangenen Sommer persönlich verursacht. Doch trotz aller Turbulenzen gibt es einige Dinge, die der nächste Bundeskanzler von Macron lernen kann.
Macron macht die digitale Revolution zur Chefsache. Seit Jahren lädt er die internationale Tech-Elite in den Élysée-Palast ein, um mit den wichtigsten Köpfen über die Zukunft zu sprechen. Er hält engen Kontakt zu Entscheidern – von OpenAI-Chef Sam Altman über Elon Musk bis hin zu Google-CEO Sundar Pichai. Was Macron dabei hilft: Er interessiert sich wirklich für ihre Themen.
Macron setzt auf Unternehmertum. Längst hat er Frankreich zur „Start-up-Nation“ erklärt – im Rahmen dieser Initiative hat er gezielt Gründungen erleichtert und Investoren überzeugt, in junge französische Firmen zu investieren. Und die Zahl der Gründer steigt nicht nur in Paris, mittlerweile erreicht die Start-up-Welle auch Städte wie Lille und Lyon.
Wann immer Macron auf einer Bühne steht, versteht er sich als oberster Werbebotschafter seines Landes. Spricht er etwa vor der Wirtschaftselite beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, hat er nur eine Botschaft: „Investiert in Frankreich!“ Nirgendwo sonst in Europa seien die Bedingungen so gut (jedenfalls nicht in Deutschland, wie er gern süffisant andeutet). Während der französische Präsident mit Charme und Visionen für sein Land wirbt, liest Olaf Scholz bei solchen Gelegenheiten lustlos seinen Sprechzettel vor – als hätte ihn jemand gezwungen, dort zu sein.
Macron bewirbt seine Themen mit strategischem Geschick. Das mag manchmal übertrieben wirken, aber es funktioniert. Wenn er spricht – ob über die Zukunft Europas oder die französische Technologiebranche –, hört man ihm zu.
Die Bilanz ist beeindruckend: Schon seit 2022 fließen mehr Investitionen in französische Start-ups als in deutsche Hightech-Firmen. Mit Station F beheimatet Paris den weltweit größten Start-up-Campus. Frankreich verzeichnet regelmäßig größere Finanzierungsrunden und mehr internationale Investoren als Deutschland. 2024 etwa sammelte das französische KI-Start-up Mistral 600 Millionen Euro ein – die größte Start-up-Finanzierungsrunde des Jahres in Europa.
Deutschland kann von Macron nicht nur lernen, wie man KI zur Chefsache macht – sondern auch, wie man den digitalen Wandel aktiv gestaltet, Investoren überzeugt und neue Technologien fördert.
Wäre das nicht eine lohnende Aufgabe für kommende Bundeskanzler? Den nächsten globalen KI-Gipfel nach Deutschland zu holen, wäre jedenfalls ein Anfang.
Hendrik Wüst hat schon mal vorgelegt. Er lud am Donnerstag zum KI-Gipfel – in die NRW-Landesvertretung nach Berlin. Nicht ganz so international, nicht ganz so pompös wie im Élysée-Palast. Aber immerhin.
