Künstliche Intelligenz: 50 Organisationen starten KI-Allianz
Düsseldorf. Im Wettkampf um Marktanteile und die Deutungsmacht mit Blick auf die Fortentwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) haben die US-Technologiekonzerne IBM und Meta eine Allianz geschlossen. Mit mehr als 50 weiteren Unternehmen und Forschungseinrichtungen weltweit wollen sie KI zugänglicher und transparenter machen. Unter den Partnern ist auch die Technische Universität München (TUM).
Die Mitglieder der „AI Alliance“ sprechen sich für KI-Entwicklung nach dem Open-Source-Ansatz aus. Dabei legen Entwickler den Quellcode ihrer Software offen, damit jeder ihn untersuchen, ändern und für eigene Ideen nutzen kann. Ein bekanntes Beispiel ist das Betriebssystem Linux, in das IBM schon in den 1990er-Jahren investierte. Doch bei KI ist der Ansatz umstritten.
Warum das wichtig ist: Die EU verhandelt in diesen Tagen über ein umfassendes KI-Gesetz, das Anbietern von KI-Modellen Transparenzvorschriften auferlegen soll. Laut Verhandlungsunterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, sind aber Ausnahmen für Open-Source-Modelle vorgesehen.
Die größten US-amerikanischen KI-Unternehmen OpenAI, Google und Microsoft lassen sich allesamt nicht in die Software blicken. Die Wettbewerber behaupten gar, im Fall von KI sei das Offenlegen von Quellcode eine Gefahr. Sie argumentieren, dass die Technologie leicht in falsche Hände fallen könnte, und warnen vor exorbitanten Risiken bis zur „Auslöschung durch KI“.
Dieses Risiko zu minimieren müsse zur globalen Priorität werden, schrieben zahlreiche Führungspersonen von OpenAI, Google und Anthropic im Sommer in einem offenen Brief. So könne KI Menschen dabei unterstützen, Heilmittel gegen Krebs zu finden – aber ihnen auch die Anleitung zum Bau chemischer Waffen liefern.
Für Verfechter offener Innovation sind das vorgeschobene Argumente. Ilya Sutskever, Chefwissenschaftler bei OpenAI, hat selbst öffentlich gesagt, dass kommerzielle Interessen dem Open-Source-Ansatz entgegenstünden.
Streit um die Risiken durch KI
Was hinter der neuen Allianz steht: Die gegensätzlichen Interessen zwischen den derzeit führenden KI-Unternehmen und den Mitgliedern dürften einer der wichtigsten Beweggründe für die Gründung der neuen KI-Allianz sein. In einem gemeinsamen Statement heißt es vage, die Allianz wolle politische Entscheidungsträger mit „Bildungsinhalten“ über „Vorteile, Risiken und Regulierung im Bereich KI“ aufklären.
Mit anderen Worten: Die Mitglieder wollen ein Gegengewicht zum „Frontier Model Forum“ bilden. Dazu hatten sich bereits im Sommer OpenAI, Google, Microsoft und das US-amerikanische Start-up Anthropic zusammengeschlossen.
Metas leitender KI-Wissenschaftler Yann LeCun hatte im September in einem Social-Media-Post „massives Lobbying“ der Gruppe moniert. Er warf ihr vor, mit der Verbreitung von Schreckensszenarien Forderungen nach einem Verbot von offener KI-Forschung zu befeuern.
Was sich die Mitglieder von der Kooperation versprechen: Die Mitglieder der KI-Allianz verfolgen aber durchaus auch klare Geschäftsinteressen. „Das sind keine Sozialverbände, die wollen am Ende auch ihren wirtschaftlichen Nutzen aus der Allianz ziehen“, sagt Thomas Usländer dem Handelsblatt. Er leitet die Abteilung für Informationsmanagement und Leittechnik am Fraunhofer IOSB in Karlsruhe und baut selbst eine KI-Allianz auf, bei der teilnehmende Unternehmen Daten teilen sollen.
Meta beispielsweise verfolgt mit der kostenlosen Bereitstellung seines Sprachmodells Llama 2 ein klares Kalkül: Das Unternehmen kann auf diese Weise schnell viele Nutzer gewinnen. Forscher und Geschäftskunden entwickeln das Modell weiter, bringen Verbesserungen ein und bauen vor allem weitere Dienste darauf auf. Davon profitiert das Unternehmen wieder.
Kritiker werfen Meta scheinbare Transparenz vor
Und so ganz konsequent ist der Facebook-Konzern bei seinem Open-Source-Ansatz auch nicht. Das kritisiert unter anderem der Direktor der kalifornischen „Open Source Initiative“, Stefano Maffulli. Zum einen schränke die Facebook-Mutter die kommerzielle Nutzung für Firmen mit mehr als 700 Millionen aktiven Nutzern ein. Zum anderen verbiete der Konzern die Nutzung des Modells in mehreren Bereichen, etwa in kritischen Infrastrukturen. Beides sei nicht mit dem Open-Source-Prinzip vereinbar, schreibt Maffulli.
Wie die Mitglieder der KI-Allianz Open Source definieren wollen, ist noch unklar. Damit steht auch noch nicht fest, ob sie unter die Ausnahmeregeln der EU fallen werden.
Was für die TUM dabei rausspringen könnte: „Die Universitäten und Forschungseinrichtungen sind natürlich auch an den Basismodellen interessiert“, sagt Fraunhofer-Experte Usländer. An den großen Spielern kämen Wissenschaftler, aber auch kleine Start-ups wegen der notwendigen riesigen Rechenkapazitäten für die Modellpflege gar nicht vorbei. Innerhalb der Allianz soll ein Ökosystem für offene KI-Basismodelle entstehen, in dem die Partner Wissen und Ressourcen austauschen.
Die TUM als bislang einziges deutsches Mitglied plant etwa, ihre Expertise im Bereich der KI-basierten Robotik und Daten einzubringen. Die Forscher könnten wiederum vom Zugang zu spezieller Hardware und Sprachmodellen profitieren, mit denen sich Roboter steuern lassen.
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Außerdem wollen die Partner gemeinsame Bewertungsstandards für verantwortungsvolle KI erarbeiten. Die TUM und IBM starten zudem ein gemeinsames Projekt, Handelsblatt-Fragen zu den Details hat die Universität nicht beantwortet.
Kooperation der TUM mit Meta war in der Vergangenheit umstritten
Wer sich an der Kooperation beteiligt: Die Zusammenarbeit zwischen der TUM, dem Facebook-Konzern Meta und IBM hat eine Vorgeschichte. Die Universität hat 2019 ein Institut für Ethik in der KI gegründet, das die beiden Technologiekonzerne finanziell unterstützt haben.
An der Förderung durch Meta in Höhe von 6,5 Millionen Euro gab es damals Kritik – vor allem als bekannt wurde, dass der Konzern sich vorbehalten hatte, seine Zahlung nach der ersten Tranche von 1,5 Millionen Euro zu stoppen.
In der weiteren Mitgliederliste spiegelt sich die derzeitige Dominanz der Vereinigten Staaten bei KI wider. So haben sich die Chiphersteller AMD und Intel, Open-Source-Verfechter Linux sowie mehrere Spitzenuniversitäten wie Yale und Berkeley angeschlossen. In Europa sind etwa das Imperial College of London, die ETH Zürich und das britische Unternehmen Stability AI dabei.