Künstliche Intelligenz: Microsoft wirbt führenden KI-Experten ab – und startet die Einheit Microsoft AI
New York, Düsseldorf. Microsoft verstärkt seine Initiativen rund um Künstliche Intelligenz (KI) und verpflichtet einen der führenden Experten auf diesem Gebiet. Laut einer internen Mail von Microsoft-CEO Satya Nadella an seine Mitarbeiter, die dem Handelsblatt vorliegt, gibt Mustafa Suleyman dafür den Chefposten beim KI-Start-up Inflection AI auf. Er übernimmt die Führung eines neuen Konzernbereichs: Microsoft AI.
Microsoft wolle „KI-Produkte von Weltklasse“ entwickeln, wie den 2023 vorgestellten Assistenten Copilot, schrieb Nadella. „In diesem Zusammenhang freue ich mich sehr, ankündigen zu können, dass Mustafa Suleyman und Karén Simonyan zu Microsoft stoßen.“
Er kenne Suleyman seit mehreren Jahren und bewundere ihn „sehr als Gründer von Deepmind und Inflection, als Visionär, Produktentwickler und Initiator von Pionierteams, die kühne Missionen verfolgen“.
Suleyman war einer der Mitgründer des KI-Pioniers Deepmind, der 2014 von Google übernommen wurde. Er verließ den Suchmaschinenriesen 2022 und gründete Inflection AI, das den als besonders einfühlsam konzipierten Chatbot Pi entwickelte. Nun wird er CEO von Microsoft AI.
Simonyan ist Co-Gründer von Inflection AI und dort Chefwissenschaftler. In selber Position geht er zu Microsoft. Microsoft AI werde „sich auf die Weiterentwicklung des Copiloten und unserer anderen KI-Produkte“ konzentrieren, schrieb Nadella weiter. Mehrere Mitglieder des Inflection-Teams würden ebenfalls zu Microsoft wechseln, darunter „einige der versiertesten KI-Ingenieure, -Forscher und -Entwickler der Welt“.
OpenAI-Partnerschaft nur kurz erwähnt
Die Börse nahm die Nachricht am Dienstag vorsichtig positiv auf. Die Microsoft-Aktie schloss in New York rund ein Prozent im Plus.
Dan Ives, Analyst beim Finanzhaus Wedbush, lobte die Einstellung von Suleyman auf Handelsblatt-Anfrage als „Homerun“ für Konzernchef Nadella. Die erfolgreiche Abwerbung des Deepmind-Experten sei „großartig“ und komplettiere „Nadellas KI-Schloss in Redmond“, in dem bereits Sam Altman residiere.
Altman ist der Chef des KI-Start-ups OpenAI, das Ende 2022 den Textroboter ChatGPT vorgestellt und damit den jüngsten KI-Hype losgetreten hat. Microsoft investierte 13 Milliarden Dollar in OpenAI, vor allem in Form von Rechenzeit bei seiner Cloud-Tochter Azure, und baut OpenAIs Modelle in seine Produkte ein.
Dabei war in der Vergangenheit immer wieder die Frage aufgekommen, wie abhängig sich Microsoft von OpenAI und dessen komplizierter Firmenstruktur gemacht hat. Microsoft hat auch nach der jüngsten Erweiterung keinen Sitz im Verwaltungsrat von OpenAI. Die Anwerbung von Suleyman und der Start von Microsoft AI könnte auch der Versuch sein, sich ein Stück weit unabhängiger von OpenAI zu machen.
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Die OpenAI-Partnerschaft erwähnte Nadella in seinem Schreiben an die Angestellten nur kurz, betonte aber, sie sei die „strategischste und wichtigste“ für den Konzern und werde fortgeführt. „Wir gratulieren Mustafa und Karén zu ihren neuen Aufgaben und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit ihnen“, erklärte ein OpenAI-Sprecher.
Doch es gibt auch kritische Stimmen zu dem Schritt in der KI-Szene. Clem Delangue, Chef der Plattform Huggingface, teilte auf Linkedin mit: „Ich habe es gesagt und werde es noch einmal sagen: Machtkonzentration ist das größte Risiko in der KI.“ Auf Huggingface können Entwickler KI-Modelle teilen, entwickeln und besprechen. Delangue setzt sich nach eigener Aussage dafür ein, dass die Technologie nicht in der Hand weniger liegt.
Einige Experten deuten Microsofts Personaloffensive als Zeichen dafür, dass der Techkonzern um seine Vormachtsstellung im KI-Rennen bangt. Vor allem Berichte über eine mögliche Partnerschaft von Google und Apple hätten Microsoft unter Druck gesetzt.
Visionär mit düsteren Prognosen
Suleyman wird als Microsoft-AI-Chef alle KI-Entwicklungsanstrengungen für Microsofts Verbraucherprodukte leiten. Zentral ist dabei unter anderem die Integration des Copiloten in Windows und der Ausbau der KI-Fähigkeiten der Suchmaschine Bing und des Browsers Edge.
„Wir bedanken uns für die großartige Arbeit, die sie geleistet haben, um Inflection auf seinen heutigen Stand zu bringen, und wünschen ihnen viel Glück“, erklärte Inflection AI in einem Blogbeitrag zum Abgang seiner beiden Co-Gründer. Den Chefposten übernimmt Sean White, der frühere Forschungs- und Entwicklungschef der Mozilla Foundation, die hinter dem Browser Firefox steckt. Der dritte Co-Gründer Reid Hoffman, der unter anderem das Business-Netzwerk LinkedIn mitgegründet hatte, bleibt im Inflection-AI-Verwaltungsrat.
Inflection hatte im Juni in einer der größten KI-Finanzierungsrunden 1,3 Milliarden Dollar erhalten. Einer der Großinvestoren war Microsoft. Sein Chatbot Pi wurde von der Fachwelt gelobt. Bis heute kämpft das Start-up jedoch damit, ein profitables Geschäftsmodell aufzubauen.
Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen, Inflection habe in den vergangenen Monaten Gespräche mit mehreren Investoren über die Beschaffung zusätzlicher Mittel geführt. Dazu äußern wollte sich das Unternehmen bisher nicht.
Suleymans erste Gründung, Deepmind aus London, hatte Pionierarbeit geleistet, wurde jedoch unter anderem für seine Arbeit im britischen Gesundheitssektor kritisiert. Das erste Gesundheitsprodukt, eine App namens Streams, sollte Ärzten helfen. 2017 stellte die britische Datenschutzbehörde jedoch fest, dass Deepminds Projektpartner dem Start-up unrechtmäßig Zugang zu 1,6 Millionen Patientendaten gewährt hatte. Suleyman entschuldigte sich.
Im Herbst 2023 machte der 39-Jährige bei einer Veranstaltung in New York mit düsteren KI-Prognosen von sich reden. „Ich mache mir viele Sorgen. Und es ist richtig, Angst zu haben“, antwortete Suleyman auf die Frage, was bei der KI-Entwicklung auf die Menschheit zukomme.
„Es wird viele Akteure geben, die die Modelle nutzen, um anderen zu schaden.“ Mit KI ließen sich „hochgradig süchtig machende Drogen“ produzieren, künstliche Erreger, „den nächsten Covid-Stamm, zehnmal leichter übertragbar“, Wahlmanipulation oder Wirtschaftskrisen. Die Macht der Technik sei kaum zu überschätzen, so Suleymans Warnung.