Softwarehersteller: Wie SAP Programmierern mit Künstlicher Intelligenz helfen will
Der Technikchef stellt deutliche Erleichterungen bei der Softwareentwicklung in Aussicht.
Foto: IMAGO/Mike SchmidtDüsseldorf. Programmierer, die sich mit SAP-Technologie auskennen, sind stark gefragt, aber schwer zu bekommen. Auf gängigen Stellenbörsen gibt es Tausende offene Angebote für Spezialisten, die Produkte des deutschen Softwareherstellers einführen, anpassen und erweitern können.
Geht es nach SAP, wird bald schon Künstliche Intelligenz (KI) bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels helfen. Der deutsche Softwarehersteller hat am Donnerstag auf seiner Entwicklerkonferenz TechEd mehrere Funktionen angekündigt, die Programmierer etwa mit Programmbausteinen unterstützen sollen.
Das System „beschleunigt den Entwicklungsprozess für professionelle Entwickler“, sagte Technologievorstand Jürgen Müller. „Man bekommt nicht alles abgenommen, erhält aber viel Unterstützung.“ Das allgemeine Potenzial bezifferte der Manager nicht konkret, ein Kunde habe aber Effizienzgewinne von 35 Prozent erreicht. Und es soll bereits im ersten Quartal 2024 verfügbar sein.
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Die neue Funktion ist Teil der Plattform Build, die bereits einige Helfer für die Entwicklung von Apps und die Automatisierung von Geschäftsprozessen enthält. Daher der Name: Build Code. Für SAP hat das Angebot strategische Bedeutung, hilft die Softwareentwicklung mit einem Copiloten doch, die IT zu modernisieren – mit möglichst wenig Personal, das ohnehin knapp ist.
Code nach dem ChatGPT-Prinzip
Möglich wird die automatische Code-Erstellung durch eine neue Generation KI, die Inhalte verstehen und erstellen kann – neben Texten und Bildern auch Software. Dabei kommen die sogenannten großen Sprachmodelle wie GPT-4 und Bard zum Einsatz: Sie nutzen Millionen Zeilen Programmcode als Schulungsmaterial, um automatisch Fragen zu beantworten, Fehler zu suchen und Vorschläge zu machen.
Mehrere Programmierassistenten sind mittlerweile auf dem Markt. Am weitesten verbreitet ist der Copilot der Microsoft-Tochterfirma Github, deren Plattform unter Softwareentwicklern als Standard gilt. Amazon Web Services (AWS), Google und weitere arbeiten an ähnlichen Konzepten. Auch ChatGPT, eigentlich auf Text spezialisiert, liefert beachtliche Ergebnisse.
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SAP bietet mit Build Code einen Assistenten an, der auf die eigenen Produkte zur Steuerung von Geschäftsprozessen spezialisiert ist. Der Assistent kann in der ersten Version Fragen zum Programmcode beantworten, Benutzeroberflächen erstellen und beim Testen helfen. Zukünftige Versionen sollen auch automatisch Softwarebausteine erstellen können.
Ein Beispiel aus dem Prototyp: Ein Programmierer könnte per Sprachbefehl eine App entwerfen, über die sich Nutzer für ein neues Produkt registrieren – mit Namen, E-Mail-Adressen und Firma. Neben dem Chat erscheint ein Fenster mit dem Programmcode, der die Umsetzung dokumentiert.
SAP liefert Standardsoftware, viele Unternehmen modifizieren diese aber. Der Bedarf an Programmierern ist daher groß und dürfte weiter wachsen: Viele Bestandskunden führen die aktuelle Produktgeneration aus Walldorf ein, darunter das Kernprodukt S/4 Hana – und müssen deswegen Erweiterungen modernisieren, die Tausende Zeilen Programmcode umfassen. Das steht Upgrades oft im Weg.
Build Code sei ein „guter Fortschritt für höhere Entwicklerproduktivität“, urteilte Holger Müller, Analyst bei Constellation Research. Eine wichtige Fähigkeit fehle zum Start aber: Der Assistent verstehe Java und Java Script, aber nicht ABAP – die von SAP entwickelte Programmiersprache, die in vielen Projekten zum Einsatz kommt. „Dort läuft der meiste Code“, betonte Müller.
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Der Konzern muss das Sprachmodell, was Build Code nutzt, offenbar noch auf ABAP abstimmen. In den öffentlich verfügbaren Daten, die den Sprachmodellen als Lernstoff dienen, sind deutlich mehr Beispiele von anderen Programmiersprachen enthalten. Die Funktionen sollen „voraussichtlich ab Mitte nächsten Jahres“ verfügbar sein.
Mehr Tempo und mehr Qualität
An großspurigen Ankündigungen mangelt es in der IT-Branche selten. Indes erwarten aber auch unabhängige Forscher, dass die Programmierhelfer die Softwareentwicklung umkrempeln. Das dokumentiert etwa eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, die derzeit per Peer Review begutachtet wird.
Die Forscher ließen Entwickler ein Programm in der Sprache Python schreiben, einmal mit und einmal ohne den Github-Copiloten. Informatikprofessor Sven Mayer: „Wir sehen, dass die Probanden mit dem Copiloten die Aufgaben signifikant schneller erledigen konnten.“ Die besten Informatiker seien um 30 bis 40 Prozent effizienter gewesen – wobei die Spanne groß sei. Ähnliche Werte sind aus der Branche derzeit öfter zu vernehmen.
Ein weiterer positiver Effekt: Der Github-Copilot ist in der Lage, den Programmcode mit Kommentaren zu ergänzen, die den Quelltext leichter verständlich machen, etwa für Kollegen – eine unbeliebte Pflichtaufgabe. „Das automatische Annotieren wirkt sich positiv auf die Qualität aus“, sagt Mayer, der zur Interaktion von Mensch und Maschine forscht.
Nach den ersten Erfahrungen ist Mayer sicher: „Entwickler, die die Copiloten nutzen, werden langfristig schneller sein.“ Allerdings könne der Computer den Menschen nicht vollständig ersetzen. „Die Nutzer müssen den Code verstehen und auf Fehler überprüfen.“ Zudem gelte es, die Qualität und Zuverlässigkeit der Programme sicherzustellen. Auch die KI mache Fehler.
SAP-Spezialisten dürften auch weiter gefragt sein.
Erstpublikation: 02.11.2023, 04:59.