Vermögensverwaltung: „Vielleicht wird jeder dritte Fondsmanager eingespart“
In der Vermögensverwaltung hat sich KI etabliert.
Foto: Getty ImagesFrankfurt. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) hat sich in der Vermögensverwaltung längst etabliert: Bei Anbietern wie Acatis, First Private oder auch Tungsten Capital Management dienen KI-basierte Ansätze als Teil der täglichen Anlagestrategie, etwa bei der Aktienauswahl.
Die Analysewerkzeuge durchforsten dann beispielsweise unterschiedlichste Daten zu Unternehmen wie etwa Geschäftsberichte, Analystenkommentare, historische Kursdaten und leiten daraus eine Einschätzung zur Attraktivität ab. In der Regel prüft ein menschlicher Fondsmanager die Ergebnisse, bevor ein KI-Urteil in eine echte Transaktion umgesetzt wird.
Es gibt aber neue potenzielle Einsatzgebiete in der Vermögensverwaltung, die bislang kaum genutzt werden, etwa in der Steuerung von Anleiheportfolios oder bei der Strukturierung von Portfolios nach Anlageklassen. Die Folge wäre, dass Fondsgesellschaften mit deutlich weniger Personal auskommen. „Vielleicht wird jeder dritte oder vierte Fondsmanager eingespart“, sagt Hendrik Leber, Chef der Anlagefirma Acatis Investment. Ob mit den Einsparungen allerdings die Margen steigen, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Der Asset-Management-Berater Strategy& hat nun versucht, sich der Höhe potenzieller Einsparungen zu nähern. Die Gesamtkosten deutscher und schweizerischer Verwalter belaufen sich den Experten zufolge auf 9,1 Milliarden Euro. „Diese Summe könnte ab dem übernächsten Jahr durch KI-Einsatz um bis zu 1,9 Milliarden Euro gesenkt werden“, schätzt Strategy&-Experte Utz Helmuth. Bei Portfoliomanagement, Research und Handel seien Einsparungen zwischen 90 bis 400 Millionen Euro möglich.
Im Vergleich zu allein auf Algorithmen basierenden Entscheidungen besteht der Vorteil darin, dass neue Ansätze noch stärker selbstlernend sind, urteilen Experten. Allerdings räumt Helmuth ein: „Ich habe keinen Fall erlebt, wo ein Manager sein System völlig autonom laufen lässt und am Ende keiner noch mal draufschaut.“
Die sehr große Spannbreite der Schätzung von Strategy& zeigt: Der weiterführende Einsatz von KI bei der Geldanlage ist mehr Vision als Abbild der Realität. Der Prozess ist dynamisch, die Effekte sind unklar – Prognosen wie die von Strategy& sind daher mit hoher Unsicherheit behaftet und nur eine erste Annäherung.
Von Personalkürzungen betroffen wären in den Investmenthäusern vor allem Bereiche, in denen noch Arbeiten händisch erledigt würden, glaubt Tobias Klein. Der Leiter von First Private Investment Management zählt dazu: das Research, die Auswahl der Aktien und Anleihen für die Portfolios sowie das Trading. Gegebenenfalls könnten Fondsgesellschaften ihre gesamten Personalkosten „um bis zu 25 Prozent senken“, schätzt Klein. Laut Fondsverband BVI beschäftigen allein die deutschen Investmenthäuser rund 12.000 Mitarbeiter.
In welchen Bereichen KI konkret eingesetzt werden könnte
Marktexperten führen diverse Einsatzfelder der Vermögensverwaltung an, die durch den Einsatz von KI verändert werden könnten. „Im Portfoliomanagement und bei Fondsberichten der Anbieter wird der Einsatz zuerst klappen“, sagt Tungsten-Chef Henning von Issendorff. Auch der Anleihehandel biete Potenzial: „Der läuft im Grunde immer noch so wie vor drei Jahrzehnten.“
First-Private-Leiter Klein hat noch andere Ideen. „Trading könnte mit KI-Einsatz die Auswirkungen auf den Kurs gering halten“, sagt er. Die Idee: Eine große Order beeinflusst vor Ausführung eventuell den Abrechnungskurs zuungunsten des Auftraggebers. Wenn ein Auftragsvolumen das Angebot übersteigt, dann wird erst bei höherem Kurs die gesamte Order abgewickelt werden können – ein Nachteil für den Käufer.
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Chancen sieht Leber von Acatis auch bei der Zusammenführung von Informationen. Er nennt als Beispiel eine Recherche zur Wasserstoffökonomie, bei der Researchberichte, offizielle Dokumente, Pressemeldungen und verschriftlichte Analystencalls zusammenfließen. Daraus könne ein KI-Modell sehr schnell ein Portfolio mit preiswerten Aktien ableiten.
Das Tempo beim Durchforsten großer Datenmengen und umfangreicher Texte könnte laut Jens Kummer vom Finanzberater Faros auch juristische Zusammenhänge transparenter machen. Er denkt beispielsweise an umfangreiche, englischsprachige Verträge zwischen Großinvestoren und ihren Vermögensverwaltern. KI fasse die wichtigsten Punkte kurz und bündig zusammen: „So versteht auch ein Nicht-Jurist die wirtschaftlichen Zusammenhänge, etwa beim Punkt Kündigungsmöglichkeiten.“
Auswärtige Experten sind gefragt
Helmuth beobachtet einige deutsche Asset-Manager, die mit KI experimentierten, um in den sogenannten Front-Office-Bereichen wie Portfoliomanagement, Research, Trendidentifikation, Bilanz- und Stimmungsanalyse sowie Portfoliostrukturierung Menschen teilweise durch KI zu ersetzen. Die Einsparpotenziale seien sehr unterschiedlich, am höchsten bei einem stark aktiven Manager mit großem Researchteam.
Gefragt sei bei einer solchen Umorientierung auf jeden Fall KI-Expertise aus dem eigenen Haus und von auswärtigen Experten, insbesondere Wissenschaftlern. Der Verwalter Acatis beispielsweise arbeitet mit Fachleuten im Hause, kooperiert gleichzeitig mit Nnaisense, einer schweizerischen Firma, die vom KI-Pionier Jürgen Schmidhuber mitgegründet wurde.
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Ob der Netto-Effekt tatsächlich in einer höheren Gewinnmarge mündet, darüber herrscht Uneinigkeit unter Experten. Helmuth erkennt zwar den Effekt auf die Kosten, weist aber auf die parallel sinkenden Einnahmen hin, mit denen Vermögensverwalter seit längerer Zeit zu kämpfen haben.
Ohnehin stellt Helmuth infrage, ob der Spargedanke beim KI-Einsatz der dominante ist. Letzteres bekräftigt auch Hendrik Leber von Acatis. Er sieht die Chance woanders: „Ziel ist eigentlich nicht, Kosten zu senken. Ziel ist ein besseres Anlageergebnis.“
„Blackbox“ schreckt Investoren ab
Die bisherigen Erfolge beim KI-Einsatz sind überschaubar. „Im Portfoliomanagement sind die Anlageergebnisse im Schnitt bisher noch mäßig“, erkennt Jens Kummer von Faros. Das bestätigen auch Recherchen des Handelsblatts. Danach gibt es weniger als zwei Dutzend für deutsche Anleger zugängliche, KI-gesteuerte Investmentfonds.
Relativ gute Ergebnisse liefern danach der „Acatis AI Global Equities“ für globale Aktien sowie die mit verschiedenen Tradingsystemen arbeitenden „Tungsten Trycon AI Global Markets“ und „FP Artellium Evolution“ von First Private. Die erzielten Renditen liegen auf Sicht von zwölf Monaten zwischen drei und sechs Prozentpunkte über dem Schnitt vergleichbarer Strategien ohne KI-Einsatz.
Das Trycon-Produkt verlor über diese Zeit zwar ein Prozent. Das Modell will allerdings insbesondere Risikoschutz bieten, kam praktisch wertstabil durch den Pandemiecrash vor rund drei Jahren. Das Acatis-Modell schaffte in den vergangenen zwölf Monaten einen Gewinn von zehn Prozent, der First-Private-Ansatz knapp acht Prozent.
Trotzdem ziehen die meisten KI-gemanagten Fonds kaum Geld an. In der Regel verwalten die Produkte überschaubare zweistellige Millionenbeträge. Daran hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. Hauptgrund für die geringe Resonanz von Investoren sei fehlendes Vertrauen in die Technik, sagt Experte Helmuth: „KI ist eine Blackbox, die kann nicht begründen, warum sie etwas tut.“