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Björn von Siemens Android für den OP – wie ein Siemens-Nachfahre die Kliniken digitalisieren will

Björn von Siemens bringt Künstliche Intelligenz in die Operationssäle. Damit hilft er Kliniken, besser durch die aktuelle Coronakrise zu kommen.
29.04.2020 - 15:37 Uhr Kommentieren
Der Spross der Siemens-Familie setzt auf Technologie für eine bessere Behandlung von Kranken. Quelle: Peter Rigaud
Björn von Siemens

Der Spross der Siemens-Familie setzt auf Technologie für eine bessere Behandlung von Kranken.

(Foto: Peter Rigaud)

Düsseldorf Das unternehmerische Leben des Björn von Siemens begann mit einer Niederlage. Als der Spross der Siemens-Familie vor sieben Jahren das Medizintechnikunternehmen Caresyntax gründete, saß er gerade an seiner Doktorarbeit. Er schrieb an der Harvard-Universität über Unternehmertum – und die Frage, wie Gründer an neue Technologien herangehen.

Nach wenigen Monaten merkte von Siemens, dass er sich zu viel vorgenommen hatte: das Forschen über Unternehmertum und seine eigene Unternehmung. „Ich habe unterschätzt, wie komplex es ist, eine Firma aufzubauen“, sagt der heute 37-Jährige. Er arbeitete die Nächte durch, doch es half alles nichts: Er musste sich entscheiden – und schmiss schließlich die Dissertation.

Denn dass er mit Caresyntax die richtige Idee hatte, davon war der Urururenkel von Werner von Siemens damals schon überzeugt. Mit seinem Harvard-Kommilitonen Dennis Kogan hatte er begonnen, ein Betriebssystem für Notfallmedizin und OP-Säle aufzubauen, „eine Art Android für den OP“, beschreibt es von Siemens: eine Softwareplattform, auf der unterschiedliche Programme laufen und auf der alle Daten aus der Chirurgie zusammenfließen.

Gesteuert wird das System von einem digitalen Cockpit im OP, einem Bildschirm und einer Steuerkonsole, über die Chirurgen alle Bilder und Daten des Patienten abrufen können. Caresyntax wird damit zu einem virtuellen Assistenzarzt, der stets die wichtigsten Informationen zur Hand hat: die Vorerkrankungen des Patienten sowie Risikoprofil und Blutwerte.

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    Das System beobachtet zudem jede Bewegung des Operateurs, hilft ihm bei komplizierten Schnitten, heiklen Nähten – und warnt, wenn er Nadeln oder Klammern im Bauch des Patienten vergessen hat. Dieses digitale Coaching wird möglich, weil die Künstliche Intelligenz (KI) der Caresyntax-Software Videobilder und Daten von zehn Millionen erfolgreichen und missglückten Operationen analysiert hat.

    Mit jeder OP lernt die KI dazu. Ziel sei es, Operationen „so sicher zu machen wie Fliegen“, sagt von Siemens. Dass das mehr ist als eine schneidige PR-Floskel, glauben jedenfalls namhafte Investoren, darunter der Medizintechnikhersteller Barco, die Medizinsparte von Mitsubishi, das japanische Biotechunternehmen Takeda und die Chirurgenversicherung Relyens. Sie haben zusammen etwa 90 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt. Damit ist Caresyntax rund 200 Millionen Euro wert.

    Geld verdienen mit Zusatzdiensten

    21 der größten 25 deutschen Unikliniken setzen die Software bereits ein, ebenso 500 Häuser in den USA, Frankreich, Israel und Japan. Zu den Anwendern gehört auch das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. „Beim Neubau unseres OP-Zentrums brauchten wir eine technologische Basis, um die Daten all unserer OP-Geräte zusammenzubringen“, sagt der technische Projektmanager der Klinik, Andreas Küchler. Es gebe verschiedene Ansätze im Markt. Doch viele seien von Medizingeräteherstellern. „Wir haben uns für Caresyntax entschieden“, erklärt er, „weil die Plattform mit allen im OP genutzten Geräten funktioniert.“

    2020 will Caresyntax mit seinem System 15 Millionen Euro umsetzen. Eine überraschend kleine Summe für eine sieben Jahre alte Hightech-Firma mit so vielen Kunden und 200 Mitarbeitern in Berlin, Boston und Tel Aviv. Doch viele Kliniken nutzen zunächst die kostenlose Basisversion der Software, räumt von Siemens ein. Geld verdienen die Berliner, wenn die Kliniken Zusatzdienste buchen, die OP-Datenanalyse oder die Qualitätssicherung. „Wer schnell Millionär werden will, darf nicht in das Feld Medizintechnik gehen“, sagt von Siemens. „Das ist ein langsames Geschäft.“

    Jetzt will er zeigen, dass seine Technik auch ein Faktor im Kampf gegen das Coronavirus sein kann: Zwar sind viele Kliniken gerade nicht ausgelastet. Doch bald beginnt wieder der Normalbetrieb, „dann stehen sie vor einer riesigen Welle komplizierter Eingriffe, die gerade aufgeschoben werden“, sagt er. Ressourcensteuerung wird dann zur Überlebensfrage.

    Großes Potenzial, großes Interesse

    Seine Software – die er Kliniken nun erst einmal kostenlos anbietet – soll mit neuen Funktionen helfen, Dienstpläne, Lieferketten von Medikamenten und Ausrüstung sowie die Verfügbarkeit bestimmter Geräte in den Operationssälen zu optimieren. „Damit können die Kliniken bis zu 25 Prozent mehr OPs durchführen“, verspricht er.

    Ob die Zahl realistisch ist, wollen die Dresdener nicht beurteilen. Nur so viel: „Mit der Ressourcenplanung ist auf jeden Fall eine effizientere Belegung unserer 27 OP-Säle möglich“, sagt OP-Technikexperte Küchler. Zukünftig sei vorstellbar, das System auch für die Planung der Arbeitsabläufe zu nutzen. Dann benachrichtigt die Software die Putzkolonnen, wenn eine Operation mal schneller geht – und gibt schließlich auch dem nachfolgenden OP-Team ein Zeichen, dass es früher loslegen kann. Das würde viel Zeit sparen.

    Die Einführung der Technik lief allerdings nicht ganz reibungslos, ist bei den Dresdenern zu hören. Im Betrieb habe es technische Probleme gegeben, ausgefallene Bildschirme, Teile der Software funktionierten nicht zuverlässig. Doch das sei mittlerweile ausgeräumt und gehöre bei solchen Neueinführungen dazu, sagt Küchler.

    Das Interesse an der Caresyntax-Software nimmt jedenfalls zu. Die Zahl der Anfragen von Kliniken habe sich in der Coronazeit verfünffacht, lässt von Siemens durchblicken.

    Und das Potenzial für die Berliner ist groß: „Caresyntax ist in zwei interessanten Wachstumsbereichen aktiv“, sagt der auf Gesundheit spezialisierte McKinsey-Partner Tobias Silberzahn. Einerseits helfe die Technik, klinische Abläufe zu verbessern und zu automatisieren. In dem Feld sieht Silberzahn weltweit ein Marktvolumen von über zehn Milliarden Dollar. Auf der anderen Seite unterstütze Caresyntax Kliniken dabei, ihre medizinische Qualität zu verbessern. Hier sieht Silberzahn weltweit sogar einen potenziellen Markt von über 100 Milliarden Dollar. „Das ist global ein riesiges Thema“, sagt er.

    Dass die Caresyntax-Technologie die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen während der OP senken kann, hat sich auch in der Versicherungswirtschaft herumgesprochen. Europas führender Chirurgenversicherer Relyens hat in das Unternehmen investiert – und gibt Kliniken, die auf Technik setzen, zehn Prozent Rabatt bei Ärzteversicherungen.

    Hilfe aus dem Netzwerk

    Dass er einmal im Gesundheitswesen arbeiten wird, war für von Siemens eigentlich immer klar. Als Jugendlicher wollte er Intensivmediziner werden, so wie seine Mutter. Doch dann kam das Interesse für Technologie hinzu. Deshalb entschied er sich, beides zusammenzubringen. Er besuchte die Privatuni EBS in Oestrich-Winkel, dann die London School of Economics. Und bevor es ihn an die Harvard-Universität zog, arbeitete er noch bei den Beratungsfirmen Bain und BCG. Dort beschäftigte er sich mit Gesundheitstechnologien.

    Die Idee für Caresyntax haben sich von Siemens und sein Kompagnon Kogan dann in bester Beratermanier erarbeitet. Sie analysierten 150 Firmen und Geschäftsmodelle – und dabei fiel ihnen auf, wie wenig vernetzt in Notfallmedizin und OPs noch gearbeitet wurde. Schon war die Idee für Caresyntax geboren. Durch ein paar Investments in Start-ups hatte von Siemens einige Millionen verdient – und so konnten die beiden gleich etwas größer denken. Sie kauften in den Jahren darauf eine Handvoll Datenanalyse- und Videofirmen zusammen – und verschmolzen sie.

    Wenn man mit Geschäftspartnern und Bekannten von Björn von Siemens spricht, beschreiben sie ihn unisono als zurückhaltenden, fast schüchternen Menschen, der bei öffentlichen Terminen eher im Hintergrund bleibt. Wer ihn trifft, ist schnell per Du mit ihm, wie es sich in der Berliner Unternehmerszene gehört.

    Außer seinem Nachnamen erinnert dann nichts an seinen Familienhintergrund. Der aber, daraus macht von Siemens kein Geheimnis, habe ihm oft geholfen. Einige ehemalige Topleute des Siemens-Konzerns sind Berater seines Unternehmens, Mei-Wei Cheng, ehemaliger Asienchef zum Beispiel.

    Überhaupt habe die Familie, die noch sechs Prozent an Siemens hält, mit Know-how und Kontakten geholfen. Eine Karriere im Konzern sei für ihn aber nie eine Option gewesen. „Mein Name hat mir einige Vorteile gebracht. Aber er sorgt eben auch für Vorurteile.“ Mit dem Stigma, er habe alles nur wegen seiner Herkunft erreicht, wollte er nicht leben. „Deshalb war mir immer klar, dass ich etwas Eigenes aufbaue.“

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