Digital Health: In der Coronakrise boomen Onlinesprechstunden
Ein Viertel der deutschen Praxis bietet mittlerweile Onlinesprechstunden an.
Foto: imago/Jochen TackBerlin. In der Coronakrise hält die Telemedizin Einzug in die deutsche Gesundheitsversorgung. Mittlerweile bieten laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) 25.000 Praxen Videosprechstunden an, das ist jede vierte Praxis von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten. Noch Anfang des Jahres waren es nur 1700 Praxen.
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und die KBV hatten sich im März verständigt, dass Ärzte und Psychotherapeuten unbegrenzt Videosprechstunden über das Internet anbieten können. Patienten sollen bei leichteren Beschwerden fernbehandelt werden, um die Kontakte in den Praxen zu reduzieren.
Normalerweise dürfen Ärzte und Psychotherapeuten pro Quartal maximal jeden fünften Patienten ausschließlich per Video behandeln, ohne dass dieser in die Praxis kommen muss. Außerdem dürfen eigentlich nur 20 Prozent der ärztlichen Leistungen in einer Praxis über Telemedizin laufen.
Die Sonderregelungen enden am 30. Juni. Aus der KBV hieß es, dass Krankenkassen und Ärzteschaft rechtzeitig Bilanz ziehen und über eine mögliche Verlängerung entscheiden würden.
Das Bundesgesundheitsministerium hofft auf einen Digitalisierungsschub, der die Ausnahmezeit der Corona-Pandemie überdauert. Der Digitalbeauftragte des Ministeriums, Gottfried Ludewig, sagte dem Handelsblatt: „Digitale Lösungen müssen in der Versorgung von Patientinnen und Patienten endlich Alltag werden.“
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat das Ziel ausgegeben, den Rückstand des deutschen Gesundheitssystems bei der Digitalisierung aufzuholen. Unter anderem schuf er in seinen Gesetzen Regelungen zum elektronischen Rezept und zu einer elektronischen Patientenakte, in der Arztbriefe, Laborwerte oder Röntgenbilder gespeichert werden sollen.
Allerdings stieß Spahn auch auf Bedenken von Datenschützern, die die Sicherheit von sensiblen persönlichen Angaben zum Gesundheitszustand nicht ausreichend gewährleistet sahen. Mehrfach musste Spahn seine Pläne abändern. Bei der elektronischen Patientenakte gibt es auch Probleme bei der technischen Umsetzung, der geplante Start im Januar 2021 wackelt.
Die Zahlen zu den Onlinesprechstunden stimmen das Ministerium aber optimistisch. Ludewig sagte: „Jetzt sehen wir: Die Zukunft hat längst begonnen. Ärzte brauchen und nutzen Instrumente wie die Videosprechstunde, um flexibel für ihre Patienten da sein zu können - nicht nur in dieser Ausnahmesituation.“
Im Mai 2018 hatte der Deutsche Ärztetag das sogenannte Fernbehandlungsverbot gekippt. Zuvor durften Ärzte nur dann Patienten über das Telefon oder einen Videochat behandeln, wenn vorher schon ein persönlicher Kontakt bestand. Im Digitale-Versorgung-Gesetz schuf Spahn vergangenes Jahr die Möglichkeit, dass Ärzte auf ihrer Internetseite über telemedizinische Angebote informieren dürfen. Zuvor mussten Patienten im Vorfeld schriftlich oder in der Arztpraxis aufgeklärt werden.