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Krankheit„Affenpocken“ sind nicht immer harmlos: „Die Menschen winden sich vor Schmerzen im Bett“

Die meisten MPXV-Infizierten sind gut ambulant behandelbar. Doch manche müssen mit starken Beschwerden in die Klinik. Der Infektiologe Hartmut Stocker erklärt, warum. 27.07.2022 - 10:58 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Die Stiko empfiehlt Affenpocken-Impfung für Risikogruppen.

Foto: dpa

Bei den sogenannten „Affenpocken“ denken die meisten wohl an die Bilder von harmlos aussehenden kleinen „Hubbeln“ auf der Haut, die ambulant gut behandelbar sind und nach einiger Zeit abfallen. Doch so komplikationslos verlaufen nicht alle Infektionen mit den von der Wissenschaft weniger stigmatisierend MPXV (von englisch: „monkey pox virus“) genannten Erreger.

Wir haben mit Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof, darüber gesprochen, warum eine Ansteckung mit MPXV so schlimm verlaufen kann, dass eine stationäre Therapie nötig wird, wieso Aufklärungskampagnen von schwulen Männern als Rückschritt empfunden werden könnten und warum das Auslosen die gerechteste Verteilung für den knappen Impfstoff ist.

Herr Stocker, die sogenannten „Affenpocken“ können meist ambulant gut versorgt werden. Aus welchen Gründen müssen Patienten mit der medizinisch MPXV genannten Infektionskrankheit stationär aufgenommen werden?
Es gibt zwei hauptsächlich Gründe, Patienten mit MPXV stationär aufzunehmen: Zum einen, wenn eine sogenannte Superinfektion mit Bakterien vorliegt, die zu der Viruserkrankung hinzugekommen ist. Das kann geschehen, weil das Immunsystem durch die MPXV bereits geschwächt ist und die Bakterien um die Pocken herum durch die verletzte Haut einen Weg in den Körper gefunden haben. Dort können sie eine Weichgewebs- oder Hautentzündung verursachen, die zu Abszessen führt. Die müssen dann manchmal operiert oder mit Antibiotika behandelt werden, was eine stationäre Versorgung notwendig macht.

Und der zweite, bisher häufigste Grund für eine Krankenhausbehandlung ist, wenn die Infektion an Schleimhäuten ihren Ausgang nahm. Wenn dort die ersten Pocken entstehen, kann das extrem schmerzhaft verlaufen. Die meisten Betroffenen sind nach wie vor Männer, die Sex mit Männern haben. Werden dabei die Schleimhäute des Mundes, der Analregion oder des Enddarmes mit dem Virus infiziert, bilden sich an diesen Stellen viele Pocken dicht beieinander.

Eine solche Entzündung des Enddarms oder der Analregion – die genauso natürlich auch eine Frau betreffen kann – ist extrem schmerzhaft. Die Betroffenen winden sich wegen der Schmerzen gequält im Bett hin und her, suchen nach einer weniger schmerzhaften Position und finden sie nicht. Oft bleibt uns derzeit dann nur der Einsatz von Opiaten, also starken, morphinhaltigen Schmerzmedikamenten.

Ist damit das Problem gelöst und alles wird gut?
Nein, leider nicht, denn das bringt neue Probleme. Eine Nebenwirkung der Opiate ist leider, dass der Stuhl sehr hart wird was dann beim Stuhlgang die Schmerzen in der befallen Region noch verstärkt. Wir versuchen deshalb, mit der Kombination von anderen Schmerzmitteln eine bessere Lösung zu finden.

Bei manchen Patienten komme es zu einer schmerzhaften Entzündung der von den Pocken betroffenen Schleimhäute, sagt Hartmut Stocker, Chefarzt der Infektiologie am St. Joseph-Krankenhaus.

Foto: SJK / Manuel Tennert

Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Nervenschmerzen, weshalb wir auch mit Medikamenten experimentieren, die bei einer Gürtelrose Erleichterung verschaffen… Es ist ein Herantasten, denn es gibt bisher keine Erfahrungswerte. So starke Beschwerden wie bei den MPXV kennen wir von anderen Infektionskrankheiten nicht. Nach sieben bis zehn Tagen ist es dann zwar wieder vorbei. Doch diese Tage sind für die Patienten wirklich eine schlimme Belastung.

Können „Affenpocken“ sogar lebensgefährlich werden?
Als der jetzige Ausbruch von MPXV noch neu war, hat man befürchtet, dass Patienten an schweren Komplikationen durch die Infektion, wie einer Lungen- oder Gehirnentzündung, versterben könnten. Diese Befürchtung hat sich zum Glück zumindest bisher nicht bewahrheitet.

So starke Beschwerden wie bei den MPXV kennen wir von anderen Infektionskrankheiten nicht.
Hartmut Stocker, Chefarzt der Infektiologie am St. Joseph-Krankenhaus

Bei den Ausbruchsherden liegt die Vermutung nahe, dass MPXV ähnlich wie HIV über Sperma übertragen werden kann.
Noch sind die genauen Übertragungswege nicht ganz klar. Aber ja, die bisherigen Erfahrungen und klinischen Beobachtungen sprechen sehr dafür, dass die Pockenviren zum einen durch direkten Kontakt zu infizierten Stellen und eben auch mit Körperflüssigkeiten übertragen werden.

Wir haben von dreizehn unserer bisher behandelten Patienten zur Untersuchung auch Spermaproben erhalten. Und darin konnten wir das Virus nachweisen. Das Robert-Koch-Institut ist gerade dabei, die Viren aus den Proben „anzuzüchten“, um zu klären, ob diese vermehrungsfähig sind, also tatsächlich Infektionen erzeugen können.

Aber Sperma ist sicher nicht der einzige Übertragungsweg, sondern wahrscheinlich ebenso Speichel. Einige der Patienten haben zum Beispiel „nur“ geknutscht und sich trotzdem infiziert. Da haben wir dann die Pocken auf den Lippen und im Mundbereich gefunden. Auch auf diesen Schleimhäuten sind sie dann sehr schmerzhaft.

Trotz dieser nicht auf bestimmte Gruppen eingrenzbarer Übertragungswege sind die bisher Betroffenen fast nur Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben. Warum eigentlich?
Wie gesagt, über die Übertragungswege wissen wir noch nicht genug. Ich erwarte aber nicht, dass die Infektion auf Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt bleibt. Ich hörte aus einer Partnerpraxis, dass dort bereits zwei heterosexuelle Männer mit MPXV behandelt wurden.

Auch bei HIV war das Infektionsgeschehen zunächst auf schwule Männer beschränkt, was die folgende Stigmatisierung begünstigte. Inzwischen ist HIV global gesehen eine überwiegend Heterosexuelle betreffende Pandemie. Doch das ursprüngliche Bild hält sich hartnäckig. Deshalb halte ich es nicht für klug, jetzt immer wieder zu betonen, dass bisher nur MSM von den MPXV betroffen sind. Das vermittelt ein falsches und stigmatisierendes Bild. Denn das wird nicht so bleiben.

Die Betonung, dass nur Männer, die Sex mit Männern haben, betroffen sind, vermittelt ein falsches und stigmatisierendes Bild.
Hartmut Stocker, Infektiologe

Müsste es aber zumindest jetzt nicht eine neue Aufklärungskampagne in der schwulen Community geben, die wie damals bei HIV wieder für den schützenden Gebrauch von Kondomen wirbt?
Das ist ein sehr schwieriges Thema. Keiner traut sich, diese Empfehlung auszusprechen, weil das nach einer Rückkehr von Aids klingt. Jahrzehntelang wurden fast ausschließlich schwule Männer mit dieser Aufforderung konfrontiert. Nun ist dank der guten Therapiemöglichkeiten und der Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die genauso gut vor HIV schützt, wie ein Kondom, diese Bedrohung geringer geworden. Schwule leben gerade erst wieder ihre Sexualität so aus, wie es andere Menschen auch dürfen. Bei ihnen käme die nächste Kondomkampagne wohl nicht gut an. Das würde sicher als großer Rückschritt empfunden.

Also die Welle laufen lassen?
Eine neue große Kondom-Kampagne braucht es meiner Meinung nach nicht. Denn gerade die schwule Community ist bei solchen Themen sehr aufgeklärt und ist es nun auch bei MPXV. Zudem sieht es so aus, als dass ein Kondom eine allgemeine MPXV-Infektion auch gar nicht verhindern kann, denn diese wird wie gesagt auch durch Küssen oder Reiben auf der Haut übertragen.

Aber hilfreich könnten Hinweise sein, dass man mit dem Kondom einige Teile des Körpers, die einem besonders wichtig sind, vor den schlimmsten Folgen einer MPXV-Infektion bewahren kann. Denn an der Stelle, an der die Infektion ihre Eintrittspforte findet, kommt es offenbar zu den belastendsten Symptomen. Wenn die Stelle am Oberarm ist, ist es wahrscheinlich nicht so schlimm, als wenn sie sich am Penis, im Analbereich oder an der Vagina befindet.

Das Auslosen derjenigen, die den Impfstoff bekommen, ist die gerechteste Methode.
Hartmut Stocker, Infektiologe

Ein anderer entscheidender Unterschied zu HIV ist, dass es gegen MPXV einen wirksamen Impfstoff gibt. Heute geht es in Berlin mit den Impfungen los. Ist es also bereits Zeit, Entwarnung zu geben?
Leider nein, denn es gibt erst mal nicht genug Impfstoff. Deshalb ist das Verfahren so angelegt, dass es eine möglichst große Verteilungsgerechtigkeit herstellt.

Wir müssen deshalb zuerst diejenigen Menschen für die Immunisierung auswählen, die ein größeres Risiko für komplizierte Verläufe der Erkrankung haben. Das sind vor allem immungeschwächte Personen. Zum einen also HIV-infizierte Menschen, deren Viruslast nicht unter die Nachweisgrenze gedrückt werden kann oder die wenige Helferzellen haben. Und zum anderen nicht-HIV-Infizierte, die eine andere Immunschwäche haben, etwa weil sie wegen einer Rheumaerkrankung immundimmende Medikamente einnehmen müssen.

Die nächste Prioritätsgruppe sind Menschen, die ein Risiko haben, sich mit MPXV anzustecken. Davon gibt es in Berlin deutlich mehr als jene 4000, für die die jetzt zur Verfügung stehenden insgesamt 8000 Dosen MPXV-Impfstoff – es muss zweimal geimpft werden – reichen. Deshalb haben wir – gemeinsam mit dem Arbeitskreis Aids, den HIV-Schwerpunktkliniken und -praxen und der Charité – entschieden, unter diesen Menschen die Impfung auszulosen. Das ist in diesem Fall die gerechteste Methode. Es ist aber ganz klar, dass das nicht reichen wird, um die Infektionswelle zu brechen. Berlin muss mehr Impfdosen besorgen.

Können sich Diejenigen, die bis in die 1970er und Anfang der 1980er Jahre noch gegen Pocken geimpft wurden, jetzt entspannt zurücklehnen, weil sie noch immun sind?
Dass die alten Pockenimpfungen wirklich so gut schützen, wie oft behauptet, glaube ich nicht. Ja, es stimmt: Unter den mit MPXV-Infizierten sind vergleichsweise wenige, die noch eine Pockenimpfung bekommen haben. Dabei handelt es sich um ältere Menschen, denn die Impfungen wurden Ende der 1970er Jahren in der Bundesrepublik und Anfang der 1980er Jahre in der ehemaligen DDR beendet.

Und sie haben wahrscheinlich ein andere Sexualverhalten als ein jetzt 24-Jähriger und stecken sich vielleicht einfach deshalb weniger an. Vor diesem Hintergrund kommen auch diejenigen, die noch von damals geimpft sind, trotzdem in die Lotterie mit hinein, wenn sie zu einer Risikogruppe zählen.

Werden wir damit die „Affenpocken“ schnell wieder los?
Ich gehe davon aus, dass die MPXV irgendwann wieder verschwinden. Die Erwartung ist, dass man nach einer durchgemachten Infektion und nach der vollständigen Impfung eine lebenslange Immunität aufbaut. Irgendwann findet das Virus niemanden mehr, der nicht immun ist und die Infektionsketten reißen ab. Doch wie gesagt: Im Prinzip kann jeder, der engen Kontakt mit einem Infizierten hat, sich anstecken. Deshalb ist das Reservoir derjenigen, die sich infizieren können, auch sehr groß. Eine Weile werden wir wohl damit leben und uns also auch davor schützen müssen.

Ingo Bach
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