„Nachholeffekt“ bei Atemwegsinfekten: Was die fehlenden Corona-Maßnahmen für das Immunsystem bedeuten
Akute Atemwegserkrankungen sind in Deutschland wieder verstärkt im Umlauf.
Foto: dpaBerlin. Eine laufende Nase, trockener Husten, hohes Fieber – aber keine Corona-Infektion. Akute Atemwegserkrankungen (ARE), die in der Pandemie seltener geworden sind, sind in Deutschland wieder verstärkt im Umlauf. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Instituts (RKI) schätzt die Zahl der derzeitigen Arztbesuche wegen ARE auf knapp eine Million pro Woche. Die Zahl bezieht sich auf ganz Deutschland und auf die Woche zwischen dem 6. und 12. Juni 2022. Die ARE-Aktivität liege damit schätzungsweise zwei bis drei Mal höher als in den Saisons vor der Corona-Pandemie.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt eine Co-Zirkulation verschiedener Atemwegserreger, wie Influenza, Rhinoviren, Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) oder Coronaviren, so auch speziell Sars-CoV-2. In den Wintermonaten konnten sich die meisten Atemwegserreger wegen des Verhaltens großer Teile der Bevölkerung nicht wie üblich ausbreiten – jetzt setzt ein „Nachholeffekt“ ein, wie es auch im Bericht der Arbeitsgemeinschaft heißt.
Es gibt keine verpflichtenden Schutzmaßnahmen mehr, viele Menschen verzichten auf einen Mund-Nasen-Schutz, sie treffen sich gerne und viel mit anderen – zu einer Zeit, wo eben mehrere Viren gleichzeitig zirkulieren. Für den Effekt der aufgehobenen Corona-Maßnahmen spricht auch, dass im Sommer 2021 insgesamt weniger ARE-Fälle verzeichnet wurden – damals waren Maske und Abstand, vor allem in Innenräumen, verpflichtend.
Auch der Deutsche Hausärzteverband bestätigt, dass das Infektionsgeschehen in den letzten Wochen deutlich angezogen hat. Die Hausarztpraxen würden seit Beginn der Pandemie unter Hochdruck arbeiten. Aktuell sei das Patientenaufkommen, auch im Vergleich zum letzten Sommer, jedoch besonders hoch. „Wir sehen im Moment viele Patientinnen und Patienten mit Corona-Erkrankungen aber auch mit saisonal eigentlich untypischen grippalen Infekten, Durchfallerkrankungen und so weiter“, sagte ein Sprecher. Von dieser Erkrankungswelle würden auch die Hausärzt:innen und die Praxisteams nicht verschont, die dann zum Teil längere Zeit ausfielen.
Die Entwicklung heißt allerdings nicht, dass Menschen nun „empfindlicher“ gegenüber Erregern sind, weil sie sich zuvor zwei Jahre lang verstärkt geschützt haben, sagte Michael Pfeifer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und konservative Intensivmedizin am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg.
Auch Martina Prelog, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Würzburg, bestätigt das. Die Viren konnten durch Restriktionen wie auch Lockdowns nicht so gut zirkulieren und würden erst jetzt auf das Immunsystem treffen. „Das Immunsystem wurde zwar im letzten Sommer dadurch weniger ,trainiert’“, sagte sie, „aber es kann sich meist doch noch an die vorpandemischen Erregerkontakte ,erinnern’, weshalb die ARE jetzt auch meist mild ausfallen“.
Das Immunsystem sei in den vergangenen zwei Jahren sicherlich ein Stück weit geschont worden, aber nicht überflüssig geworden, sagte auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Es sei kein „Muskel“, das sich zurückbildet, wenn es nicht oder weniger gebraucht wird. Das Immunsystem hatte ja dennoch zu tun: „Menschen kommen nicht nur über die Atemwege, sondern auch über die Haut oder die Nahrung mit Krankheitserregern in Kontakt, sodass das Immunsystem anspringt“, sagte er.
RSV-Fälle bei Kindern: Boom im Oktober 2021
Bei Kindern sieht die Lage etwas anders aus. „Da hatten wir tatsächlich im letzten Jahr plötzlich die Situation, dass RSV-Virusinfektionen deutlich angestiegen sind. Das war auffallend“, so Pfeifer. Das macht auch eine Studie deutlich, die im „The Journal of Infectious Diseases“ veröffentlicht wurde. Dort schreiben Kölner Forschende, dass es im Oktober 2021 zu einem regelrechten Boom der RSV-Fälle bei Kindern zwischen null und vier Jahren gekommen ist. In diesem Monat seien auch die meisten Fälle verzeichnet worden, ab November ging die Zahl dann langsam, aber stetig zurück.
Seit Januar 2022 treten bundesweit nur noch vereinzelt Fälle auf, wie auch eine Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie zeigt. RSV kann schwere Lungenentzündungen hervorrufen und insbesondere für Frühgeborene, Säuglinge und Kleinkinder gefährlich sein.
Eine Hypothese für diese Entwicklung lautete, dass es bei Kleinkindern und Kindern die Folge der fehlenden Auseinandersetzung mit Krankheitserregern, eben durch die flächendeckenden Corona-Maßnahmen oder Lockdowns, war, erklärt Pfeifer. Ob das als „Nachholeffekt“ beschrieben werden kann, sei aber unklar. Der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie bleibt bei dem Begriff skeptisch. Denn es gebe immer wieder Situationen, wo bestimmte Viren häufiger in der Bevölkerung und auch bei Kindern auftreten.
Auch der Immunologe Carsten Watzl berichtete, dass man bei manchen Erkältungskrankheiten alle zwei, drei Jahre fällig sei. „Dafür sind zum Beispiel saisonale Coronaviren ein Beispiel. Wer die während der vergangenen zwei Jahre verpasst hat, kann jetzt mehrere Erkältungen nacheinander kriegen.“
Mehr chronische Atemwegserkrankungen
Gerade bei den chronischen Atemwegserkrankungen gebe es zwar wieder eine Zunahme an Fällen, „aber im Sinne des Normalen, was wir schon vor dem Beginn der Sars-Cov-2-Pandemie immer erlebt haben“, sagte Pfeifer. „Wir können aber nicht bestätigen, dass der jetzige Anstieg übermäßig stark ist.“
Wahrscheinlich gibt es ein Über-Reporting der ARE-Fallzahlen durch das RKI, weil „eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber ARE herrscht und viele Erkrankte häufiger und schneller zum Arzt gehen und auch viele Erregernachweise erbracht werden“, sagte Martina Prelog. Es könnte auch sein, dass Menschen schon bei sehr milden Symptomen zum Arzt gehen. Auch Watzl sagte: „Viele von uns haben sich in der Pandemie daran gewöhnt, lange Zeit am Stück keine Erkältungen mehr zu haben. Dabei war es davor schon so, dass man immer wieder einmal betroffen war.“
Auf zwei Monitoren sind Computertomographieaufnahmen der Lunge eines Covid19-Patienten zu sehen. Die linke Aufnahme wurde zu Beginn der Behandlung der Coronainfektion angefertigt - die rechte Aufnahme 13 Tage später.
Foto: dpaDer Pneumologe Michael Pfeifer geht davon aus, dass in Kliniken und Praxen künftig mehr Infektionen behandelt werden müssen, weil sich Menschen weniger schützen. „Den Effekt des Maskenschutzes hatten wir den letzten Jahren deutlich gemerkt: Es wurden viel weniger Patienten mit Atemwegserkrankungen und dergleichen behandelt“, sagte er. Insgesamt glaube er, dass Menschen – vor allem chronisch Kranke – vorsichtiger geworden sind und sich viel mehr schützen als früher. „Ich glaube nicht, dass wir wieder auf ein Niveau kommen werden, wie wir sie vor der Pandemie hatten.“ Expert:innen sind sich einig, dass man sich neben Sars-CoV-2 auch gegen Influenza impfen lassen sollte.