Viruslinie B.1.1.7: Wie gefährlich ist die Corona-Mutation? Britische Forscher haben neue Erkenntnisse
Noch ist unklar, ob die Virusvariante in Deutschland angekommen ist.
Foto: dpaDüsseldorf. In Teilen Großbritanniens breitet sich eine neue Form des Coronavirus aus. Da diese möglicherweise besonders ansteckend sein könnte, haben mehrere europäische Länder, darunter auch Deutschland, den Flugverkehr mit Großbritannien gestoppt. Doch was ist bislang über die mutierte Form des Virus Sars-CoV-2 bekannt? Fragen und Antworten:
Was unterscheidet das mutierte Coronavirus vom bisher bekannten Virus?
Wichtig ist: Viren mutieren ständig. Auch der Corona-Erreger Sars-CoV-2 liegt laut Analysen bereits in unzähligen Formen vor, die sich alle leicht voneinander unterscheiden. Die neue Viruslinie mit der Bezeichnung B.1.1.7 macht neuen Untersuchungen zufolge das Coronavirus sehr wahrscheinlich leichter übertragbar.
Zu diesem Schluss kommen Experten der englischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHS). Sie verweisen dabei auf Erbgut-Untersuchungen der neuen Variante und auf Modellrechnungen zur Ausbreitung. Eine der rund 20 Mutationen der neuen Variante dürfte insbesondere dazu beitragen, dass das Virus leichter übertragen werden könne.
Ist das mutierte Virus tatsächlich ansteckender? Ist es gefährlicher?
Den PHS-Forschern macht insbesondere eine Mutation mit der Bezeichnung N501Y Sorgen. Sie könnte den Daten zufolge dafür sorgen, dass das Virus besser an Zielzellen andocken kann. Zudem liege die Mutation an einer Stelle, an der auch bestimmte Antikörper des Menschen angreifen, um das Virus auszuschalten. „Deshalb ist es möglich, dass solche Varianten die Wirksamkeit beim Neutralisieren des Virus beeinflussen.“
Der deutsche Virologe Christian Drosten schrieb zu den PHS-Daten:
Dem „Spiegel“ sagte der Bioinformatiker und Professor an der Universität Basel, Richard Neher, bereits am Sonntag, er gehe davon aus, dass „es Grund zur Sorge“ gebe. Die Vermutung, dass sich diese Mutation besonders leicht verbreite, sei naheliegend. Dabei gehe es vor allem um Veränderungen eines bestimmten Proteins an der Virusoberfläche. Dieses Spike-Protein sitzt an der äußeren Hülle des Virus und gibt den Coronaviren ihren Namen: Unter dem Mikroskop erinnern die Spike-Proteine zusammen an die Form einer Krone.
Unklar ist, ob der Ausspruch des britischen Premierministers Boris Johnson, wonach die Mutation „um bis zu 70 Prozent ansteckender“ sei, haltbar ist. Britische Forscher berichteten am Samstag in einer ersten Beschreibung der Mutation, eine Kombination einzelner Mutationen, die in der Viruslinie B.1.1.7 gemeinsam auftreten, könnte das Virus „fitter“ machen und die Übertragung erleichtern. Allerdings müssen dazu noch weitere Daten gesammelt werden, schreiben die Wissenschaftler.
Bislang gibt es noch keine Hinweise darauf, dass Infektionen mit dem mutierten Virus zu schwereren Krankheitsverläufen führen. Das schreiben Forscher des britischen „Covid-19 Genomics UK Consortium“, die die einzelnen Formen des Coronavirus in Großbritannien erforschen. Auch dazu brauche es noch weitere Studien.
Wann ist das mutierte Coronavirus erstmals aufgetreten?
Berichten zufolge ist die neue Virusform am 20. September erstmals in Südengland nachgewiesen worden. Die „Welt“ berichtete allerdings am Montag, dass die Variante schon seit Monaten in Belgien bekannt sei. Inzwischen ist das mutierte Virus wohl schon für die Mehrheit aller Neuinfektionen in der britischen Hauptstadt London verantwortlich. Der Bioinformatiker Neher hält es durchaus für möglich, dass eine Virusform alle anderen Mutationen des Virus verdrängt. Dies sei bereits zu Beginn der Pandemie beobachtet worden.
Wirken die kürzlich vorgestellten Impfstoffe auch gegen die mutierte Variante?
Der Impfstoffproduzent Biontech weiß nach eigener Auskunft nicht mit Sicherheit, ob sein Corona-Impfstoff Schutz gegen die neu entdeckte Virusvariante bietet. Aus wissenschaftlicher Sicht sei dies aber sehr wahrscheinlich.
Ähnlich äußerte sich RKI-Impfexperte Ole Wichmann am Dienstag. Es bestehe der Anlass anzunehmen, dass der Impfstoff auch gegen die aktuelle Mutation des Virus helfe.
Der Düsseldorfer Diagnostikexperte Ortwin Adams erläuterte im Radiosender WDR 5: Das Virus habe sich zwar verändert, und das brauche Aufmerksamkeit. „Aber man darf sich das nicht so vorstellen, dass man jetzt als Immunantwort auf diesen Impfstoff nur eine einzige Form von Antikörpern produziert. Man bildet eine ganze Armee aus“, sagte der Experte vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Düsseldorf. Wenn „mal ein einzelner Soldat“ ausfalle, gebe es noch genügend andere für den Angriff.
Ähnlich äußerte sich der Virologe Christian Drosten, der an der Berliner Charité an Coronaviren forscht, bereits am Montag. „Es ist schon so, dass eine bessere Bindung an den Rezeptor Konkurrenz zu Antikörpern machen kann und Antikörper dann vielleicht schlechter binden“, sagte Drosten im Deutschlandfunk. „Aber wir haben eine Riesenmischung von Antikörpern als Reaktion auf den Impfstoff, und das wäre hier nur einer oder ganz wenige Antikörper, die das betreffen würde.“
Auch die europäische Zulassungsbehörde Ema rechnet damit, dass etwa der Biontech-Impfstoff auch gegen die neue Virusmutation wirkt. Es sei sehr wahrscheinlich, dass er auch gegen die neue Variante schütze, erklärte die Ema, die den Impfstoff am Montag zur Zulassung empfohlen hatte.
Biontech wäre nach eigenen Angaben prinzipiell binnen sechs Wochen in der Lage, auch ein Präparat gegen die in Großbritannien aufgetauchte Mutation des Virus herzustellen. „Das ist aber eine rein technische Überlegung“, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin am Dienstag. Es gehe dabei nicht nur um technische Fragen, sondern auch darum, wie etwa die Zulassungsbehörden dieses Präparat bewerten würden.
Die Plattform des bisherigen Impfstoffs würde bei einer etwaigen Weiterentwicklung nicht angetastet, erläuterte die medizinische Geschäftsführerin und Biontech-Mitgründerin Özlem Türeci. In diesem Fall würde es darum gehen, inwieweit die Behörden die bereits eingereichten Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten des jetzigen Vakzins als Basis akzeptierten. Dies wiederum würde die Dauer eines möglichen Zulassungsprozesses beeinflussen.
Wo ist die neue Virusform bisher nachgewiesen worden?
Nach aktuellem Stand gibt es Berichte über Virusnachweise aus Island, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Italien und Australien. Die in Südafrika aufgetretene Virusmutation ähnelt derjenigen aus Großbritannien stark. Deswegen gilt das bundesweit verhängte Landeverbot auch für Passagiermaschinen aus Südafrika.
Die EU-Kommission geht nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) davon aus, dass das mutierte Coronavirus bereits etliche EU-Staaten erreicht hat. In Deutschland ist bislang noch kein Corona-Fall registriert worden, der auf die neue Mutation zurückgeht. Das bestätigte RKI-Chef Lothar Wieler in einer Pressekonferenz am Dienstag. Der Virologe Drosten geht aber davon aus, dass die Mutation bereits in Deutschland angekommen ist, schrieb er am Montag.
Bereits im November hatte die dänische Regierung mehrere Millionen Zuchtnerze töten lassen, nachdem eine mutierte Variante des Virus bei einzelnen Tieren nachgewiesen worden war. Allerdings handelte es sich dabei wohl um eine andere Mutation als jene, die sich derzeit in Großbritannien stark verbreitet.
Mit Agenturmaterial