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Serie Klimapioniere Badebomben-Erfinder Lush treibt Kosmetikkonzerne vor sich her

Unverpackte Produkte und Recycling liegen im Trend: Der britische Kosmetikhersteller Lush gibt mit seinen Umweltideen der Branche den Takt vor.
08.06.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Die Kosmetikkette ist besonders bei jungen Kunden beliebt.  Quelle: mauritius images / Ira Berger /
Lush-Produkte in einer Filiale in New York

Die Kosmetikkette ist besonders bei jungen Kunden beliebt. 

(Foto: mauritius images / Ira Berger / )

Düsseldorf, London Als ihr oberster Chef Mark Constantine vor 17 Jahren plötzlich in der Filiale stand, nutzte die Verkäuferin und Umweltaktivistin Ruth Andrade ihre Chance. „Ich habe ihm gesagt, wir machen beim Recycling schon vieles richtig, aber vieles auch nicht“, erzählt sie. Constantine, Gründer der britischen Kosmetikkette Lush, fragte seine junge Angestellte, ob sie ihm eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen schicken könne. Andrade nickte, kurz darauf wurde sie zur Umweltbeauftragten der Firma befördert.

Heute blickt die Managerin, die laut ihrem Jobtitel mit der „Pflege des Planeten“ betraut ist, mit Stolz auf ihre Bilanz zurück. In der Kosmetikbranche gilt Lush mittlerweile als Klimapionier und setzt immer neue Maßstäbe.

Beispiel Verpackungen: Die Hälfte aller Lush-Produkte ist laut Firmenangaben „naked“, wird also ganz ohne Verpackung verkauft. Die andere Hälfte der Produktpalette ist mit recyclebarem Material umhüllt. Man könne frische Kosmetik auch „ohne zig Schichten aus Plastikfolie“ anbieten, sagt Andrade.

Damit gehört Lush zu den Vorreitern einer Branche, deren Unternehmen sich früher mit Verpackung gegenseitig übertrumpften. Lush brach von Stunde eins an mit den Branchenregeln. Die mehr als 900 Läden erinnern eher an farbenfrohe, wohlriechende Wochenmarktstände als an kühle Forschungslabore, wie sie Kosmetikmarken wie L’Oréal gern inszenieren. So können sich Kunden Seifenstücke in beliebiger Größe abschneiden lassen und in recycelbaren Papiertüten nach Hause transportieren.

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    „Lush hat das Thema naturnahe Kosmetik für den Konsumenten sehr attraktiv gemacht“, meint Meike Gebhard, Geschäftsführerin der Nachhaltigkeitsplattform Utopia. Produkte wie die Badebombe machten „einfach Spaß“.

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    Zwar erntet Lush auch regelmäßig Kritik wegen vager Nachhaltigkeitsziele und mangelnden Arbeitsschutzes in der Produktion. Aber der Einfluss der Firma auf die Branche ist unbestreitbar: So haben inzwischen Dutzende Nachahmer das feste Shampoo kopiert, das Lush patentiert hat.

    Auch die Idee der Permakultur bei der Rohstoffgewinnung, also ein ökologisch nachhaltig gedachtes Konzept für den Anbau der landwirtschaftlichen Inhaltsstoffe, breitet sich immer stärker aus. „Wir sehen eine große Veränderung in der Branche“, sagt Andrade. „Die Zahl der Firmen, die recyceltes Plastik und bessere Rohstoffe benutzen, ist immens gestiegen.“

    Das Umweltbewusstsein der Branche hat sich in den vergangenen fünf Jahren drastisch verändert. „Es gibt eigentlich kaum mehr ein Kosmetikunternehmen, das nicht mehr oder weniger konkrete Nachhaltigkeitsziele verfolgt“, meint Martin Ruppmann, Geschäftsführer des Kosmetikverbands VKE.

    In einer noch unveröffentlichten Studie des VKE gaben mehr als 90 Prozent der befragten Unternehmen an, sie würden ihre Maßnahmen in Bezug auf ökologische oder soziale Nachhaltigkeitsprojekte in Zukunft weiter erhöhen.

    Utopia-Chefin Gebhard sieht in der Coronakrise einen klaren Verstärker für Nachhaltigkeit in der Kosmetikbranche. „Die Menschen sind viel gesundheitsbewusster geworden“, sagt sie.

    Patent für feste Shampoos

    Lush hat diesen Trend vor mehr als 25 Jahren zum Geschäft gemacht. Die Firma entstand 1995 im gleichen Milieu wie der 20 Jahre zuvor gestartete Body Shop von Anita Roddick, der britischen Pionierin der Naturkosmetik.

    Constantine war mit seinem Direktversand Cosmetics to Go, der Vorgängerfirma von Lush, jahrelang der größte Lieferant für Body Shop. Er erfand bekannte Produkte wie die Body-Butter, durfte aufgrund eines exklusiven Liefervertrags jedoch keine eigenen Läden eröffnen. 1994 ging Cosmetics to Go pleite, nachdem eine zu populäre Rabattaktion im Direktversand hohe Verluste brachte.

    Mit der Eröffnung ihrer ersten Lush-Filiale im südenglischen Poole traten Constantine und seine Frau Mo in direkte Konkurrenz zu Body Shop. Dessen Gründerin Roddick verkaufte die Firma 2006 an den französischen Kosmetikkonzern L’Oréal, weltweit die Nummer eins im Kosmetikmarkt. Der Schock in der britischen Umweltszene war groß. „Es gab dieses Gefühl, dass Body Shop unsere Ideale an L’Oréal verkauft“, erinnert sich Andrade.

    Für Lush war es eine Chance. Fortan beanspruchte die Firma die Führungsrolle im ethischen Einzelhandel und kultivierte das eigene Image durch geschickte PR-Aktionen. 2007 zogen sich Lush-Verkäufer in mehreren Städten nackt aus und stellten sich nur mit einer Schürze bekleidet in die Läden. Die „Go Naked“-Kampagne gegen Plastikverpackungen erhielt gewaltige Aufmerksamkeit.

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    Die Verpackungen sind bis heute eine zentrale Herausforderung für das Unternehmen. Zwar ist Lush bekannt für Erfindungen wie die Badebomben und feste Shampoos, die ohne Verpackung auskommen. Besonders die Deutschen lieben die Unverpackt-Produkte: Nirgendwo auf der Welt ist ihr Anteil am Gesamtabsatz höher als in den Lush-Filialen in Berlin (81 Prozent) und Hannover (72 Prozent).

    Doch ohne Kunststoff geht es auch bei Lush nicht, das zeigt ein Blick in jede beliebige Filiale. Das Experiment mit dem „Naked Shop" am Berliner Alexanderplatz, wo es ausschließlich unverpackte Produkte gab, wurde vergangenes Jahr beendet. Viele Kunden bevorzugten Duschgel und Bodylotion in flüssiger Form, erklärt Lush den Sinneswandel.

    Immerhin benutzt die Firma ausschließlich wiederverwertbares Plastik und ermuntert die Kunden mit finanziellen Anreizen zur Rückgabe der Behälter. In Großbritannien betreibt Lush seit 2015 sogar ein eigenes Recyclingzentrum, in Deutschland wird der Müll an eine Partnerfirma in Kroatien geliefert. Drei Viertel aller zurückgebrachten Verpackungen werden laut dem Nachhaltigkeitsbericht der Firma wiederverwertet, ein knappes Viertel wird in der Müllverbrennungsanlage in Energie umgewandelt. Nur ein Prozent landet demnach auf der Müllkippe.

    Die Schwachstelle bei dem Konzept ist wie so häufig der Kunde: In Ländern wie Großbritannien oder Deutschland bringt nur jeder zehnte die leeren Verpackungen zurück ins Geschäft. Ein großer Teil des Abfalls dürfte daher doch auf der Müllkippe landen.

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    Noch wichtiger als die Verpackungen sind Verbesserungen in den Lieferketten. Denn diese machen den größten Teil des CO2-Fußabdrucks der Firma aus. Bei der Produktion von Rohstoffen setzt Lush seit 2009 zunehmend auf eine regenerative Landwirtschaft. 

    In Portugal etwa hat Lush in die Firma Cork Connections investiert. Diese produziert den Kork für den Cork Pot, einen biologisch abbaubaren Behälter für die festen Shampoos. 140.000 dieser Cork Pots wurden bereits verkauft, zugleich wurden mehr als 30.000 Bäume gepflanzt. Das habe der Atmosphäre 168 Tonnen an CO2 entzogen, sagt Andrade.

    Im Libanon hat die Firma vor vier Jahren ein Joint Venture gegründet, um Neroli-Öl aus Orangenblüten zu produzieren. Die Firma hat dafür 11.000 Orangenbäume zusammen mit Wildblumen gepflanzt, um den kargen Boden zu verbessern. Die Zahlen zur Reduktion der CO2-Emissionen würden noch ausgewertet, sagt Andrade. Aber die Biodiversität habe sich schon dadurch erhöht, dass man keine Pestizide verwende.

    Branchenexperten werfen der Lush-Führung Intransparenz vor. Der Kosmetikhersteller lasse seine Versprechen von keinem unabhängigen Zertifizierer überprüfen, moniert etwa das Nachhaltigkeitsportal Utopia. BDIH, Nature oder Cosmos garantierten normalerweise, dass sich die Hersteller an festgelegte Nachhaltigkeitsstandards halten. Statt auf Siegel und Zertifizierungen setze Lush auf eigene Richtlinien und Standards.

    Kritik wegen Arbeitsbedingungen

    Für Utopia steht daher fest: Lush ist kein Hersteller von Naturkosmetik. „Es gibt keinen festgelegten Anteil an Inhaltsstoffen natürlichen oder gar biologischen Ursprungs. Im Gegensatz zu Naturkosmetik-Herstellern verwendet Lush synthetische Inhaltsstoffe.“

    Das Unternehmen kassiert auch aus anderer Richtung kräftig Kritik – und zwar wegen der Arbeitsbedingungen in den Läden und Fabriken. Dadurch, dass alle Produkte per Hand gefertigt werden, sind Mitarbeiter besonders den starken Düften und Chemikalien ausgesetzt. Auch in der Düsseldorfer Manufaktur gab es Klagen über die schlechte Luft und unzureichenden Arbeitsschutz. Die Firma habe daraufhin die Produktion der Badebomben gedrosselt und ein neues Ventilationssystem eingebaut, sagt Andrade.

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    Man habe die Fabrik in Deutschland mit einem „britischen Mindset“ eröffnet, räumt sie ein. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns daran angepasst haben, wie die Dinge in Deutschland gehandhabt werden.“ Auch in Großbritannien und anderen Ländern habe man den Arbeitsschutz verbessert. Den Einsatz von Maschinen will Lush jedoch weiterhin auf ein Minimum begrenzen. Die Idee von „handmade“ sei sehr wichtig für die Marke, sagt Andrade.

    Auch Mitarbeiter in den Läden werfen Lush immer wieder vor, sie unter Druck zu setzen und zu aufdringlichen Verkaufsstrategien zu drängen. Verkäufern, die ihre Verkaufsziele nicht erreichten oder die Unternehmenspolitik kritisierten, soll angeblich gekündigt worden sein. Einige sprachen von Angst vor Überwachung durch den Arbeitgeber. Auch Sexismus-Vorwürfe wurden laut. Lush kontert: Man habe einen Retail-Support eingerichtet, bei dem sich Mitarbeiter melden können, wenn es Probleme gibt.

    Lush ist bis heute ein Familienunternehmen. Das Ehepaar Constantine führt die Geschäfte. Sohn Jack ist für die Digitalstrategie zuständig, die in der Corona-Pandemie noch an Bedeutung gewonnen hat. Der Anteil des Onlinehandels ist im vergangenen Jahr von elf auf 30 Prozent des Gesamtumsatzes gestiegen.

    Insgesamt fiel der Umsatz der Lush-Gruppe aufgrund der Corona-Lockdowns um ein Fünftel auf 800 Millionen Pfund. Die Gewinnzahlen für 2020 liegen noch nicht vor, ein Verlust ist aber wahrscheinlich. Im Vorjahr hatte das Nettoergebnis zwei Millionen Pfund betragen.

    Die Pandemie habe die Strategien für online und offline geschärft, sagt Andrade. „Vor Covid waren wir ein Einzelhändler, der auch online verkauft hat. Jetzt sind wir ein Digitalunternehmen mit digitalen Strategien.“

    Die Präsenz in den Einkaufsstraßen soll bei Lush jedoch ein grundlegender Teil der Strategie bleiben. Laut Andrade sind Investitionen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien geplant – sowohl in neue wie bestehende Läden. Auch die Umweltstrategie wird weiterentwickelt. Denn Andrade hat ein ambitioniertes Ziel: „Ich möchte sagen können, dass es der Erde besser geht, weil es Lush gibt.“

    Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.

    Mehr: Suchmaschine Ecosia: Bäume bilanzieren statt Gewinne maximieren.

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