Börsenkurse: Deshalb laufen die Aktienmärkte der Realwirtschaft davon
Düsseldorf. Mit 43,6 Billionen Euro sind die 100 nach Börsenwert größten Konzerne der Welt 32 Prozent mehr wert als noch vor einem Jahr. Fast alle Aktienkurse stiegen deutlich an. Am stärksten fiel das Plus beim Halbleiterspezialisten Nvidia mit 190 Prozent und der Softwarefirma Palantir mit fast 400 Prozent aus.
Im Vergleich zur Realwirtschaft fällt allerdings auf: Im selben Zeitraum haben die 100 größten Konzerne ihre Nettogewinne nur um knapp zehn Prozent auf 1,8 Billionen Euro erhöht. Diese Diskrepanz aus stärker steigenden Aktienkursen und sich schwächer entwickelnden Realgewinnen lässt die Börsenbewertung immer weiter steigen.
Spekulationsblase nicht zu erkennen
Jan Viebig, Chefanlagestratege der Bank Oddo BHF beschreibt den Trend: „Die Aktienmärkte sind teilweise hoch bewertet.“ Dennoch fügt er hinzu: „Es ist nicht zu erkennen, dass sich eine Spekulationsblase aufgebaut hätte.“
Die positive Aktienperformance im laufenden Jahr wurde allerdings vor allem von einigen wenigen Technologiewerten mit einer hohen Marktkapitalisierung getrieben. „Die extreme Konzentration am Aktienmarkt stellt ein zentrales Risiko im Jahr 2025 dar“, warnt der Anlageexperte daher. Er empfiehlt mit Blick auf das kommende Jahr eine breitere Streuung der Anlagen. Anlegerinnen und Anleger sollten sich also nicht einseitig auf einzelne Aktien oder Branchen wie IT konzentrieren.
Wer ermessen will, wie hoch Aktien bewertet sind, setzt die Gewinne der Unternehmen ins Verhältnis zu ihren Aktienkursen. Das ist an den Finanzmärkten die gängige Methode, um zu ermessen, ob die spekulative Börse der Realwirtschaft davonläuft – oder nicht.
Aktuell kosten die 100 nach Börsenwert größten Unternehmen nach Handelsblatt-Berechnungen den knapp 24-fachen Jahresnettogewinn. Basis dafür sind die bilanzierten Gewinne der letzten vier Quartale.
Weil Aktionäre aber gerne vorausblicken, ist eine in die Zukunft gerichtete Kennzahl aussagekräftiger: Gemessen an den von Analysten im Durchschnitt in den nächsten vier Quartalen erwarteten Gewinnen kosten die Top 100 – und heruntergerechnet ihre Aktien – den 20,6-fachen Jahresnettogewinn.
Das auf diese Weise ermittelte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt gut 20 Prozent über dem langfristigen Durchschnitt. Damit sind Aktien hoch bewertet. Vor einem Jahr lag das KGV noch bei 19,9, vor zwei Jahren waren es 17,9. Aktien werden also immer teurer.
Die Vergangenheit hat allerdings auch schon gezeigt, dass noch wesentlich höhere Werte möglich sind. So waren die Aktien in den Top 100 zu den Hochzeiten der Dotcom-Blase kurz nach der Jahrtausendwende mit einem KGV von gut 30 sehr viel höher als heutzutage bewertet.
Der Blick auf Einzelaktien offenbart indes große Unterschiede. Die Top vier dieser Welt sind: Apple, Nvidia, Microsoft und Amazon. Sie erreichen allesamt eine hohe Bewertung mit einem KGV von mehr als 30.
Die preiswertesten Aktien unter den großen amerikanischen Technologiewerten sind hingegen Alphabet mit einem KGV von 20,9 gefolgt von Meta mit 22,4. Wirklich günstig ist aber auch das nicht.
Um als Anlegerin oder Anleger daher fündig zu werden, lohnt der Blick außerhalb der angesagten IT-Branche. Und dort ragen bei den großen Finanztiteln vor allem zwei US-Werte heraus: JP Morgan Chase mit einem KGV von 13,9 und Bank of America mit 11,9.
In der Ölbranche, die unter dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump mutmaßlich auf ein größeres Wohlwollen treffen wird, sind Exxon Mobil mit einem KGV von 13,1 und Chevron mit 12,6 moderat bewertet. Der europäische Shell-Konzern erscheint mit einem KGV von 8,1 sogar noch attraktiver. Ganze acht Jahre benötigt Shell, um seinen Börsenwert netto zu verdienen.
Deutlich preiswerter ist der große Autohersteller Toyota mit einem KGV von 9,0. Noch billiger sind nur die für Anlegerinnen und Anleger wesentlich intransparenteren chinesischen Banken: China Construction Bank, Agricutural Bank und Bank of China haben das niedrigste KGV unter den Top 100 mit Werten zwischen vier und fünf.
Das wirft die Frage auf: Werden hoch bewertete Aktien künftig fallen und niedrig bewertete Titel im Gegenzug steigen? Doch ganz so einfach ist es leider nicht.
Wäre dem so, dann hätten die Aktienkurse von BMW, Mercedes und VW schon seit langer Zeit das größte Aufwärtspotenzial. Die drei großen deutschen Autohersteller – aufgrund ihres niedrigen Börsenwerts nicht mehr im Ranking der Top 100 enthalten – sind mit einem KGV zwischen dreieinhalb und knapp sechs am niedrigsten bewertet.
Die meisten Aktionäre und Analysten gehen bei den deutschen Autoherstellern allerdings von künftig sinkenden Gewinnen aus. So begründen sich die niedrigen Bewertungen. Sinkende Gewinne lassen die Bewertungen nämlich steigen – ein Effekt, den Aktionäre oftmals vorweg vollziehen. Deshalb zählen Autoaktien trotz ihrer niedrigen Bewertung seit Jahren zu den größten Verlierern an den Börsen.
Dagegen sind hohe Bewertungen oftmals sogar ein Gütezeichen. Hoch bewertete Aktien gelten an den Finanzmärkten am ehesten dann als gerechtfertigt, wenn die Unternehmen ihre Gewinne stark steigern – oder zumindest das Potenzial dafür haben. Auf diese Weise wachsen die Aktien in ihre hohe Bewertung hinein.
Paradebeispiel dafür ist Nvidia. Seit 2021 legte der Aktienkurs um sagenhafte 1000 Prozent zu. Im selben Zeitraum erhöhte sich der Nettogewinn des Halbleiterspezialisten aber noch stärker um knapp 1500 Prozent auf 58 Milliarden Euro.
Die Aktie ist deshalb trotz einer Verzehnfachung des Kurses nicht teurer, sondern preiswerter geworden. Das bedeutet, die Aktie wächst in ihre hohe Bewertung hinein.
Bislang hat es Nvidia immer geschafft, die Erwartungen der Analysten und Aktionäre zu übertreffen. Dies wird aber mit Blick auf die Zukunft zunehmend schwieriger, weil die Vorjahresvergleichszahlen immer weiter steigen. Im kommenden Jahr misst Nvidia sich mit einem Nettogewinn von 58 Milliarden Euro. Vervielfachungen wie in der Vergangenheit erscheinen allein aus mathematischen Gründen kaum noch möglich.
Insofern bergen die hohen Bewertungen Chancen, weil die Unternehmen oftmals sehr stark wachsen, langfristig aber auch Risiken. Der Chefanlagestratege der Deutschen Bank, Ulrich Stephan, ergänzt dazu: „Die Aktienmärkte in den USA sind zwar hoch bewertet, bieten jedoch überdurchschnittliche Gewinnerwartungen.“
Tech-Werte bleiben seiner Meinung nach relevant, wenngleich sich deren Gewinnwachstum voraussichtlich normalisieren wird. Stephan rät Anlegern deshalb ebenfalls dazu, das Geld künftig breiter zu verteilen: „Auch kleinere und mittelgroße Unternehmen könnten von den stabilen Wachstumsaussichten profitieren.“
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Dahinter steckt die Erwartung, dass der künftige US-Präsident Donald Trump vor allem die heimische Konjunktur stützen will. Das kommt vor allem Firmen zugute, die ihr Geld im Inland verdienen.
Oliver Grass, Vermögensverwalter der Fürst Fugger Privatbank empfiehlt daher, dass bei US-Titeln deshalb eine Reduzierung der Technologietitel zugunsten des breiten Markts zu überlegen sei. Denn kleinere und mittlere Titel, gerade auch der „Old Economy“, dürften durch die erwartete Wirtschaftspolitik der Trump-Regierung Rückenwind bekommen. Sie profitierten etwa von Importzöllen für ihre ausländischen Konkurrenten.
In einem sind sich Analysten mit Blick auf 2025 ebenfalls einig. Sie warnen davor, sich komplett vom US-Markt zu verabschieden, auch wenn die Bewertungen bereits hoch sind. „Die politische Entwicklung in den USA muss man nicht gutheißen“, sagt etwa Chefanlagestratege Viebig und rät: „Sich vom US-Aktienmarkt zu früh abzuwenden, könnte sich jedoch als Fehler erweisen. Einer der nach unserer Überzeugung besten Ratschläge für 2025 lautet: Investieren Sie international.“
Erstpublikation: 26.12.2024, 18:17 Uhr.